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Volker Braun zum 75.: "Leuchte durchs Dummheitsgebirg!"

Volker Braun zum 75.: "Leuchte durchs Dummheitsgebirg!"

Mehr als eine Festschrift, ein Dialog soll es sein, in den 100 Freunde, Künstler und Autoren mit Volker Braun treten, um ihn zu feiern. Pünktlich zum 75. Geburtstag des Lyrikers, Dramatikers und Erzählers am 7. Mai ist "Was immer wird, es wühlt im Hier und Jetzt" im Lehmstedt Verlag erschienen.

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Ständiger und kritischer Beobachter der Arbeits- und Lebensbedingungen: Volker Braun wird heute 75.

Quelle: dpa

Parallel legt Volker Braun bei Suhrkamp sein "Arbeitsbuch 1990 - 2008" vor, Teil 2 der "Werktage".

Der Harlekin setzt die Schere an, seine Kappe zu stutzen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt" hat Angela Hampel ihre Grafik benannt, eine der Illustrationen im opulenten Band "Was immer wird, es wühlt im Hier und Jetzt. Im Zwiegespräch mit Volker Braun", im Lehmstedt Verlag herausgegeben von Michael Opitz und Erdmut Wizisla. 100 Künstler, Freunde und Kollegen gratulieren darin mit Gedichten, Bildern und Essays Volker Braun zum 75. Geburtstag. Direkt oder indirekt. Wolf Biermann sagt in seinem Gedicht gern Ich und "die dicksten Freunde waren wir nie/ Wir schätzten einander, schätzten uns ab". Das poetische und menschliche Gegenstück steuert Adel Karasholi bei: "wir aber umarmen einander/ in der fremde/ daheim".

Dieses Buch ist mit seinen teils älteren, teils zum Anlass verfassten Texten eine fundierte und zugeneigte Beschäftigung mit dem Werk. Es ist auch eine Feier des Schreibens als Formbewusstsein, ist Ermutigung, Choreographie einer mit der Hoffnung tanzenden Wut. "Leuchte durchs Dummheitsgebirg, bleib auch der Angsthorde gut!" schreibt Wilhelm Bartsch dem "Spielmann Volker".

"Gegen den Gemeinsinn stellt er seinen Eigensinn", bescheinigt Christoph Hein, und: "Die verrottenden Ideale und missbrauchten Hoffnungen erkannte er frühzeitig", wies auf die "Rechnungen und auf die Verluste, die man im nationalen Rausch nicht sehen wollte". Mit dem berühmten Gedicht "Das Eigentum" zum Beispiel, in diesem Buch illustriert unter anderem von Baldwin Zettl, der schon die Kupferstiche für Brauns Familiengeschichten "Das Mittagsmahl" (Insel Bücherei) beigesteuert hat.

Friederike Mayröcker gratuliert, auch Steffen Mensching, Ulrike Almut Sandig, B.K. Tragelehn, Friedrich Christian Delius, Gerhard Wolf oder Übersetzer Alain Lance. Herausgeber Erdmut Wizisla geht in seinem Text auf die Arbeitsbücher ein, deren erster Teil (1977-1989) im Jahr 2009 erschienen ist und deren zweiter (1990- 2008) jetzt vorliegt. Sie sind ein fortgesetztes "Experimentierfeld", wie Wizisla schreibt, "Gelegenheit zum Probehandeln, zum Registrieren, Abwägen von Beobachtungen und Reflexionen".

Die Jahreszahl 1989 markiert den Bruch, die Wende, den "Radwechsel", wie Volker Braun das nennt, was neben allem anderen die Sicht auf ihn und sein Werk, den Umgang mit ihm verändert hat. Er, der vor dem Mauerfall bespitzelt und zensiert wurde, auch gedruckt, gelesen und geliebt natürlich, der dem Staat so kritisch wie loyal gegenüberstand, verwurzelt in einem Land, das er nicht so billig verkauft sehen will, wurde danach zum "DDR-Schriftsteller", der sich unter den neuen Bedingungen, "gegen so wenig Widerstand", manchmal wehrlos fühlt.

