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Von Hunden und Herzen: Bonny Lycen gewinnt den ersten LVZ-Slam

Dichterwettstreit Von Hunden und Herzen: Bonny Lycen gewinnt den ersten LVZ-Slam

Von Kleinkunstbühnen und Kellerkneipen über die Dächer der Stadt: Beim ersten LVZ-Slam haben am Dienstag im fast ausverkauften Kuppelsaal der Leipziger Volkszeitung sechs Dichterinnen und Dichter ihre Wortgewalt gemessen.

Folkpunk-Sänger Robert Groos-Albouts alias Emily’s Giant als musikalischer Spezialgast beim LVZ-Slam.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Am Ende wird es für das Publikum auf eine Entscheidung zwischen Herz und Geist hinauslaufen. Zwischen einem muskulösen Hohlorgan, in zwei Lungenflügel eingebettet, um genau zu sein, und einem heiligen Labrador. Aber dazu später. Zunächst sind es sechs Alternativen, sechs Dichterinnen und Dichter, die sich am Dienstagabend im fast ausverkauften Kuppelsaal der Leipziger Volkszeitung dem Urteil der Zuschauer gestellt haben: beim ersten LVZ-Slam.

Die Slam-Poeten kennen sich aus all den Wettstreiten im Livelyrix-Zirkus, diesem umtriebigen Leipziger Wortakrobaten-Verein. Was sie hier hingegen nicht so genau kennen, ist ihr Publikum. Sonst treten sie bei schummrigem Licht auf Kleinkunstbühnen und in Kneipen und Bars auf, oftmals im Keller gelegen. Hier, über den Dächern der Stadt, sitzen zwar auch viele der üblichen Szenegänger mit ihren Piercings und Playmobil-Frisuren. Aber eben auch Zuschauer, wie sie sich die jungen Menschen als typische LVZ-Leser vorstellen. Strickpulli, Lesebrille – im Elternalter. Eine sehr sympathische Mischung. Und kein Wunder, dass sich die überaus schlagfertige Moderatorin Nhi Le den ganzen Abend lang nicht entscheiden kann, ob sie die Gäste denn nun duzen oder siezen soll.

Beim ersten LVZ Slam duellierten sich am Dienstagabend Louise Kenn, Ann-Sophie Müller, Ruben Kröber, Nicolas Wimmerling, Bonny Lycen und David Weber in der LVZ-Kuppelhalle. Nhi Le moderierte, Emily's Giant musizierte. Am Ende siegte Bonny Lycen knapp vor Ruben Kröber. Fotos: André Kempner

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Eine Grundsatz-Entscheidung müssen auch die Matadoren von Anfang an treffen: Wollen sie beim Publikum punkten, indem sie es zum Lachen bringen oder dadurch, dass sie es ernsthaft berühren? Nachdem der Folkpunk-Sänger Robert Groos-Albouts alias Emily’s Giant, Publikumssieger beim Leipziger Bandwettbewerb „Der Große Preis“ 2015, die Leute mit beeindruckend voller Stimme und zwei traurigen Liedern außer Konkurrenz schon mit melancholischer Note aufgewärmt hat, setzt auch Ruben Kröber als Start-Slammer auf einen nachdenklichen Vortrag. Mit der „Suche nach dem guten Leben“ befasst er sich in den sechs Minuten, die er laut Reglement hat, und beweist Sprachwitz: „So friede ich, was ich verdiene“, lautet sein Fazit, „denn kriegen ist und war nie eine Alternative“.

Gott im Plattenbau

Der Applaus brandet hoch, und doch soll sich in diesem ersten Duell die Kontrahentin durchsetzen. Ann-Sophie Müller erzählt von ihren spektakulären Erlebnissen nach dem Entschluss, das Haar kurz zu rasieren und grün zu färben. Ihren Frieden findet sie zur großen Freude des lachenden Publikums erst als Schweinswal im Ozean.

Für witzige Beiträge entscheiden sich in der zweiten Runde beide Duellanten. Mag auch Louise Kenn mit gespieltem Ernst behaupten, „ein echtes Problem unserer Gesellschaft“ anzusprechen: französische Frauen. Von der Erasmus-Studentin bis zu Marine le Pen – aus männlicher deutscher Sicht verleihe die Sprache noch den fiesesten Geschlechtsgenossinnen Charme, beklagt sie. Auch David Weber wählt ein Thema wider den Zeitgeist, wie er sagt. Er möchte über den Glauben sprechen und weiß in der Tat Erhellendes über Gott zu berichten. Der ist nämlich schwul und lebt zusammen mit seinem Lebensgefährten Gabriel (den er „mein Engel“ nennt) in einer Plattenbausiedlung im Himmel. Der Heilige Geist ist ihr Haustier, ein Labrador.

Weber begeistert die Zuschauer, indem er sein beachtliches Wissen übers Sujet (er ist Katholik) sehr amüsant mit Alltagsfloskeln kreuzt. Als Gott und Gabriel Sean Paul (den Papst, nicht den Rapper) zum Abendmahl empfangen, bittet der seinen Chef: „Komm Herr: Jesus sei unser Gast.“ Der gerufene Sohn quittiert den Fakt, dass Döner serviert wird, mit „Gott sei Dank“. „Gern geschehen“, antwortet der Papa. Und Weber ist weiter.

Herz über Kopf

Zwei reflektierte und anregende Texte stehen in der abschließenden Vorrunde zur Wahl. Nicolas Wimmerling führt mit bebender Stimme eindringlich vor, warum er einfach schreiben müsse. Wenn in seinem Kopf „Chaos, Zorn, Gedanken immer dichter werden, dann muss ein Mann wie ich zum Dichter werden“ – und den Frust rauslassen, damit Wimmerling den morgendlichen Sonnenschein nicht wie zu Beginn seines Gedichts als Plage empfindet, sondern genießen kann.

Bonny Lycen kontert sowohl mit enormer Sprachfertigkeit als auch einer mitunter kaum zu ertragenden persönlichen Offenheit. Keine Frage, mit ihrem Beitrag „Gib dich hin oder gib uns auf“, an einen Liebsten adressiert, der nur noch Freund sein möchte, geht sie voll ins Risiko. „Gibst du dich nicht hin, geb ich uns jetzt auf“, schließt sie – und gewinnt zumindest das Herz der Zuschauer.

Ums Herz geht es ihr im Finale erneut, allerdings eher in einer Art hintersinnigem Sprachexperiment bis hin zu zwei, drei lateinischen Versen. „Ich bin mir sicher, dass selbst noch, wenn ich sterbe, ich mit ganzem Herzen dabei sein werde“, prophezeit sie – und gewinnt den LVZ-Slam. Obwohl in der Endrunde auch Ann-Sophie Müller mit ihrem Liebesgedicht „Ich will“ ans Herz appelliert. Und obwohl David Weber einen brandneuen Gott-Text uraufführt, in dem der Herr eine Band gründet und darin natürlich Fagott spielt.

Das Herz triumphiert über den Heiligen Geist. Knapp. Der Sieg ist indes so nebensächlich, wie die Unterschiede im Applaus am gesamten Abend marginal waren. Ein hochkarätiges Teilnehmerfeld an einem dafür überraschend gut geeigneten Ort, der auch Menschen anzieht, die sich in den üblichen Leipziger Poetry-Slam-Tempeln vielleicht fehl am Platz fühlen: Das macht Lust auf mehr ...

Von Mathias Wöbking

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