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Wagner, Morgengebet und Club-Beats bei den Leipziger Jazztagen

Wagner, Morgengebet und Club-Beats bei den Leipziger Jazztagen

Die 37. Leipziger Jazztage verknüpfen Wagners 200. Geburtstag mit dem 20. Todestag Frank Zappas. Am Donnerstag war das Eröffnungskonzert der drei zentralen Festivaltage in der Oper.

Leipzig. Richard Wagner kolportierte in seinen Lebenserinnerungen, er habe, in Venedig beim Mahle sitzend, seine Ouvertüren in entstellter Form über den Markusplatz wehen hören. Dargebracht wurden sie zunächst von einer österreichischen Militärkapelle und nach deren Abzug von italienischen Caféhausmusikern. Diese verfremdete Begegnung war dem Meister nicht unangenehm, auch wenn die Ausführenden zumeist ein zu schnelles Tempo anschlugen. Der Komponist soll bremsend und zugeneigt als Ad hoc-Kapellmeister eingegriffen haben.

Bei den 37. Leipziger Jazztagen hätte er einiges zu tun. Und ob er es immer gern getan hätte, ist eine andere Frage. Sie verknüpfen seinen 200. Geburtstag mit dem 20. Todestag Frank Zappas. "Zwei gigantomanische Freaks" nennt Daniel Glatzel die beiden. Wenn man ihn dann beim Eröffnungskonzert der drei zentralen Festivaltage in der Oper inmitten seines 18-köpfigen Andromeda Mega Express Orchestras erlebt, spürt man, dass er den Job gern angenommen hat, dann aber zum Glück sein eigenes Ding daraus machte und nur inmitten des Auftritts die Premiere seiner Auftragskomposition einklinkte. Seine Breitwandkapelle ist ein schönes und ebenfalls gigantomanisches Beispiel dafür, dass Berlin nicht nur in Sachen Flughafen die Hauptstadt der Improvisation ist.

Auf engstem Raum drängelt sich eine Vielzahl von Musikern, und nicht nur in der Zusammenstellung ihrer Instrumente sind sie alles andere als orthodox: Flöten, Streicher, Harfe, Synthesizer, Vibrafon, und alles beginnt mit einem Fagottsolo - Bigband anders. Es ist verblüffend, wie dieses junge Großaufgebot einen eigenen Sound kreiert und ein großes Ganzes ergibt, unverbraucht, mit Witz, Verve und als Verwirrspiel aus Holperrhythmen, Fanfaren und Improvisationen. Es ist keine kleine Kunst, so eine Horde derart kompakt zu führen. Und wenn Glatzel schließlich verschmitzt ins Publikum fragt, ob jemand in diesem Jahr Geburtstag habe, dann könne man ja ein Festival machen, zeigt das eine sympathische Unverkrampftheit dem Thema gegenüber.

Ganz anders das folgende Trio des begnadeten Kontrabassisten Dieter Ilg. Als klassisch ausgebildeter Musiker hat er sich unlängst mit Verdis "Otello" und nun mit Wagners "Parsifal" beschäftigt. Er nimmt seine Sache ernst, was seine Musik wie in Schönheit festgefroren erscheinen lässt. "Morgengebet", "Klageruf" und immer so fort. Ein Bass, der die kompliziertesten Linien wie selbstverständlich entwickelt und durchhält, dazu Patrice Herals nuanciertes Schlagzeug und Rainer Böhms unentschlossenes Klavier-Stop-and-Go. Insgesamt ergibt das einen angepflockten Jazz vom Blatt, in dem Ilgs stupende Fähigkeiten gar zu sehr an die Leine gelegt sind. Er könne sich keine anderen Mitspieler vorstellen, sagt er mehrmals - der Zuhörer schon.

Dann ein vollkommen anderes Trio: risikobereit, im Offenen tastend mit Steigerungen und Abschwüngen, sich verlierend und wiederfindend, kein Wagner. Bugge Wesseltoft ist Pionier und immer wieder Initiator von Begegnungen des Jazz mit elektronischen Club-Beats und -Sounds. Seine neuen Konzeptionen bringen immer wieder frischen Wind. In Leipzig hat er sein experimentierfreudiges Stegreif-Duo mit dem Berliner Techno- und House-Tüftler Henrik Schwarz ergänzt um den ehemaligen Esbjörn-Svensson-Bassisten Dan Bergland. Der integriert sich vorzüglich in diese geradezu unverschämt lockeren Klangabenteuer und gibt ihnen einen dunklen, manchmal diabolischen Grund. Vom Knöpfe drehenden Dräuen bis zur berückenden Ballade ist der Bogen gespannt. Nichts ist fertig, alles ein großer Fluss. Ein Abend mit Längen. Und das hat dann wieder viel mit Wagner zu tun.

Jazztage heute:

11 Uhr, Oper: "Jazz für Kinder" mit Julianes Wilder Bande; 19.30 Uhr, Oper: Mike Svoboda Quartett: "14 Versuche, Wagner lieben zu lernen" / Carla Bley Trio / Atom String Quartet feat. Vladyslav Sendecki; 23:59 Uhr, naTo: Morgenthaler/Röllin "Organized Sounds of Frank Zappa"; am morgigen Sonntag, 21 Uhr, Neues Schauspiel Leipzig: DEKAdance

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.10.2013

Ulrich Steinmetzger

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