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Vollkorn-Trost: "Bei Regen im Saal" von Wilhelm Genazino

Vollkorn-Trost: "Bei Regen im Saal" von Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino ist ein Spezialist für Krisen. Sie nisten im Tal der Einsamkeit. Links schlängelt sich ein Bach der Scham, rechts schießt die Angst in Kraut.

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Georg-Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino.

Quelle: dpa

Leipzig. Hier und da ein Scheiterhaufen der Erinnerung. Der Erzähler steigt hinab, um hinauf zu schauen zu den Hängen des Glücks, an denen sich kein Mensch lange halten kann. Sein Blick streift über Gipfel der Befriedigung, den schmalen Grat der Lust. In diesem Gelände spielt Wilhelm Genazinos neuer Roman "Bei Regen im Saal".

Ich-Erzähler Reinhard ist 43 und ein bisschen von gestern. Als Modernitätsverweigerer nutzt er weder Computer, noch iPad, noch Handy. Ihn begleiten Fluchtgedanken und Entfremdung von der Welt. Darin ähneln sie einander, die Figuren des 71-jährigen Genazino ("Das Glück in glücksfernen Zeiten", "Wenn wir Tiere wären"). Erneut arrangiert er Beobachtungen und Betrachtung und den Blick nach innen zu einer Tragikomödie, deren Anziehungskraft sich der Sprache verdankt und dem Rhythmus.

Reinhard sehnt sich nach Normalität. Erträgt sie aber kaum. Was seine Wünsche zusammenhält mit seinem Zögern, ist ein Kokon aus Scham, Furcht und nicht ermüdetem Hochmut. Er hat Angst vor der Verstoßung durch die anderen, vor plötzlich eintretender Armut und davor, dass sein Leben nur noch darin bestehen könnte, seine "Wohnung zu verlassen und nach einiger Zeit wieder in sie zurückzukehren". Eine nur halb eingerichtete Wohnung allerdings mit vier Tellern, drei Gläsern. Und das Radio ist auch kaputt.

"Du hast keine Zukunft, du hast keinen Halt, du hast nicht einmal eine Gegenwart, du hast nichts", sagt seine Freundin Sonja. Sie arbeitet als Bereichsleiterin auf dem Finanzamt, "konnte nur noch aufsteigen, was sie gelegentlich tat". Für Reinhard ist sie eine starke, realistische Frau, die in ihm einen "zuweilen schon fast einfältigen Menschen" liebt. Sie zeigt sich genervt und fragt: "Merkst du, wie die Eigenbrötelei mehr und mehr zu einer Abkapselung führt."

Es ist gar keine Frage. Die beiden kennen einander seit elf Jahren, passen im Bett perfekt zusammen, ansonsten auf zuweilen unbefriedigende Art. Weshalb Sonja ihn zwischenzeitlich vor die Tür setzt, um einen Beamten zu heiraten, der sie allerdings rasch langweilt. Sollte Langeweile überhaupt ein Motor sein können, so bringt sie Reinhard, der "an der zärtlichen Krankheit des Innehaltens" leidet, dazu, sich beim Herumstehen (im Regen) zum Herumstreunen zu entschließen. "Gegen die Ödnisse der Tage ging ich rücksichtslos vor, aber wie beendete man das Schwanken einer Biografie? Ich ahnte, dass ein anhaltend falsches Leben im Handumdrehen in ein Schicksal umschlagen konnte."

Er, der Philosoph, der über "Kants Apodiktizität" promoviert hat, schlägt sich so durch: als Barmixer und Rezeptionist in einem natürlich nur mittelgroßen Hotel, dann als Provinz-Redakteur beim "Taunus-Anzeiger". Über die Kollegen dort denkt er nicht besser als über sich selbst: "Sie waren Kümmerlinge, Leute mit abgebrochenem Studium, abgebrochener Ehe und abgebrochenem Ehrgeiz. Fast jeder zahlte dafür, dass er sich in der Jugend überschätzt hatte."

Zudem verdingt er sich als "Überwinder", in dem er Menschen hilft, "ihre zuweilen aufdringlichen oder dümmlichen Erlebnisse schneller als gewohnt zu vergessen". Schließlich sei es unangenehm und peinlich, wenn die Erlebnisse und das Alter nicht mehr zueinander passen.

Immer wieder treten die Eltern aus der Erinnerung; dabei vermisst er nicht sie und sehnt sich auch nicht nach ihnen. "Plötzlich nahm ich mir übel, dass ich selbst nie geflohen war. Ich hatte alles ausgehalten: die Schule, die Eltern, die Armut, die kleine Wohnung, das Schweigen, die Ratlosigkeit, den Überdruss, den Ekel, sogar eine kurze Ehe." Wenn Sonja ihm Vorhaltungen macht, dann muss er an Mutter denken. Sogar dann, wenn er - grundsätzlich auf Brüste fixiert - sich an Sonjas Busen verliert. "Zwischen den Brüsten entdeckte ich zwei kleine Pickel, die sofort mein Geheimnis wurden." Reinhard hat zwar meist zwei Frauen, "eine für die häusliche Liebe und die andere für das eher wirre Querfeldeinbegehren", doch eigentlich kann nur Sonja ihn retten, weil sie ihn "einhüllte mit ihrem Drang".

Wenn er darüber reflektiert, dass er "Schuldbus" liest statt "Schulbus" und "Vollkommener Trost" statt "Vollkorn-Toast", stattet Genazino ihn mit einer Selbstironie aus, zudem mit herzzerreißender Lakonie. "Ach, dachte ich, wahrscheinlich ist das immer gerade Absterbende das einzig Authentische in uns, aber schon vier Sekunden später verabscheute ich bombastische Sätze dieser Art und trat aus schierer Einfallslosigkeit wieder ans Fenster."

Im Hysterischen wie im Elegischen, im Hochmut wie in der Furcht ist Reinhard, zumal ein bisschen von gestern, ein typischer Vertreter unserer Zeit. Überfordert und unentschlossen. Teil einer allgemeinen Einsamkeit: "Sie war die einzig mögliche Form des dauerhaften Unterwegsseins, das zu keinem Ergebnis führte und die Menschen dennoch tröstete." Genazino treibt auf die Spitze, was sich im Tal der Krisen, an den Hängen des Glücks täglich zuträgt.

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal. Roman. Carl Hanser Verlag; 160 Seiten, 17,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.08.2014

Janina Fleischer

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