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Von Räubern, Ratten und Rausch: Jens-Paul Wollenbergs Lœwenzahnjahre in der Nato

Konzert Von Räubern, Ratten und Rausch: Jens-Paul Wollenbergs Lœwenzahnjahre in der Nato

Viel Melancholie, wenig Anarchie: Jens-Paul Wollenberg hat am Mittwochabend in der Nato auf seine Lœwenzahnjahre zurückblickt.

Jens-Paul Wollenberg, 65, mit dem Leipziger Lumpengsindel um Uta Pilling (Zweite von links) in der Nato.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Hier ist wohl eine Kulturveranstaltung?“, schallt es trunken über das Trottoir vor der Nato, als sich zwei Südvorstadtpilger am Mittwochabend durch das Pausenluft schnappende Publikum schieben. Goldbrand richtig liegen sie damit, denn in den gut gefüllten Sitzreihen findet sich an diesem Abend wenig vom angekündigtem Anarchoherz, begegnet dem ehemaligen Bürgerschreck Jens-Paul Wollenberg eher altlinke Bürgerlichkeit, gepaart mit etwas Studentenschlurf.

Wollenberg selbst, nonkonformes Leipziger Original, Sing- und Sprachpoet, Lebens- und Trinkkünstler, begrüßt die Anwesenden passend mit „Liebe Reisegäste, Steuerzahler, Wahlberechtigte“. Zum Best-Of-Programm hat er geladen, zur „Schallplattenpremiere“ aka Releaseshow seines neuen Best-Of-Doppelalbums mit Werken aus den vergangene 27 „Lœwenzahnjahren“, benannt nach seiner Labelheimat Lœwenzahn in dieser Zeit.

Zum Einstieg gibt es Räuberlieder und da die auf dem Album untermahlende Leipziger Folk Session Band den Bühnenrahmen gesprengt hätte, hat er sein altes „Leipziger Lumpengsindel“ rund um Lebengefährtin und Muse, die mittlerweile stockgängig fast erblindete Straßenmusikerin Uta Pilling, und ihre Töchter reanimiert.

Partisanenmütze und abgewetzte Postuniform bleiben inzwischen im Schrank, Wollenberg erscheint in frisch gewaschenem Gauner- und Spielmanns-Schlump, die Atmosphäre changiert zunächst unterhaltsam zwischen Mittelaltermarkt und Wagenplatz-Lagerfeuer. Auf der Bühne feiert man die Ratten, im Saal nippt man Wein und Biolimo und wippt anerkennend mit dem Fuß.

Nichts anderes als typisch Wollenberg

Mit dem Auftritt der Band Pojechaly, die den Rest des Abends begleitet, dreht sich der wilde Folk-Charakter immer mehr ins vielschichtig Chanson- und Moritatenhafte, die Melancholie nimmt zu, ebenso wie Wollenbergs Rezitations- und Sangeskunst.

So Don-Quichotte-haft tragisch seine Erscheinung, so mitreißend berührend sein Augenleuchten, sobald Musik erklingt und er singend zu Geschichten und Gedanken ausholen kann, die aus eigener Feder stammen, wie auch aus der Pillings, Goethes, Villons und einer Handvoll mehr Halunken. In so manchem Texthänger und Ansagestocker offenbaren sich seine charakteristisch charmanten Gedächtnislücken, an denen der eine oder andere vergangene Rausch nicht ganz unschuldig ist und die zwar im Komischen wunderbar Helge Schneider mit Piet Klocke mischen, aber in ihrer bittersüßen Melancholie nichts anderes sind als typisch Wollenberg.

Zwischen Unangepasstheits-Romantik und Widerständler-Folklore mischt sich dann doch auch der eine oder andere klare politische Ton: Wunderbar absurd, die Anekdote, dass in seiner Stasi-Überwachungs-Akte der Vorwurf auftauchte, er würde mit dem Zelebrieren des „Spitzelliedes“ behaupten, es hätte in der DDR Spione gegeben. Erschreckend aktuell schließlich „Der Immigrant“, der mit den Zeilen öffnet: „Die liebe gute alte Mitte befindet sich längst auf dem rechten Weg.“

Von Karsten Kriesel

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