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Vom Privileg, eine Zumutung zu sein: Jan Böhmermann bei den „Leipziger Gesprächen“

Mediencampus Villa Ida Vom Privileg, eine Zumutung zu sein: Jan Böhmermann bei den „Leipziger Gesprächen“

Strenge Sicherheitskontrollen auf dem Mediencampus Villa Ida: In der Reihe „Leipziger Gespräche“ von Volkshochschule und Sparkasse Leipzig hat Moderator Thomas Bille am Montagabend den Rundfunk-Satiriker Jan Böhmermann empfangen.

„Einer der unseriösesten Typen, die ich persönlich kenne“: Jan Böhmermann (36, links) im Gespräch mit Thomas Bille (56).

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Später am Abend wird Jan Böhmermann erklären, dass er als öffentliche Person zu ungefähr 40 Prozent aus „mir persönlich“ bestehe, zu 60 Prozent aber ausgedacht sei – eine Kunstfigur, deren Alarmglocken schrillen, sobald es harmonisch zu werden droht.

Am Montag zum Beispiel bei den Leipziger Gesprächen von Volkshochschule und Sparkasse Leipzig auf dem Mediencampus Villa Ida. Mehr als 2200 Menschen hatten sich um die kostenlosen Eintrittskarten beworben, der Saal ist mit 270 Zuschauern ausgebucht, und der moderierende MDR-Kulturjournalist Thomas Bille begrüßt die „liebe junge Zielgruppe“, die er vor sich sieht. „Alle anderen auch.“ Böhmermann lächelt. Was für eine „schöne Stadt“ das hier sei, schmeichelt er. Vielleicht sprechen da ja jene 40 Prozent aus ihm, die meinen, was sie sagen.

„Leipzig – das Dresden für die Leute, die’s geschafft haben.“ Lachen, Applaus, Zustimmung – und ein dringender Fall für die anderen 60 Böhmermann-Prozent, die Harmonie einfach nicht ertragen: „Berlin – das Leipzig für die Leute, die’s geschafft haben.“ Höhöhö, raunt es aus den Reihen. Die Gäste werden in den kommenden zwei Stunden ein überaus kluges, meistens sehr schnelles und immer wieder überraschend offenes Gespräch über Humor im 21. Jahrhundert und seine Grenzen erleben, über die Aufgaben von Satire einerseits, Journalismus andererseits und über diesen 36-jährigen Grimme-Preisträger, der sich selbst für „einen der unseriösesten Typen“ hält, „die ich persönlich kenne“.

Ein Typ, der am Sonntagabend während des TV-Duells der Spitzenkandidaten seinen 1,73 Millionen Twitterfolgern 38 Nachrichten schrieb. „Wenn die Kanzlerin einmal richtig laut pupst, dann bin ich Raute“ etwa. Oder: „Merkel leitet die Runde super. Schulz scheint auch zufrieden.“ In Leipzig erklärt Böhmermann, das öffentliche Zwitschern sei für ihn eine Art Tagebuchführen, „um meine Gefühlswelt festzuhalten“. Auch das Wort „Therapie-Ersatz“ fällt. Er drucke alle Tweets auf Papier aus, doppelseitig, und sammle sie in einem Ordner, „sicherheitshalber“.

Einen Skandal schafft ein Komiker nicht alleine

Ein Typ, der häufig – wie im zweitgenannten Tweet – beeindruckend pointiert analysiert. Oder eben wie im ersten auf die Kacke haut. Zwar hat Böhmermann in jungen Jahren für die Norddeutsche Zeitung Auftritte von Dieter Nuhr und Matthias Beltz verrissen und dann bei Radio Bremen volontiert. Aber er hält es dennoch für eine große Verwechslung, den Duell-Moderator Claus Strunz oder eben sich selbst als Journalisten zu bezeichnen. „Journalisten müssen ein paar Regeln beachten und ethischen Linien einhalten. Von mir kursiert ein Video, in dem ich im Tanga mit dem Einrad über die Kölner Domplatte fahre“ – aus der Harald-Schmidt-Show 2011 – „und das möchte ich mir auch für die Zukunft offenhalten.“

