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Von der Slam-Poetin zur Roman-Autorin: Franziska Wilhelm stellt in der Nato Debüt vor

Von der Slam-Poetin zur Roman-Autorin: Franziska Wilhelm stellt in der Nato Debüt vor

Fantasterei ist ihr Milieu: Die Leipziger Poetry-Slammerin Franziska Wilhelm liest am Donnerstag in der Nato aus ihrem Debüt-Roman "Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen" vor, der im Klett-Cotta-Verlag erschienen ist.

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Geboren in Erfurt, hat es sie zum Studium nach Leipzig verschlagen. Und seit 2010 gehört Franziska Wilhelm (32) zur Lesebühne Schkeuditzer Kreuz.

Quelle: Andreas Ende

"Die Welt entspannt, und ich muss liefern, dabei könnte alles so bequem sein" - es ist wieder einer dieser Freitagabende, an denen Franziska Wilhelm schlottert, während andere auf der Couch fläzen. Fünf Minuten später hat sie abgeliefert, der Saal liegt flach, und die Frau, die sich keinen Witz merken kann, weiß, warum sie auch am nächsten Wochenende nicht in der Sofaritze lungern wird.

Die 32-jährige gebürtige Erfurterin ist keine von der bequemen Sorte, puhlt als Poetry-Slammerin und Mitglied der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz von Berufswegen in Gesellschaftswunden. Die Gedichte, Erzählungen und Kurzgeschichten der mehrfachen Preisträgerin beim Jungen Literaturforum Hessen/Thüringen und Stipendiatin der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen fangen da an, wo der Ernst aufhört, und ihr kürzlich erschienener Debüt-Roman "Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen" wird schon vor seiner offiziellen Leipzig-Premiere morgen in der Nato als "ein modernes Stück poetischer Realismus" gehandelt.

Dabei sieht die Autorin des gedruckten Roadmovies über die Sportplatz-Kneiperin Milla Enders und einen verhinderten Selbstmörder, die gemeinsam den Bulli-Blinker setzen, um von der Einbahnstraße namens Leben auf die Autobahn nach Bratislava abzubiegen, alles andere als einen weiblichen Wolfgang Herrndorf, wenn sie sich vor ihrem Büro-Tag in der Kommunikationsabteilung einer Carsharing- Firma den Schlafsand aus den Augenwinkeln wischt. Dass Kritiker dennoch die Bestseller-Road-Novel "Tschick" als Referenz heranzerren, könnte am Gefühl der Generation "Alles ist möglich, außer ankommen" liegen, das dem Roadtrip als literarischem Genre aktuell Hochkonjunktur beschert.

Auch Wilhelms Weg aus dem mit Hanuta-Aufklebern und Chipsletten-Krümeln übersäten Jugendzimmer in Erfurt-Nord auf die Leipziger Lesebühne gleicht eher der Schotterpistenpartie in die slowakische Hauptstadt, für die sie sich, eine Freundin und deren Kamera zu Recherchezwecken in einen geleasten Twingo zwängte, als einer geradlinigen Reise auf der literarischen Überholspur. "Am Anfang habe ich gedacht, schwieriger als meine Magisterarbeit, kann das nicht werden", blickt die studierte Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin auf das erste Exposé vor vier Jahren zurück, "heute weiß ich, ein Roman ist eine Doktor­arbeit."

Und nach ihrer Flucht aus der "Wie schreibe ich ein Buch?"-Ratgeber-Ecke der städtischen Bibliotheken parkte die Teilzeit-Schriftstellerin tagtäglich auf ihrem Albertina-Stammplatz, um zu tun, was sie am besten kann: Laufenlassen. "In der Kurzgeschichte kannst du etwas hinpfeffern und musst es nicht zwangsläufig bis zum Ende führen", erklärt sie, "aber im Roman muss man durchziehen, wofür man einmal die Weichen gestellt hat, selbst wenn man denkt: Das wird jetzt aber ganz schön crazy."

Natürlich stecke eine ganze Menge Franziska Wilhelm in den 208 Seiten, doch die Ich-Perspektive sei kein Indiz für biografische Parallelen: "Im Gegenteil. Ich habe mich zwischendurch oft gefragt: Warum tut Milla jetzt so krasse Sachen? Das würde ich nie machen."

Das Gratwandern zwischen Realität und Fiktion - eine Freiheit, mit der die Frau, die immer aufpassen muss, dass sie nicht bei jeder Busfahrt den Notizblock zückt und die Sitznachbarn auf ihre literaturtauglichen Eigenschaften hin abscannt, seit jeher spielt: "Eindeutig ist nur die Langeweile."

Wilhelms Texte sind deswegen längst keine schwarzen Würfel, die sich hermetisch vor dem Publikum verschließen. "Aber gerade die Fantasterei ist doch das spannendste Spielzeug, das eine Autorin besitzt" - und die Schriftstellerin Franziska Wilhelm von dem bequemen Mädchen unterscheidet, das sich in der Sofaritze des Realismus verkriecht.

Franziska Wilhelm, Donnerstag, 20 Uhr, Nato (Karl-Liebknecht-Straße 48), Eintritt 5/3 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.02.2014
Jennifer Beck

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