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Wagner, Klinger, May: Das Bildermuseum feiert und dekonstruiert drei "Weltenschöpfer"

Wagner, Klinger, May: Das Bildermuseum feiert und dekonstruiert drei "Weltenschöpfer"

Nun geht es Schlag auf Schlag. Kurz vor dem großen Geburtstag am kommenden Mittwoch häufen sich die Ereignisse rund um Richard Wagner, den gebürtigen Leipziger.

Leipzig. Die Besonderheit der gestern eröffneten großen Ausstellung im  Museum der bildenden Künste ist, dass er in Beziehung zu zwei anderen Sachsen - Karl May und Max Klinger - gesetzt wird, mit denen er nicht so viel gemein zu haben scheint.

 Die Klammer dieser Konstruktion wird im Titel klar benannt: Weltenschöpfer. In einer Zeit, in der Krupp oder Siemens die Technik umwälzten und Marx und Bebel auf andere Weise eine schöne neue Welt heraufbeschworen, phantasierte Wagner von Drachentötern und Gralsrittern, schuf Klinger Salon-Eskapaden und produzierte May am Fließband Räuberpistolen, deren von ihm selbst nie gesehene Schauplätze zwischen Persien und den Rocky Mountains liegen.

 

Den Besucher empfängt eine traditionelle Gemälde- und Grafikausstellung, ganz klassisch, etwas trocken. Auch wenn dabei die von der Romantik ausgehenden, verklärenden und antimodernen Strömungen des 19. Jahrhunderts im Vordergrund stehen, schimmert die Zeitenwende durch, und sei es durch einen untergehenden Dampfer in stürmischer See.

 Ein greller Kontrast zu dieser musealen Annäherung sind die drei Räume, die von der Stuttgarter Künstlerin rosalie gestaltet wurden, die bereits Erfahrungen mit der Bühnenausstattung von Wagner-Opern hat. Der enorme technische Aufwand konnte mit Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung realisiert werden, "unser Ludwig II", wie Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt im Hinblick auf den bayerischen Förderer und Fan des Komponisten sagt.

 Ungewohnt für den Stadtmenschen ist in ihrer Klinger-Landschaft das Wandeln auf weichem Blattwerk. Dieses ist aber aus Filz und mit Sensoren ausgestattet, welche einen automatischen Flügel inmitten eines leuchtenden Geflechts zum Spielen von Musikfetzen veranlassen. Im "Heldendisplay" für Wagner kann man im Liegestuhl Platz nehmen, um den 20-minütigen Loop aus Licht und Bewegung auf sich wirken zu lassen. In ein "Dead End" schließlich führt der Karl May gewidmete Canyon.

 Die Wände pulsieren pneumatisch, während Impressionen vom Bärenfluss bis zu New Yorker Straßenschluchten auf ihnen zu einer Soundcollage flackern. Auch hier steuert der Besucher durch das Umhergehen auf spiegelndem Grund die Abläufe. Die ambitionierten Gesamtkunstwerke entstanden mit Unterstützung des ZKM Karlsruhe, um neueste Technologien nutzen zu können. Doch rosalie ist in ihrer Verquickung von Hightech mit Jahrmarkt und Shopping Mall nicht allein unter den Künstlern dieser Richtung.

 Der Schriftsteller Clemens Meyer erschien zur Pressekonferenz als Winnetou mit Cowboyhut und hielt ein whiskygetränktes Plädoyer für die Outlaws und Freaks, die bei Karl May zu Helden werden. Die Doppelfigur Günther Meyer, die er gemeinsam mit dem Galeristen Uwe-Karsten Günther bildet, hat eines von drei Kabinetten eingerichtet. Den wüsten Saloon haben zehn weitere einbezogene Künstler zu einer räumlichen Collage gemacht, dennoch ertönt "Ave Maria", die wahrscheinlich einzige Tonschöpfung des schreibenden Hochstaplers.

 Ernsthafter erscheint das Kabinett des Fotokünstlers Falk Haberkorn. Sein "Unbehagen an Klinger", dem okkulten Leidenschaften nachgehenden Lokalheiligen des Museums, verarbeitet er durch eine Konfrontation mit Daniel Paul Schreber, einem wahnsinnig gewordenen Sohn des berühmt-berüchtigten Arztes und Gartenpropagandisten.

 Die Frage nach dem Verhältnis von Genie und Wahnsinn lässt sich aber auch auf die beiden anderen Protagonisten übertragen. David Timm schließlich, Leipzigs Universitätsmusikdirektor, hat den Auftrag der Recherche am wörtlichsten genommen. Die Wände seiner Kammer überziehen die Daten aller Inszenierungen von Wagnerschen Werken in Leipzig. In der Mitte aber steht das originale Bett des Züricher Paares Wesendonck, die dem sächsischen Flüchtling Exil gewährten, eben bis ins Laken von Matthilde Wesendonck hinein. Aus dem Möbelstück wuchert Unkraut, allerdings treibt es kräftige Blüten.

 Auch wenn in der Ausstellung drei letztlich sehr verschiedene Künstler - ein Schriftsteller, ein Bildkünstler und ein Komponist - zusammengeführt werden, ist doch Wagners rundes Jubiläum der Anlass. Mag schon die Nennung in einem Satz gemeinsam mit May manchem Wagner-Verehrer blasphemisch vorkommen, so kratzt die eigenwillige Zusammenstellung des Projektes noch etwas mehr Lack von seinem Image ab. Entkleidet des Pomps der Opernbühne wird nun sichtbar, dass seine Rheintöchter und Nibelungen ganz gut hätten Brüderschaft mit Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand trinken können.

 "Weltenschöpfer - Richard Wagner, Max Klinger, Karl May" im Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10; bis 15. September; Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.05.2013

Jens Kassner

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