Nach dem Sinn von Genitalwitzen gefragt, antwortet er nahezu selbstkritisch, sie seien „der Dschungel, den man erstellt, damit die ernsten Momente nicht so auffallen“. Manchmal – wie beim folgenreichen Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten vor anderthalb Jahren – lenkt das Geäst freilich erst die Blicke auf das, was darunter verborgen liegt. So einen Skandal schafft freilich kein Komiker alleine. „Dafür braucht es ein extrem empfindliches, profilneurotisches Gegenüber.“ Danke, Herr Erdogan. Wobei Böhmermann zwar zugesteht, dass die Eskalation im Nachhinein erwartbar erscheine. Mit einer Staatskrise habe er trotzdem nicht gerechnet. „Zugegeben: Das war eine unangenehme Erfahrung.“

Daraus folgt nun unter anderem, dass die Sicherheitskontrollen an diesem Abend strenger sind als sonst in der Gesprächsreihe. Stärker als Einschränkungen im persönlichen Leben, so Böhmermann, habe ihn jedoch erschüttert, wie schnell die Politik – allen voran die Bundeskanzlerin – in der Debatte ums Gedicht die Freiheit der Satire infrage gestellt habe. Zwar betont er in der Villa Ida wiederholt, dass er sich selbst keineswegs ernst nehme. „Aber meinen Job möchte ich kompromisslos und gut erledigen.“ Dazu gehöre für ihn und sein Team, „professionell und zielgenau Situationen auszumachen, in denen es sich lohnt, den Konsens aufzubrechen“ – im konkreten Fall Sand ins Getriebe zu streuen, wenn ein fragwürdiger Flüchtlings­deal mit der Türkei Priorität genießt.

Das gute Gefühl der Narrenfreiheit

„Es ist ein Privileg des Künstlers, selbst die Zumutung zu sein“, sagt er, „was voraussetzt, dass ich das aushalte“. Auch all die Anfeindungen, die seine TV- und Radiosendungen in erster Linie im Internet provozieren? Hasskommentare lese er nicht. „Das ist für mich eine Filterblase namens gesellschaftliches Abseits. Man muss sich nicht auf Leute einlassen, die keine Diskussion führen wollen.“ Er könne den Frust nachvollziehen, den eine zunehmende Ökonomisierung des Lebens hervorrufe – „wenn die Regionalbahn nicht mehr im Heimatort hält und das Schwimmbad vor sich hin rottet“, sagt Böhmermann. Aber den Ausweg, den die AfD vorschlägt, verstehe er nicht: „Die Antwort ist doch nicht, sich jemanden zu suchen, dem es noch schlechter geht, und ihm auf den Kopf zu hauen.“

Er schäme sich fast, gesteht Böhmermann, „in kleiner Runde halb privat, auch wenn es uncool ist, darüber zu sprechen, dass, was so ziellos erscheint, doch ein Ziel haben soll“. Hallt hier das Harald-Schmidt-Erbe nach? Die ironischen 90er Jahre, in denen moralische Anliegen in der Humorindustrie verpönt waren? Oder sind die 60 Prozent Krawall-Böhmermann schlicht peinlich vom erhobenen Kabarett-Zeigefinger der übrigen 40 Prozent berührt? Kurz vor Schluss fragt Moderator Bille, ob es ein gutes Gefühl sei, „sich einen Status der Narrenfreiheit erarbeitet zu haben“. Böhmermann antwortet, ohne Luft zu holen: „Ja!“ Oha, das müssen absolut 100 Prozent gewesen sein.

Nächste Leipziger Gespräche am 27. November, 20 Uhr, Mediencampus Villa Ida (Poetenweg 28) mit WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn; www.leipziger-gespraeche.de

Von Mathias Wöbking

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