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Vom Dorf Hollywood in Sachsens Weltkultur - Maximillian Schell zu Gast in Leipzig

Vom Dorf Hollywood in Sachsens Weltkultur - Maximillian Schell zu Gast in Leipzig

Maximilian Schell – der lebenserfahrene Mann und große Mime philosophierte im Gespräch mit der LVZ über seine Kunst und die des (Über-)Lebens. Der Mann aus L.

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Maximilian Schell (r.) mit Peter Degner bei seinem Leipzig-Besuch 2001.

Quelle: André Kempner

Leipzig. A. schwärmte von Sachsens Großstädten Leipzig und Dresden – und nicht zuletzt von den Frauen.

Frage: Es heißt, Sie meiden öffentliche Auftritte?

Maximilian Schell: Ich brauche sie nicht, tue es nur, wenn man mich dazu drängt.

Hatten Sie kürzlich in Leipzig und Dresden einen Drängler?

Ja, meinen Freund Cornelius Schnauber, Germanistik-Professor und dazu ein Sachse im fernen Los Angeles.

Wie gefällt Ihnen Sachsen?

Großartig. Schon die Ankunft hier: fantastisch. Gleich vom Flugzeug ging’s in Leipzig zur Thomaskirche und zum Schillerhaus. Dort erinnerte ich mich, dass ich als 17-Jähriger in Zürich die „Räuber“ inszeniert und gespielt hatte. Mir war alles ziemlich vertraut. Als Schiller in Leipzig am „Don Carlos“ arbeitete, wurde er übrigens oft durch Geräusche gestört. Daraufhin schrieb er: „Der Teufel soll die Dichterei beim Hemdenwaschen holen.“

Von Hollywood in die Tradition Sachsens. Wie erlebten Sie diesen Wandel?

Als positiven Kultursturz. In Hollywood kann man alles finden. Was fehlt, ist die Kommunikation. Ich liebe übrigens das Sächsisch. Ich bewundere auch, wie hier die Wurzeln des Lebens bewahrt werden. Das passiert wohl so nur noch in Wien. Wissen’s, man geht in Hollywood nicht an einem Haus vorbei, in dem Mozart gewohnt hat. Im Gegenteil, wenn man Mozart sagt, bekommt man die Antwort: „Wie buchstabiert man das?“ Mir ist also in Leipzig oder Dresden so, als wäre ich aus einem Dorf in die Hauptstadt gekommen.

Wie oft passiert Ihnen so ein Abtauchen in Vergangenes?

Oft, ich muss nur wollen. Vor ein paar Jahren ersteigerte ich für meine umfangreiche Autographensammlung die Quittung von Schiller für die „Braut von Messina“, die er für 100 Taler erhalten hatte, gegengezeichnet von Goethe. Seit dieses Dokument in meinem Haus in Hollywood hängt, ist das eine europäische Bastion, eine Festung.

Mit Goethe als Gralshüter?

Noch mehr, seit ich „Auerbachs Keller“ besucht habe. Der Restaurant-Chef lud mich zum Essen ein. Ich war auch in der „Hexenküche“, musste die Hand an die Wand legen und bekam einen Verjüngungstrunk, den ich noch nicht genossen habe, sonst wär’ ich jetzt wieder 20.

Möchten Sie es sein?

Physisch. Ansonsten nur dann, wenn ich meine selbst gesammelten Erfahrungen behalten könnte.

Sind Sie ein Historienfreak?

Ich bin geschichtsbesessen. Würde man die Geschichte ernst nehmen, könnte man sich vieles ersparen. Sagen die immer neuen Generationen, das interessiert uns nicht, was die vor uns durchgemacht haben, finde ich das zwar verständlich, aber schade.

Ist die Menschheit nicht in der Lage, aus der Geschichte zu lernen?

Eher weniger. Zumindest werden die wenigen Vernünftigen nicht ernst genommen. Die Dichter schon, die großen Leute haben immer gegen den Krieg geschrieben.

Was nützt denn die Stimme der Intellektuellen?

