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Volksfest mit Musik - 20.000 beim „Klassik Airleben“ in Leipzig

Auf dem Augustusplatz Volksfest mit Musik - 20.000 beim „Klassik Airleben“ in Leipzig

Klassik für alle: Rund 20.000 Musikliebhaber verfolgten am Samstagabend eine Aufführung des Gewandhausorchesters auf dem Augustplatz. Das Konzert wurde für die hinteren Reihen über Leinwände übertragen, die Tonqualität blieb hinten den gewaltigen Bildern allerdings zurück.

Riccardo Chailly dirigiert das Gewandhaus-Orchester beim Klassik erleben.

Quelle: Zeyen

Leipzig. Die Bildqualität ist erstklassig: Die beiden Großbildschirme auf dem Augustusplatz, einer direkt rechts neben der Bühne vor der Oper, der andere mittig auf halber Strecke zum Gewandhaus postiert, zeigen gestochen scharf ein kontrastreiches Bild. Hier können die Besucher auf dem bis rüber zum Mendebrunnen vollen Riesenplatz am Samstagabend sehen, wie Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly zuerst die Lippen ein wenig stürzt, dann die markante Stirn in ernste Falten schlägt, schließlich seinen einzigartigen, gleichermaßen inspirierenden wie präzisen Schlag zu und den Blick auf Beschwörung schaltet. Und wenn sie jetzt eine Partitur dabeihätten, würde sie sehen, wie Chailly – er tat es bereits am Vorabend im großen Saal – die gestapelten und rhythmisch neben den Takt geschobenen Terzen von Beethovens Fünfter mit Bedeutung auflädt, in Tönen das Bild eines einsam in ärmlicher Kammer Sterbenden graviert. Denn hören kann man es nicht. Obschon auch die Verstärkeranlage vom Feinsten ist.

Das Gewandhausorchester spielt und 20.000 Menschen in Leipzig hören zu: Klassik erleben auf dem Augustusplatz. (Fotos: Zeyen)

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Später beim entsetzensvollen Ringen von Lebenstrieb und Todesmacht, wenn von Himmelsraum her von Welterlösung, Weltverklärung gar die Rede ist, der Satz voller, die Dynamik pathetischer, sich bisweilen sogar gegen Straßenbahnen und Martinshörner durchzusetzen vermag, ist das anders. Aber ohne den raunenden Beginn ist in Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“ alles nichts. Denn fehlt dieser Sinfonischen Dichtung der Anfang, dann hat sie auch kein Ziel.

Ungezogenheiten im Publikum

Und so bleibt das Publikum nur im vorderen mittleren Zehntel des Augustusplatzes bei der Stange – auf den VIP-Stühlen und knapp dahinter. Weiter hinten werden ausführlich Fußball-Ergebnisse diskutiert. Eine Reisegruppe aus Bayern vergewissert sich im Schatten eines Milchtopfes wechselseitig, mit solcher Musik eigentlich nichts anfangen zu können. Offenbar kein Einzelschicksal – fragt sich nur, warum man dann denen, die es können, hemmungslos palavernd den Abend verderben muss.

Doch unabhängig von solche Ungezogenheiten, auch davon, dass im Gegensatz zu den Rosental-Konzerten, in denen Musik Volksfest wird, auf dem Augustusplatz, die Party eher parallel zur Musik stattfindet, beißt die Maus keinen Faden ab: „Tod und Verklärung“ ist für ein solches Freiluft-Happening völlig ungeeignet. Da rächt sich, dass seit Jahren das „Klassik Airleben“ zur Saisoneröffnung kein eigenständiges Konzert mehr ist, sondern willkommener Anlass, dem Orchester eine Möglichkeit mehr zu geben, vor der ersten großen Tour noch mal coram publico am Programm zu feilen.

Auch Mozarts lichtdurchflutetes spätes Klarinetten-Konzert KV 622 ist eigentlich zu zerbrechlich für die robuste gute Laune bei bestem Wetter, Wein, Bier, Bratwurst. Und doch funktioniert es besser. Vielleicht, weil der grandiose Martin Fröst an der Klarinette wie ein Schlangenbeschwörer um Aufmerksamkeit wirbt, so kostbare, lebendige, zarte Linien in den Nachthimmel wirft, dass auch emotionale Grobmotoriker sich dem nicht vollends verschließen können. Feinnervig begleitet hier das Gewandhausorchester – so weit dies angesichts der akustischen Bedingungen zu beurteilen ist, geschlossener, selbstverständlicher als am Abend zuvor. Und weil die periodische Struktur dieses Werkes in ihrem antikischen Ebenmaß auch dann nachvollziehbar bleibt, wenn mal ein Detail im Straßenlärm untergeht, passt der filigrane Mozart viel besser hierher als „Tod und Verklärung“.

Das gilt erst recht für Strauss’ farbsatt prunkendes „Eulenspiegel“-Rondo. Eine virtuose Orchesterstudie, die alle Pracht abruft, die dieses fabelhafte Orchester anbietet. Mit sinnlicher Präzision schlägt Chailly den schalkhaften Rausch aus dem vollen Block. Das ist so unwiderstehlich im Sog der Orchester-Effekte, der harmonischen Überraschungen und melodischen Herrlichkeiten, dass hin und wieder sogar einer der Bayern interessiert sein Haupt zur Bühne wendet.

Folgerichtig lässt das Publikum Chailly und Orchester nicht ohne Zugabe vom Platz. Die geben – etwas lieblos das, denn bei Strauss hätte es genug Stoff im passenden Format gegeben – noch einmal den Schluss von „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ nach. Und dann, nach präzise anderthalb Stunden, ist es schon wieder vorbei das „Klassik Airleben“ zur Eröffnung der 235. Gewandhaus-Saison.

Die Menschen auf dem Platz bringen ihre Pfandbecher zurück und machen sich dann, größtenteils recht zufrieden mit dem Verlauf des Abends auf den Heimweg. Wie viele mögen es sein? Wir alle haben noch das Legida-Häuflein vor Augen, das hier Anfang des Jahres krakeelte und von der Polizei auf 8000 geschätzt wurde. Wenn das stimmte, müsste es am Samstagabend hochgerechnet eine Viertelmillion gewesen sein. Realistischerweise ist wohl von rund 20.000 auszugehen. Die begrüßt Gewandhausdirektor Andreas Schulz mit schönen warmen Worten. Der Oberbürgermeister lässt sich wieder nicht blicken. Und auch Chailly kommt nur zum Dirigieren auf die Bühne. Das aber macht er wie immer: großartig.

Strauss-Mozart-Zyklus des Gewandhausorchesters: 3., 4. September., 20 Uhr, .9., 11 Uhr: „Also sprach Zarathustra“, Macbeth, Violinkonzert KV 216, Solist ist Christian Tetzlaff; 1., 2., 4. Oktober, 20 Uhr: Don Juan, Heldenleben, Klavierkonzert KV467, Solist: Radu Lupu; Tickets (5–65 Euro) sind erhältlich im LVZ Media Store in  den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Hotline 08002181050. und auf www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1270280 oder an der Gewandhauskasse.

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