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Wagner ohne Wagner: Wie Leipzig und Bayreuth das "Liebesverbot" hinbekommen

Wagner ohne Wagner: Wie Leipzig und Bayreuth das "Liebesverbot" hinbekommen

Mit frenetischem Jubel hat das Publikum am Montagabend in der Oberfrankenhalle den zweiten Teil des Gemeinschaftsprojekts "Von Leipzig nach Bayreuth" bedacht: Aron Stiehl inszenierte zum 200. Geburtstag "Das Liebesverbot", Richard Wagners zweite Oper.

Ab September ist sie in der Oper Leipzig zu erleben.

Isabella alias Christiane Libor stemmt die Hände in die Hüften, blickt ins Publikum und stößt im Brustton tiefster Verachtung ein "Operette" aus. Da ist die Geschichte um Palermos bigotten Statthalter Friedrich, der ihr, Isabella, an die Wäsche will, ihren Bruder Claudio hinrichten lassen, weil er verliebt ist, und den Palermitanern überdies den Karneval verbietet, auf dem Höhepunkt der Verwicklung angekommen. Da ist die Gefahr groß, im Zuge des Verkleidungs- und Verwechslungsspiels den Überblick zu verlieren, und Aron Stiel greift tief in die Komödienkiste, um Witz und Spannung zu halten.

Mit großem Erfolg. Denn während zur Pause oft noch zu hören ist, das alles habe mit Wagner nicht viel zu tun, sei, wenn schon nicht "Operette", dann doch eher Rossini, ist nach dem zweiten und letzten Akt die Begeisterung im Saal ungeteilt. Bravo-Brüllen, Fußgetrappel - ein Triumph für die Oper Leipzig und das Gewandhausorchester unter der Leitung von Constantin Trinks. Ein Triumph auf ganzer Linie: für die zum großen Teil aus dem hiesigen Ensemble stammenden Solisten, für Alessandro Zuppardos exzellenten Opernchor, fürs rund um Konzertmeister Christian Funke leicht federnd und satt schwelgende Gewandhausorchester, für Stiehls herrliche Inszenierung im intelligent schlichten Bühnenbild Jürgen Kirners und in den abgefahrenen Kostümen Sven Bindseils.

Im "Liebesverbot" treffen Welten aufeinander: Da ist die freudlose des deutschen Statthalters, die Kirner mit den nummerierten Wandfächern einer gesichtslosen Registratur versinnbildlicht. Da ist die animalische Welt der feierwütigen Einwohner Palermos, für die ein Urwald die Wände ziert, da ist schließlich die Kirche, hinter deren Klostermauern Isabella und Marianna Zuflucht suchen vor den anderen Welten. Alle haben ihre jeweils eigene Kleiderordnung. Korrekt bis zackig treten Friedrich und seine Wachen auf, streng dekorativ Isabella und Marianna, und das Kostümfeuerwerk, das Bindseil fürs triebgesteuerte Volk abbrennt, muss man gesehen haben. Dan Karlström etwa, der als Antonio im Fell-Lendenschurz als Steinzeitler über die Bühne turnt, oder die Zauselhippies Luzio (Bernhard Berchtold) und Claudio (David Danholt) oder Viktorija Kaminskaite, die als Dorella die Sünde selbst ist, die Damen und Herren des Chores, bei denen zwischen Tiger-Frack und Neandertaler alles dabei ist, was man tragen kann - oder besser nicht.

Die ganze Personage quirlt fortwährend zwischen den sich drehenden Welten-Wänden umher, und die Liebe, die Stiehl in der Personenführung jeder noch so kleinen Partie, jedem Mitglied des Opernchores hat angedeihen lassen, erhebt dieses "Liebesverbot" meilenweit über die szenische Seite des "Rienzi" vom Vortag.

Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass diese Oper, sieht man davon ab, dass er sie geschrieben hat, tatsächlich nichts mit Wagner zu tun hat. Dass das "Dresdner Amen", mit dem er die Klosterszene einläutet, im "Parsifal" nochmals zu Ehren kommt, ist eine nette Randnotiz, sagt nichts über die Musik aus, die schamlos beim komischen Musiktheater der Italiener und Franzosen wildert. Und zwar gekonnt.

Bisweilen erliegt Wagner der Gefahr, seine Einfälle in Rausch der selbstgefälligen Wiederholung totzureiten. Aber nachdem Trinks beherzt die Flex angesetzt und das Werk auf rund dreieinhalb Bruttosstunden runtergekürzt hat, ohne seine Substanz zu beschädigen, fällt das kaum noch ins Gewicht. So bleibt ein wirkungssicheres Stück Musiktheater, dem die eigene Absurdität nicht im Wege steht. Es erscheint reizvoll, sich auszumalen, was der Musiktheaterwelt geblüht hätte, wäre Wagner auf diesem Weg vorangeschritten.

Immerhin ahnen wir, dass er dann noch unangenehmer zu singende Partien geschrieben hätte. Die zur schieren Kraft noch Eleganz und Geschmeidigkeit und Geläufigkeit der Belkanto-Gurgel verlangen. Derer sich dennoch in der Leipziger Produktion eigentlich alle Beteiligten mit staunenswerter Souveränität entledigen: Christiane Libors so eindrucksvolle wie subtile Isabella, die beiden Tenöre Berchthold und Danholt, die zarte Mariana Anna Schoeck, Kaminskaites Dorella, Tuomas Pursio als Friedrich, die Nebenrollen wie Antonio oder Pontio Pilato (Martin Petzold).

Am Pult laufen die Fäden beim 38-jährigen Trinks zusammen, der im Wagnerfach bereits für einiges Aufsehen sorgte und auch mit diesem Wagner neben der Spur erstklassige Arbeit abliefert. Eingebettet in den Buffo-Rausch im Schatten Rossinis macht der Dirigent durchaus hörbar, dass auch Bellini und die Franzosen erheblichen Einfluss auf diesen sinnenprallen jungen Wagner hatten. Wo es schwelgen soll, schwelgt es, wo es krachen soll, kracht es. Und wo dem jungen Komponisten bei der Instrumentation im Feuer der eigenen Begeisterung die Gäule durchgingen, da hält Trinks die Zügel fest in der Hand und ordnet via dynamischem Feinschliff.

Am Ende bleibt im Taumel des allgemeinen Jubels ein Rätsel: Warum wird sie nie gespielt, diese vielleicht nicht geniale, aber doch lohnende Oper? Und es müsste mit dem Teufel zugehen, würde sie nicht auch in Leipzig zum Renner, wo sie die kommende Spielzeit eröffnet.

"Rienzi": heute, 13.7., "Das Liebesverbot": heute und morgen. In Bayreuth ist man in knapp zwei Stunden und Karten gibt's noch unter Tel. 0341 1261261. Auch für die Leipziger Premiere des Liebesverbots am 29.9.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.07.2013

Peter Korfmacher

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