In entscheidenden Situationen leider nichts. Die technischen Möglichkeiten der Vernichtung werden immer größer. Eines Tages vielleicht zu groß, wenn die Atombombe in die Hände der Radikalen gelangt ...

Sind Sie froh, schon 70 zu sein?

Nein. Doch ich habe einen Ort, wohin ich flüchten kann. Unsere Familie besitzt ein Anwesen in der Steiermark. Dort verändert sich wenig. Und im Krieg kommt keiner auf die Alm hinauf. Als einst Napoleons Franzosen anrückten, nahmen die schon Reißaus, weil im Fenster der Dorfschule Gewehrattrappen lagen. Die Ausnahme war später Tschernobyl: Ein Riesenschock.

Womit ist der zu vergleichen?

Wohl nur mit dem Sterben meines besten Freundes Friedrich Dürrenmatt. Er fehlt mir sehr. Im Grunde lebt man immer mit dem Tod. Ich machte gerade einen Film über meine Schwester Maria. Da verwendete ich Bachs Musik, der für mich immer lebte, und erst als ich in der Thomaskirche stand, wurde mir kurzzeitig bewusst: Der ist ja tot! Schubert und Mozart und Zweig und Wagner, sie leben genau so.

Ist Dürrenmatt so ein Freund für die Ewigkeit?

Unsere Freundschaft war sehr tief und auch sehr anstrengend. Als seine Frau gestorben war, rief er mich an: „Ich bin in einem Loch.“ Ich sagte: Komm’ doch rüber. Dann hat er ein paar Monate bei mir gelebt. Dürrenmatt war ein Nachtmensch, schrieb, zeichnete und wollte immer reden. Wenn ich früh um zwei gehen wollte, fragte er: „Hascht du nisch noch eine Flasche Wein?“ Und dann saßen wir bis früh um vier.

Gibt es denn vergleichbare Freundschaften?

Für mich nicht. Ich hatte einen wunderbaren Professor, den Emil Steiger. Der erzählte von Goethe und dessen Freund Meier, einem Antiquitätenhändler. Sie gingen in Karlsbad spazieren, und alle halbe Stunde sagte Goethe: „Hmmh, hmmh.“ Worauf Kunst-Meier entgegnete: „So ischt’s.“ Das ist wahre Freundschaft!

Sie waren vor einem Jahr schwer krank. Ein Wunder, dass Sie nun wieder durch die Welt reisen?

Für meinen Doktor schon. Doch in meinen Beruf durchlebt man so viele Dinge, dass ich die lebensbedrohliche Pankreatitis, die laut meinem Arzt nur fünf Prozent überleben, vor allem als Erfahrung werte.

Sind Sie ein Glückspilz?

Seither ja. Denn ich habe danach nur noch schöne Dinge gemacht: den Film über Maria, Wagners „Lohengrin“ an der Oper in L. A., am Broadway „Das Urteil von Nürnberg“ und – nicht zu vergessen –, ich bin nach Sachsen gereist.

Brauchen Sie diese drastischen Einschnitte?

Sie sind entscheidend für mich. Das ist wie in der Weltgeschichte: Nach jedem Krieg, beginnen die Leute von Neuem, mit Hoffnung und mit mehr Kraft. Man weiß auf einmal, was notwendig ist.

Was ist es denn für Sie?

Neben dem Überleben die Kunst und auch die Religion, wobei mir die Ringparabel im „Nathan“ eigentlich alles sagt.

Was sind Ihre Wünsche für den Rest des Lebens?

Noch ein Kind. (Pause.) Und dass ich endlich lerne, Ordnung zu halten. Bin ich zehn Minuten in einem Hotelzimmer, schaut’s aus, als hätt’ eine Bombe eingeschlagen.

Was ist wirklich unverzichtbar?

Frauen.

Und die Affären vor Ihrer Ehe?

Da antworte ich mit Sigmund Freud: „Seit 50 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Seele der Frau. Und heute frage ich mich: Was will das Weib?“

Thomas Mayer

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