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Von Seelenschmerzfolklore verweht: Sebastian Hartmann inszeniert "Der Schneesturm"

Von Seelenschmerzfolklore verweht: Sebastian Hartmann inszeniert "Der Schneesturm"

In einem "Spiegel"-Interview wunderte sich Vladimir Sorokin mal über den Wetterbericht im deutschen Fernsehen. In dem sei immer erst die Karte von Mitteleuropa zu sehen, dann gehe es langsam nach rechts, Kiew und Moskau schieben sich ins Bild und somit auch der entscheidende Punkt zum Wundern.

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Homogene Ensembleleistung im Schnee: Sebastian Hartmanns Inszenierung "Entscheide dich für die Liebe. 3 Russen. #2 - Der Schneesturm" in der Festspielarena

Quelle: Rolf ArnoldCT

ende Punkt zum Wundern. Denn bis Moskau gehe der Blick - weiter aber nicht. Hinter Moskau "hört alles auf." Selbst die Meteorologie. Sorokin schlussfolgert: "So scheint der Westen uns zu sehen - hinter Moskau beginnt das wilde Russland, und da sollte man lieber nicht hingucken. Das ist ein großer Fehler."

Ein Fehler, den zu korrigieren Sebastian Hartmann wohl mithelfen will. Nach Russland blickte er mit seinen Inszenierungen schon oft, aber so tief ins Wilde jenseits Moskaus drang er wohl noch nicht vor. Dorthin bricht in "Der Schneesturm" Landarzt Garin auf. Hin zu jenem Ort, wo eine Epidemie die Menschen zu Zombies mutieren lässt. Im Schneemobil, gezogen von 50 Mini-Pferden, begibt er sich auf die Reise. Die russische Weite entpuppt sich dabei als Labyrinth der Phantasmagorie, in dem dunkle Gestalten neben Zwergen wandeln, eine schöne Müllerin lüstern lockt, die Pferdchen sich vor Wölfen fürchten und Menschen vor dem Fegefeuer, das hier eins aus Eis und Schnee ist und trotzdem brennt wie die Hölle. Ein Gottesgericht ohne Gott, aber unter dem altbekannten roten Stern, der auch in der nahen Zukunft, in der diese Geschichte spielt, unbekümmert über all den Absurditäten und Leiden menschlichen Daseins vor sich hin leuchtet.

Was nun Absurditäten, mithin Humor angeht, hat Hartmanns Inszenierung einiges zu bieten. Säckeweise wird etwa der Schnee vom Schauspielerensemble ins Arena-Rund gewuchtet, ein Daunenfedersturm entfacht, der auch die Zuschauer in den vorderen Reihen nicht verschont. Dazu spielt live das Balalaika- Quartett und singt der Chor der russisch-orthodoxen Kirche St. Alexej in Leipzig. Hartmann entfacht ein tolles Tohuwabohu. Die üppig mit Fellmützen und -mänteln ausgestatteten Schauspieler (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) müssen tatsächlich schwitzen wie in der Hölle. Ein beachtliches Martyrium.

Allerdings auch das einzige, das hier mitfühlen lässt. Denn was die andere Seite betrifft, die erwähnten Leiden, bietet "Der Schneesturm" kaum mehr als Schwulst. Gegen den kämpfen die Schauspieler ähnlich vergeblich, wie ihre Figuren gegen Kälte und Schnee: "Tauben töten keine Menschen. Ich werde mich in eine Taube verwandeln und davonfliegen", ist nur eine jener Äußerungen putziger Seelenschmerzfolklore, die der Chor von der Empore noch mit einem "Halleluja" garniert. Nicht die einzige Szene, in der Hartmann die Pferde im Schnee etwas durchgehen und waidwund in der Verwehung des Sentiments schnauben. Oder wiehern. Denn natürlich wird bevorzugt brüllend geklagt. So auch darüber, dass "noch nicht gelernt wurde zu lieben, 2000 Jahre nach Christus". Sentenzen, die das intensive Bedürfnis nach einem Wodka auslösen.

Und da komme keiner mit der Standardlegitimation, das sei Ironie, oder im konkreten Fall die ironische Zerrspiegelung russischer Literaturtradition, die Roman wie Inszenierung ja versuchen. Ob und wie Sorokin das gelingt, spielt hier keine Rolle. Was Hartmanns "Schneesturm" betrifft, mag man an den schönen Satz Joseph Brodskys denken, den auch Sorokin gern zitiert: "Für mich sind Bäume wichtiger als der Wald." Hartmann seinerseits sieht die Bäume vor lauter Wald nicht. Inszenatorisch forsch aufgeforstet begegnen einem in den zweieinhalb Stunden, die man darin verweilt, kaum Figuren mit wirklicher Kontur und kein Gedanke, der die epische Spieldauer trägt. Dafür Schnee allenthalben. In dem versinken auch die Schauspieler. Mit Namensnennung braucht man keinen ausgraben. Nennen wir's homogene Ensembleleistung.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.03.2013

Steffen Georgi

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