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Vollkommene Romantik

Leipziger Mendelssohn-Festtage mit Großem Concert eröffnet Vollkommene Romantik

Mit dem Psalm „Wie der Hirsch schreit“ und der Sinfonie-Kantate „Lobgesang“ eröffnete der Dirigent Andrew Manze mit dem Gewandhausorchester und John Eliot Gardiners Monteverdi Choir die letzten Leipziger Mendelssohn-Festtage.

Lucy Crowe, Andrew Manze und das Gewandhausorchester

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Sir John lässt sich entschuldigen: Aus „familiären Gründen“ kann der große Gardiner die Großen Concerte dieser Woche nicht dirigieren. Aber zum Beweis, dass es ihm ernst ist mit Leipzig, schickt der Dirigent, im Nebenberuf Präsident des Bach-Archivs, sein liebstes Kind an den Augustusplatz: den Monteverdi Choir. Den hat John Eliot Gardiner 1964 gegründet, seither an die Spitze modelliert – und normalerweise gibt er ihn nicht aus der Hand. Dass er es nun erstmals doch tat, hängt mit seiner Wertschätzung für das Gewandhausorchester zusammen – und wohl auch damit, dass er ihn in den besten Händen weiß während der Konzerte vom Donnerstag und vom Freitag, die am Anfang der mutmaßlich letzten Leipziger Mendelssohn-Festtage stehen.

Andrew Manze mag nicht jeder auf dem Zettel haben, sein Schlag nicht als Inkarnation von Eleganz durchgehen. Aber der Chef der NDR-Radiophilharmonie Hannover hat sich spätestens mit seinen Großen Concerten im Februar (Haydn und Elgar standen auf dem Programm) als Großkönner ins Bewusstsein der Leipziger graviert. Nun liegt also Mendelssohn auf den Pulten. Vor der Pause der wunderbare Psalm „Wie der Hirsch schreit“, danach der monumentale „Lobgesang“, diese Sinfonie-Kantate, die der größte unter den Gewandhauskapellmeistern als musikalisches Herz der ausgedehnten Leipziger Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag des Buchdrucks 1840 komponierte. 500 Sänger forderten damals in der gestopft vollen Thomaskirche, „Alles, was Odem hat“, möge den Herrn loben – für viele Dirigenten Anlass genug, das Werk von der pompösen Seite anzugehen.

Der „Lobgesang“ hält das aus, und auch bei Manze tönt es mächtig gewaltig in den Saal. Aber bei ihm erwächst Kraft nicht aus Pomp, Romantik nicht aus Erbauung, Emotion nicht aus Pathos. Sein Mendelssohn schlägt die Wurzeln tief in die Klassik und entwickelt die Überzeugungskraft aus sich selbst heraus. Vom Weckruf der Posaune bis zum finalen „Halleluja, lobe den Herrn“ legt Manze diese vokalsinfonische Stunde zum Preise der Kultur im Allgemeinen und der Musik im Speziellen aus einem Guss an, ohne Pausen zwischen den Sätzen aus einem Puls heraus – und aus einem Klangbild.

Fluss, Transparenz und Ebenmaß sind seine beherrschenden Charakteristika, was nichts mit gepflegter Zurückhaltung zu tun hat oder gar mit wohlanständiger Harmlosigkeit. Unter Manzes rührend mit dem eigenen Stab fremdelnden Dirigat erwächst Wahrhaftigkeit aus jener formalen und stilistischen Vollkommenheit, die Emotion einfängt und sublimiert im Gehäuse der Musik und das Wesen tönender Romantik ist. Nicht nur bei Mendelssohn, Schumann, Chopin, sondern selbst noch bei Brahms.

Ein besseres als das Uraufführungsorchester des „Lobgesangs“ könnte Manze sich für diese Reise ins Herz der Leipziger Musikgeschichte kaum wünschen. Was immer er von den Musikern um Konzertmeister Sebastian Breuninger verlangt, sie liefern in Echtzeit: lebendig pulsende Pizzicati und in Pastellfarben schimmernde Bögen von den Streichern, herrliche Soli und einen so lebendig wie präzise funkelnden Satz aus dem Holz, Kraft, Geschmeidigkeit, Disziplin vom Blech.

Dass der Monteverdi-Choir dem nichts schuldig bleibt, versteht sich von selbst. Mit rund vier Dutzend Stimmen besetzt, sieht er fast ein wenig verloren aus hinter dem Orchester mit seiner Zwölfer-Besetzung. Aber in keinem Takt fehlt da etwas – weil Lautstärke eher eine Funktion von Präzision ist und von Können als von Masse. Monumental jedenfalls ist die Kraft, zu der dieser Weltklasse-Chor sich im Forte aufschwingt, berührend sein Piano, exemplarisch die Artikulation, bezwingend, wie das alles sich nicht selbst genügt, sondern lebt und bebt und spricht. Und schön, dass auch die Solisten sich einfügen ins Gipfel-Tableau: Lucy Crow, deren Sopran sich die beinahe mädchenhafte Leichtigkeit (ganz oben vielleicht nicht) bewahrt und mit bemerkenswerter Wucht kombiniert hat, ihre fabelhafte Kollegin Jurgita Adamonyte, und vor allem der sensationelle Tenor Michael Spyres. Verstörend kann er raunen, zu markerschütternder Gewissheit kann sein Bronze-Strahl sich aufschwingen, die Farbpallette dieser Stimme scheint keine Grenzen zu kennen, die Diktion ist fabelhaft, die musikalische Durchdringung atemberaubend.

Was voll umfassend auch für die erste Konzert-Hälfte gilt: die Psalmvertonung „Wie der Hirsch schreit“. Manze genügen da wenige Takte, um mit dem sanften Murmeln der Streicher dem Chor das Feld zu bereiten für einen der schönsten unter den vielen so unendlich schönen Sätzen aus Mendelssohns Feder, ein Oratorien-Destillat in vollendeter Schönheit – und schönster Vollkommenheit.

Die Chor-Festspiele zu den Leipziger Mendelssohn-Festtagen gehen weiter: heute, 19.30 Uhr, singt der MDR-Chor unter Risto Joost den „Paulus“, am kommenden Donnerstag und Freitag der Balthasar-Neumann-Chor unter Thomas Hengelbrock den „Elias“, Restkarten und Infos unter Tel. 0341 1270280 oder and er Abendkasse.

Von Peter Korfmacher

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