Seine Prosa, Stücke, Gedichte, Bücher wie "Hinze-Kunze-Roman", "Die Übergangsgesellschaft" oder "Unvollendete Geschichte" hatten vorher die Bedeutung wie hernach "Trotzdestonichts oder Der Wendehals", "Flickwerk". "Die hellen Haufen". Streut Braun Pfeffer in die Suppe und Salz in die Wunde, folgt er seiner These von 1968: "Eine Literatur, die sich nicht sehr um soziale Veränderungen schert, kann nicht von sich behaupten, sehr humanistisch zu sein."

Im Arbeitsbuch, das 18 Jahre auf 1000 Seiten bündelt, formt Volker Braun aus Texten, Gedichten, Zeitungsmeldungen und Fotos ein Gesellschaftsbild, gesehen durch die Brille des nun 75-Jährigen, der stets an der Gegenwart entlang schreibt. Geboren wurde Volker Braun in Dresden, hat im Tagebau gearbeitet, in Leipzig Philosophie studiert, bevor er ab Mitte der 60er Jahre am Berliner Ensemble, zwischendurch am Deutschen Theater, Dramaturg war und Autor.

Der Trainer kritischen Geistes poliert den Spiegel nicht, den er da dreht und wendet. Er fasst sich kurz, geschult in der Verdichtung. Notiert Eindrücke und Träume, führt Gedanken fort, schreibt über Reisen, Theaterbesuche, Begegnungen, Anekdoten, über Alltag im Privaten wie auch in der Politik. Zum Irakkrieg ist zu lesen: "ich bin jetzt bürger eines kriegsbeteiligten staates". 1993 konstatiert er: "das deprimierende an der frist seit 1989: daß es nichts zu lernen gab, daß sie uns nicht klüger machte. kein neues thema. nur der krieg zeigt ein paar neue ausfallschritte." Im Kleingeschriebenen schreien gelegentliche Großbuchstaben um so lauter: "die HEINRICH MANN/ ist untergegangen in der müggelspree/ und aufgetaucht auf dem markt/ als SACHSEN./ soll ich schon gleich/ meinen namen wechseln/ und nenne mich NIEMANDSLAND?" ( 30. März '91)

Etliche Künstlerkollegen muss Volker Braun zu Grabe tragen: Rudolf Bahro, Alfred Hrdlicka, Karl Mickel, Hans Mayer, Thomas Brasch, Peter Hacks, Wolfgang Hilbig. Und Siegfried Unseld, der durch 36 Jahre sein Verleger war.

Politische Scharfsinn verbindet sich mit der Sprache des Dichters. Im Jahr 2000 erhält er den Büchner-Preis dafür, dass er "mit Erbarmen und Witz eine lebendige Chronik seiner geschichtlichen Welt geschaffen hat", dass er "die Sprache und die Formen der philosophischen Epoche der deutschen Literatur erneuert und verwandelt hat". Braun bleibt vom gleichen Jahr eine bittere Erkenntnis. Er wird - gemeinsam mit anderen Schriftstellern - dem "als flaneur" durch Sachsen reisenden Kanzler Gerhard Schröder zugeführt und befindet: "wir (...) autoren haben nur anstößiges zu melden, aber kaum anstöße zu geben."

Volker Brauns Waffe sind mit die Worte, die er gegen das Sich-Einrichten wendet. Damit war und ist er jeweils klüger als der Staat, in dem er lebt. Der Harlekin lässt nur die Schere sinken.

Michael Opitz und Erdmut Wizisla (Hrsg.): Was immer wird, es wühlt im Hier und Jetzt. Im Zwiegespräch mit Volker Braun. Lehmstedt Verlag: 264 Seiten (mit 22 künstlerischen Beigaben), 29,90 Euro

Volker Braun: Werktage 2.Arbeitsbuch 1990 - 2008.Suhrkamp Verlag; 998 Seiten, 39,95 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.05.2014
Janina Fleischer

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