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Vom Grund des Unsagbaren - Poetikvorlesung am Reformationstag

Vom Grund des Unsagbaren - Poetikvorlesung am Reformationstag

Es ist eine überraschende Wahl - und eine sehr gute: In diesem Jahr hält der Autor Hartmut Lange die "Leipziger Poetikvorlesung". Somit steht ein Schriftsteller am Pult, dessen Prosa in der deutschen Gegenwartsliteratur hinsichtlich stilistischer und inhaltlicher Qualität eine Ausnahmestellung markiert.

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Die Poetikvorlesung hält in diesem Jahr der Schriftsteller Hartmut Lange.

Quelle: Peter Kneffel

Liest man jetzt, aus gegebenem Anlass, erneut in Langes Büchern, fällt zuerst wieder dieses seltsam scheinende Paradox auf, das ihnen eigen ist: Wie in einer klaren Sprache, im Ton einer nüchternen Souveränität, vom Verlust der Souveränität gesprochen wird, vom Einbruch des Diffusen ins Strukturierte, von der Unheimlichkeit des uns Unerklärlichen, welches den kleinen Kosmos unserer Ratio in scheinbarer Endlosigkeit umspannt.

Guter Literatur kann man sich nur mit guter Literatur nähern. Und so kann man hier die Annäherung an die Prosa Hartmut Langes einmal mit einem kleinen Stück Lyrik Günter Kunerts riskieren, mit dessen "Poetologie letzter Hand": "Auf dem Grund der Gedichte/ ruht alles Unsagbare./ An die Oberfläche gezwungen/ löst es sich auf/ in Vokabular."

Auch auf dem Grund von Hartmut Langes Texten ruht etwas Unsagbares. Etwas, das in die Sprache hineinweht, das Diffuse im Strukturierten ist. Etwas, das unsere Gegenwartskurzsichtigkeit gar nicht mehr willens und fähig ist, zu registrieren: "Alle Dinge entwachsen dem Nichts und ragen bis in das Unendliche", schreibt Blaise Pascal - und konnte über diese Erkenntnis noch erschrecken.

Lange zitiert den Satz in seinem Buch "Irrtum als Erkenntnis", in jenem mit "Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller" betitelten Text, der eine Art intellektuelle Autobiographie darstellt: Lange wurde 1937 in Berlin geboren. Mit dem Krieg wurde seine Familie nach Polen umgesiedelt, wo der Vater, eigentlich Metzger, eine Gendarmerie auf dem Land leitete. 1946 kehrt Lange mit seiner Mutter nach Berlin zurück.

Über die Realitätserfahrung des Kindes schreibt er, sie speise sich aus "der einfachen Anschauung; wo es diese übersteigt, beginnt die naive Vorstellungswelt". So betrachtet ist es nicht ohne Ironie, dass Lange die "naive" Vorstellungswelt bald gegen eine materialistisch-marxistische austauscht. Doch auch die verliert mit den Jahren ihren "Wahrheitsgrund". 1965 flieht Lange über Jugoslawien in den Westen: "Mein Individualismus", schreibt er, "war offenbar stärker als aller Enthusiasmus, den ich der marxistischen Weltanschauung entgegenbrachte".

Es ist ein Individualismus, der Lange das Objektive als Fata Morgana erkennen lässt, in der man vergeblich sucht, was doch in der Struktur des Subjektes längst vorhanden sei. Zugleich aktiviert das aber jenes Pascalsche Erschrecken, jenen metaphysischen Schauer, der sich fortan zunehmend durch Langes Prosa ziehen wird.

Der man insofern kein Unrecht tut, würde man die vorrangig in Novellen-Form verfassten Geschichten als Schauer-Geschichten apostrophieren. Geschieht doch oft nicht nur Unheimliches, sondern manchmal auch Ungeheuerliches in ihnen. Wer je Langes wohl bekanntesten Text "Die Waldsteinsonate" gelesen hat, wird dieses beklemmende Szenario nie vergessen, das vor der heutigen Kulisse eines Berliner Sees, eine ermordete Jüdin mit einem SS-Mann, ihrem Mörder, gleich einem Liebespaar spazieren gehen lässt. Ins Konturen verwischende Zwielicht zeichnet Lange da ein so blendend klares Bild einer abgründigen Trauer, dass es einem den Atem stocken lässt. Ein Bild, das ersteht und vergeht. Eins für das Nichtsagbare, den dunklen Grund, der erschauern lässt in dieser Novelle, die - im doppelten Sinne - unfassbar ist.

Um es noch einmal klar zu sagen: Nichts an Langes Schreiben ist dabei spekulativ. Nichts, was Effekt heischt, oder kokettierend dunkel raunt. Was den meist bürgerlichen, meist männlichen, auch historischen Existenzen in Langes Geschichten widerfährt, ist jenes "Erfasstwerden von den Geheimnisströmungen der Welt", von denen der Religionsphilosoph Romano Guardini spricht. Strömungen, die bei Lange indes Mahlströme sind. Aber keine, die tosen wie bei Edgar Allan Poe, sondern still vom Grund des Unsagbaren her aufsteigen.

7. Leipziger Poetikvorlesung mit Hartmut Lange: 31. Oktober, 18 Uhr, Festsaal des Alten Rathauses in Leipzig; Eintritt frei

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.10.2013

Steffen Georgi

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