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Vom Wort ergriffen: Hermann Kant wird 90

Schriftsteller Vom Wort ergriffen: Hermann Kant wird 90

Er ist ein Formulierungskünstler und war ein hoher SED-Funktionär. Am 14. Juni feiert der Schriftsteller Hermann Kant seinen 90. Geburtstag. „Ich bin ein politischer Mensch“, hat er mal gesagt, „daraus ergibt sich so gut wie alles“.

Hermann Kant im Jahr 2005 in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse.

Quelle: LVZ-Archiv

Leipzig. Es muss viel Kraft dazugehören, Hermann Kant zu sein. Kant – der Schriftsteller, der Sprachkünstler. Autor von Romanen wie „Die Aula“, „Das Impressum“, „Der Aufenthalt“, von Erzählungsbänden wie „Der dritte Nagel“ oder „Bronzezeit“. Und Kant – der Funktionär: Präsident des DDR-Schriftstellerverbands (1978–1990), Mitglied des ZK der SED (1986–1989). 2015 ist im Kulturmaschinen-Verlag „Ein strenges Spiel“ erschienen, von ihm selbst als sein letztes Buch bezeichnet. Am 14. Juni wird Hermann Kant 90 Jahre alt.

Manchmal werde er heute gefragt, wie er da mitmachen konnte als intelligenter Mensch. Worauf er die Gegenfrage stelle: „Ach, dachten Sie, Sozialismus ist was für die Doofen?“ So erzählt Kant es Irmtraud Gutschke im Interviewbuch „Die Sache und die Sachen“, das der Verlag Das Neue Berlin 2007 gemeinsam mit dem „Neuen Deutschland“ herausgegeben hat. Es geht um sein Leben, er nennt sich einen überzeugten DDR-Bürger, einen guten Parteisekretär. Der Schriftsteller plaudert und unterhält, der ehemalige Funktionär ordnet ein und korrigiert – auch sich. Das ist für die einen unerträglich, für andere ein Teil dessen, was Heimat war. Kant verkörpert mit seiner Person und seinem Werk Ambivalenz, und er provoziert zwiespältige Gefühle im Umgang mit beidem. Der Rausschmiss etlicher Autoren aus dem Schriftstellerverband wird ihm angelastet, anderen Kollegen hat er geholfen.

Fritz J. Raddatz ist begeistert

Geboren wird er am 14. Juni 1926 in Hamburg. 1940 zieht die Familie nach Parchim. Ende 1944 wird Hermann Kant Soldat, gerät in polnische Kriegsgefangenschaft. Über dem Lagertor steht: „Gefangener, wenn du nach Hause kommst, bekämpfe den Krieg“. Aus Warschau kommt er Ende der 40er Jahre als „Antifa-Herold“ in die DDR. Was er erlebt und erfahren hat, findet Eingang in seine Bücher.

Seine Geschichte beginnt wie die des Landes vor 1945. Das war Fritz J. Raddatz bewusst, der 1977 nach Erscheinen des Romans „Der Aufenthalt“ in der „Zeit“ eine „erzählerische Bravheit“ kritisiert, eine „Unentschiedenheit in der Erzählhaltung“, dann aber, im zweiten Teil, „eine Überzeugungskraft von großer Intensität“ findet, eine Radikalität, „die ein Schriftsteller wohl nur erreicht, wenn er sich nicht auf der Schmunzelwippe seiner Wortfertigkeit irgendwo außen vorbeischwingt, sondern wenn er sich dreingibt und aussetzt“. Das Buch fresse sich in das Gewissen der Leser.

Schriftstellerin Christa Wolf (M) im Gespräch mit Konrad Wolf (l) und Hermann Kant (r) –  während eines Empfangs des Staatsratsvorsitzenden U

Schriftstellerin Christa Wolf (M) im Gespräch mit Konrad Wolf (l) und Hermann Kant (r) – während eines Empfangs des Staatsratsvorsitzenden Ulbricht am 25. November 1965 in Ost-Berlin.

Quelle: dpa

Damals, ein halbes Jahr nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, seien Raddatz und Reich-Ranicki „fast die einzigen“ gewesen, „die souverän waren im Umgang mit diesem Buch in der BRD“, sagt Kant später. Später scheibt er auch, dass er das Wort früher nicht mehr leiden kann; im Roman „Kino“ (2005) ist das, in dem sich der Autor zu erkennen gibt als „aus der Ordnung gefallene“ Figur, „von jäher Wende gefällt“.

In einem Früher, das 1989/90 endet, war es auf eine andere Art schwer, als es später nicht leicht wurde. Kant begegnet dem weiter mit Ironie. Mit jener Selbstironie, die der Eitelkeit Charme verleiht. Zum anderen mit einer Sprachverliebtheit, die im Idealfall hoher Formulierungskunst intellektuelles Einverständnis schafft, zum Vergnügen gerät. Nun sind geschliffene Worte auch Waffen. Und sucht einer – auf diese oder jene Weise unbehaust – Schutz unter dem Dach der Sprache, baut er den Spott aus zu seinem Palast, dann wird das als Angriff verstanden, wird Wortfertigkeit, die Abgrenzung nicht scheut, als Hochmut gelesen. Verziehen wird lieber den Trotteln.

Feier in Neustrelitz

Kant lebt heute in der Nähe von Neustrelitz. Das dortige Theater widmet ihm zum 90. gemeinsam mit dem Berliner Aufbau-Verlag einen Lese-Abend. Die Nachfrage ist so enorm, dass „Aufenthalte, Ein Abend für Hermann Kant“ ins Große Haus umzieht. Unter den Gästen ist Wolfgang Kohlhaase. Von ihm stammt das Drehbuch zur Verfilmung vom „Aufenthalt“ – und die Frage, ob Dialektik nicht auch ein Gefühl sein könne „für das Recht jedes Menschen auf seine eigene widerspruchsvolle Wahrheit“.

„Ein Agitator ergreift das Wort. Der Künstler wird vom Wort ergriffen“, hat Karl Kraus gesagt. Gefragt, ob beides bei ihm ineinandergriff, gab Hermann Kant zur Antwort: „Ich bin ein politischer Mensch. Daraus ergibt sich so gut wie alles.“

Von Janina Fleischer

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