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Vom Banalen befreit

Vom Banalen befreit

Am Sonntag hat die weißrussische Autorin und Regimekritikern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, am Dienstag war sie in Leipzigs Altem Rathaus zu Gast und sprach mit Moderator Stephan Detjen über ihr jüngstes Buch, "Secondhand-Zeit", über Diktaturen und ihre Art zu schreiben.

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Die weißrussische Schriftstellerin und Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch im Leipziger Alten Rathaus.

Quelle: dpa

Damit begann gleichzeitig der 17. Leipziger literarische Herbst, der in diesem Jahr unter dem Motto "Vordenken über Europa steht".

"Ich stehe als Künstlerin nicht auf, sondern über der Barrikade. Von dort beobachte ich und erhebe das Wort." Das hat Swetlana Alexijewitsch 1998 gesagt, als ihr der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen wurde. Und so ähnlich sagte sie es wieder am Dienstag im Festsaal des Alten Rathauses, wohin sie nun als Friedenspreisträgerin gekommen war. Am Ende der Begegnung bleibt wenig Optimismus. Darum scheinen sich die Besucher im voll besetzten Festsaal selbst Mut zu machen mit kräftigem Beifall, wenn Alexijewitsch sagt, "Das Volk interessiert sich ausschließlich für Materielles. Das ist eine vulgäre Zeit. Wollen wir hoffen, dass es eine Zwischenzeit ist."

Da spricht die Schriftstellerin von ihrer Heimat, von Weißrussland. Sie spricht vom "Homo sovieticus". Nicht von Deutschland. Doch in Leipzig schwingen die eigenen Erfahrungen mit, wenn es um Freiheit geht, um die Anstrengungen, sie zu erringen, und um die Probleme damit, Vergangenheit zu verarbeiten.

Helmut Stadeler, Vorstandsmitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, erinnert sich in seinem Grußwort daran, wie er Ende der 80er als Student nach Berlin fuhr, um im "Theater im Palast" ein Theaterstück zu sehen, dass nach Swetlana Alexijewitschs Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" entstanden war. "Ein Vorbote von Glasnost und Perestroika."

Stadeler zitiert die Autorin: "Der Krieg blieb auch nach dem Krieg die Heimstatt unserer Seele. Alle lebten dort. Alles hatte seinen Ursprung in dieser schrecklichen Zeit. (...) Die Welt des Krieges war die einzige Welt, und die Menschen des Krieges die einzigen Menschen, die wir kannten. Ich kenne auch heute keine andere Welt und keine anderen Menschen." Und er verweist auf den "radikalen Wechsel der Perspektive", der ihre Bücher auszeichnet. "Wahrhaftigkeit ist das bestimmende Prinzip ihrer literarischen Äußerungen."

Dafür hat Alexijewitsch die Mütter, Großmütter und Witwen befragt, eine literarische Form entwickelt, in der die Stimmen der Einzelnen zum Chor werden. Sie vertraut auf die Kraft der Erzählung, des Erzählten, auf die Gültigkeit der individuellen Erinnerung. Sie hat auch Veteranen des Afghanistan-Krieges sprechen lassen oder Zeitzeugen der Stalinzeit, Menschen in Tschernobyl. Henker und Opfer, wie sie sagt. Die aus diesen Stimmen komponierten Bücher sieht sie als eine russisch-sowjetische Chronik.

Zu diesem Schreiben fand Swetlana Alexijewitsch aufgrund eines Mangels. Weil das, was sie hörte, nicht in den Büchern stand, die sie las. Was sie am meisten erschütterte, stammte aus Gesprächen. Da habe sie begriffen, dass "man aus den menschlichen Stimmen ebenfalls eine Literatur machen kann". Weil sie, unverfälscht, direkt aus dem Herzen kommen. "Die Stimme ist eine Realität, die gleichsam sofort wieder verschwindet, aber über uns viel mehr aussagt, als vieles andere."

Damit aus Gesprächen ein Buch werden kann, trifft sie sich mehrere Male mit den Menschen. "Zwei oder drei Begegnungen werden darauf verwendet, den Menschen von dem Banalen zu trennen. Wir sind alle abhängig von allem, was uns umgibt, von schlechtem Fernsehen, schlechten Büchern, schlechten Gesprächen - das ist gewissermaßen unser Wissen, und zur gleichen Zeit ist es nicht unser Wissen. Von diesen banalen Hüllen will ich den Menschen befreien, damit er Dinge ausspricht, die nur er sagen kann."

Eine Kunst, die Alexijewitsch beherrscht. "Man muss ein bisschen verliebt sein in den Menschen", sagt sie. "Ohne Liebe, nur aus Neugierde heraus, werden nie wahre Bücher entstehen." Im übrigen habe sie vor, als nächstes über die Liebe zu schreiben. "Wie viele Worte werden jede Nacht zueinander geflüstert. Und es tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass das alles verschwindet." Da wird es für einen Moment heiter im Saal. Wie auch beim kürzesten Witz: "Putin, der Demokrat."

Wie diese Form funktioniert, wird deutlich, als Schauspieler Hans Peter Hallwachs aus "Secondhand-Zeit" liest, dem jüngsten Buch, das den postsowjetischen Menschen im postsowjetischen Raum zu Wort kommen lässt, wobei deutlich wird, wie es kommen konnte, dass heute die Hälfte der jungen Menschen zwischen 19 und 30 Jahren Stalin für einen "großartigen Politiker" hält, dass veraltete Ideen wieder aufleben. Der Sowjetmensch, sagt Alexijewitsch, ist ein "ganz normaler Mensch, der von einer Idee gefangengenommen wurde". Der postsowjetische Autoritarismus sei recht kompliziert, aber eines klar: "Es ist verdammt schwer, darin zu leben. Die Zeit ist stehengeblieben."

Oberbürgermeister Burkhard Jung erinnert daran, dass die Bücher Swetlana Alexijewitschs in ihrer Heimat verboten sind, die Autorin vom totalitären Regime verfolgt wurde. Dennoch ist sie zurückgekehrt nach Minsk. Weil sie darauf angewiesen ist, die Sprache derer zu hören, über die sie schreibt. Weil sie hören muss, wie auf den Straßen gesprochen wird. "Die Barrikade ist ein gefährlicher Ort für einen Künstler" sagt sie. Und der Friedenspreis "ein ganz wichtiger Schutz".

Der Literarische Herbst geht noch bis 22. Oktober. Termine und Infos: www.leipziger-literarischer-herbst.de/

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.10.2013
Janina Fleischer

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