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"Von allen Spießern geliebte Toteninsel": Max Schwimmers Kritiken sind erschienen

"Von allen Spießern geliebte Toteninsel": Max Schwimmers Kritiken sind erschienen

Spiegelbild einer Epoche: Im Leipziger Lehmstedt-Verlag sind, herausgegeben von Inge Stuhr, "Max Schwimmer - Schriften zur Kunst" erschienen. Dass ein Künstler selbst Kunstkritiken für die Presse schreibt, ist ungewöhnlich.

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Max Schwimmer in seinem Atelier (Archivbild)

Quelle: LVZ

Leipzig. h. Und riskant. Die Kriterien, mit denen er Kollegen misst, müssen auch für ihn selbst gelten. Der Leipziger Max Schwimmer, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg als einfühlsamer Zeichner und Illustrator bekannt geworden, verfasste in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Vielzahl von Artikeln für verschiedene Printmedien, darunter der "Kulturwille" und die vom Kabarettisten Hans Reimann gegründete Zeitschrift "Der Drache", vor allem aber für die "Leipziger Volkszeitung" bis zu deren Verbot durch die Nazis am 2. März 1933. Darin bespricht er hauptsächlich Ausstellungen vor Ort, manchmal auch in Berlin. Und er war parallel als Pressezeichner tätig, einem heute praktisch ausgestorbenem Gewerbe.

Der 1895 in Lindenau, dem nach seiner Einschätzung "erbärmlichsten Vorort", geborene Schwimmer wurde zunächst Lehrer, gab diese Profession mehrfach um der Kunst willen auf und ging um des Lebensunterhaltes willen wieder in sie zurück. Er wuchs in die Zeit der großen "Ismen" der Kunst hinein, liebte selbst am meisten die französischen Impressionisten, deren verspätete deutsche Nachfolger, aber auch den schwer einzuordnenden Edvard Munch.

An diesen Positionen maß er das Leipziger Kunstschaffen, musste also zwangsläufig heftig austeilen. 1920, zu Beginn seiner publizistischen Tätigkeit, sieht er den kurz zuvor verstorbenen Klinger als einzigen nennenswerten lokalen Künstler der vorherigen Generation. Später nimmt er auch zu ihm Abstand. Doch vor allem an den Zeitgenossen findet er selten Gefallen.

Bei der Lektüre des von Inge Stuhr, die 2010 schon eine Schwimmer-Biografie verfasste, herausgegebenen Sammelbandes wird unabhängig von den Bewertungen einzelner Personen drastisch deutlich, dass Leipzig seinen Ruf als Kunststadt erst in den letzten 50 Jahren erworben hat. Das betrifft das künstlerische Schaffen, die institutionelle Widerspiegelung dessen wie auch das Interesse der Einwohner. "Vielleicht liegt es daran, dass der Leipziger mehr Organ für die musikalischen Dinge hat als für die bildende Kunst. Sie wird bestimmt von allen Musen als die stiefmütterlichste behandelt und - wie die Praxis lehrt - am wenigsten begriffen und geliebt."

Im Rückblick erweisen sich manche Einschätzungen Schwimmers als Irrtümer, vor allem bei Namen jenseits des Lokalen. So konstatiert er bei Egon Schiele "fatalen Manierismus", bei Natalja Gontscharowa "blöden Kitsch", und auch für den Suprematismus Malewitschs hat er überhaupt nichts übrig. Doch in seiner harten Kritik an den örtlichen Kollegen behält er weitgehend Recht. Ausgerechnet in den als golden apostrophierten 20ern ist in Leipzig tatsächlich nicht so viel Bleibendes entstanden. Selbst Kollegen, die Schwimmer positiv beurteilt wie Behringer, Berlit oder Hassebrauk, sind heute der Allgemeinheit kaum noch geläufig. Und Maßloff wurde ihm ja selbst in den frühen 50ern als stalinistischer Einpeitscher an der HGB zum Verhängnis.

Harsch ist auch Schwimmmers Meinung zu den Institutionen. Dem Kunstverein empfiehlt er die Selbstauflösung, das Bildermuseum ist für ihn "der kläglichste Bilderhaufen Mitteleuropas". Mehr noch als die Ausstellungspolitik kritisiert er die der Ankäufe. Das ändert sich, als Werner Teupser zunächst Vorsitzender des Kunstvereins und 1928 Direktor des Museums wird. In die Neuwahl zur Besetzung dieses Postens hat sich Schwimmer mit Artikeln in der LVZ energisch eingemischt. Ob der "Leipziger Museumskrieg" tatsächlich von ihm beeinflusst wurde, ist kaum nachweisbar. Die Texte sind aber ein lesenswertes Beispiel für kulturpolitisches Engagement mit Mitteln der Publizistik.

Die in dem Band versammelten "Schriften zur Kunst" Max Schwimmers - fast ausschließlich sind das Artikel für Zeitungen und Zeitschriften von 1920 bis 1933 - bieten eine subjektive, häufig polemisch zugespitzte, dennoch realistische Zustandsbeschreibung der Kunstszene in Leipzig zwischen den beiden großen Katastrophen den 20. Jahrhunderts. Daran wird sehr plastisch deutlich, dass früher nicht wirklich alles besser war.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.01.2014

Jens Kassner

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