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Von allen Geistern verlassen

Von allen Geistern verlassen

muss ein Spaßvogel gewesen sein. Anders ist nicht zu erklären, dass sein Todestag mit so viel Heiterkeit begangen wird. Wobei Heiterkeit auch als Euphemismus für Zumutungen gelesen werden darf.

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Und jetzt? Wird ab morgen alles anders, oder beginnt alles von vorn?

Quelle: dpa

Papst Silvester I. Der gute Silvester starb am 31. Dezember des Jahres 335. Aber trug er dabei ein Hütchen, das fehlende Passform durch Mut zur Farbe wettmacht? Oder hat er auf dem Sterbebett verfügt, dass am letzten Tag des Jahres nicht nur böse Geister vertrieben werden, sondern auch alle guten, von denen verlassen der Mensch nun zur Verhaltensauffälligkeit neigt?

Die meisten Entgleisungen bleiben dort, wo sie hingehören: hinter verschlossenen Türen und auf Facebook. Im Fernsehprogramm aber wird für alle sichtbar, wie die Deutschen zu feiern verstehen. Nach den 283 Ausstrahlungen des Stolper-Klassikers "Dinner for One" und Muttis Gardinenpredigt wird's im Ersten richtig volksnah: "Silvester- stadl" und "Die große Stadlparty", dazwischen das Silvesterfeuerwerk vom Brandenburger Tor, und zwar "ca. 23.50-00.10". Circa? Das ZDF geht auf Nummer sicher und überträgt schon ab 21.45 Uhr live von der ehemaligen Grenze. Zuvor sorgt Andrea Ballschuh "für die passende Feierlaune". Passend bedeutet für RTL, auf Comedy (Kaya Yanar) und Tragikomik ("Dschungel-Prinzessin" Larissa Marolt) nicht zu verzichten. Bei Sat.1 gibt's Filme, natürlich superlustig. Alles wie immer eigentlich, bevor alles anders werden soll. Da kann das Feuerwerk (ca. Mitternacht) nur als Erlösung erlebt werden, was wiederum gefeiert werden muss, als gäbe es kein Morgen.

Gibt es auch nicht. Es gibt nur Übermorgen. Neujahr selbst ist weniger ein Tag als ein mildernder Umstand. Es sind die Stunden der Entfremdung von sich selbst, getarnt als sogenannter Vorsatz, der merkwürdigerweise nicht ohne die Präzisierung "gut" auskommt. Anders als in der Rechtsprechung, wo der eher nicht so gute Vorsatz das "Wissen und Wollen der Tatbestandsverwirklichung" beschreibt, sind Neujahrsvorsätze das Wünschen im Wissen um die Nichtverwirklichung. Fast immer haben sie mit Verzicht zu tun. Meist auf Genuss.

Und es sind jedes Jahr die gleichen, vom schlechten Gewissen diktiert, vom inneren Schweinehund verbellt. Einziger Trost beim alljährlichen Versagen ist? Genau. Warum also nicht gleich versuchen, ab morgen mehr Zucker zu essen, auf keinen Fall weniger zu rauchen und nie ohne einen halben Liter Rotwein im Blut zu spät ins Bett zu gehen?

Das nicht durchzuhalten, wäre sogar gesund, so viel steht fest. Der Rest bleibt ungenau. Darum wohl verschenken Zeitgenossen, die 364 Tage im Jahr nicht an Horoskope glauben, am Silvesterabend Glücksklee, Schweinchen, Schornsteinfeger. Andere nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand: beim Bleigießen. Wer lange genug die Dämpfe des schmelzenden Schwermetalls einatmet, kann in den dann üblicherweise zu Samenfäden, manchmal ist es auch ein Tropfen, erstarrten Gebilden einen Adler erkennen (Erfolg), einen Eimer (Beziehungszufriedenheit) oder eine Wanne (Reichtum).

Denen, die trotz allem weiter Samenfäden oder manchmal einen Tropfen sehen, bleibt nur die Realität. Und die stellt sich 2015 so dar: Das Briefporto wird teurer, der Berliner Flughafen sowieso. Der Mindestlohn kommt, Leipzig auch, in die Jahre nämlich: 1000 sind es nach derzeitigen Berechnungen. Der Wohnungsmakler muss von dem bezahlt werden, der ihn bestellt hat - Mietern bleibt das Mittel der Bestechung. Die Rundfunkgebühr könnte sinken, das Niveau nachziehen. Schwarzfahren kostet mehr, Schwarzsehen bleibt vorerst straffrei. Am Eherecht ändert sich nichts, während alte Heizungen nach 30 Jahren auszutauschen sind. Obama wird den Friedensnobelpreis wieder nicht zurückgeben, was ihn mit der EU verbindet. Der deutsche Einheitsvertrag und der "Grüne Punkt" werden 25 Jahre alt, die Einheit kann trotzdem nicht wiederaufbereitet werden ...

Um der Zukunft entgegenzugehen, sagt der aktuelle Papst, braucht es "Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision". Guten Mut!

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.12.2014
Janina Fleischer

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