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Warum das Leben ein Tanz ist: Deutschlands beste Breakdancer sind Sachsen

The Saxonz Warum das Leben ein Tanz ist: Deutschlands beste Breakdancer sind Sachsen

Es ist gerade mal drei Jahre her, das sich The Saxonz gegründet haben. Zwei nationale Titel später darf man die Breakdancer aus Chemnitz, Dresden und Leipzig getrost als momentan beste deutsche Gruppe bezeichnen. Mit Filmemacher Sebastian Linda haben sie einen spektakulären Image-Film für den Freistaat gedreht, der seit Ende 2015 im Netz für Furore sorgt.

Lowphat (links) und Lehmi auf den Herkulessäulen in der Sächsischen Schweiz.

Quelle: Filmstill

Leipzig. Ein Dramaturg hätte sich das nicht besser ausdenken können. Als die Saxonz im September als Titelverteidiger beim deutschen Battle of the Year in Hannover antraten, nahm Filmemacher Sebastian Linda einfach mal seine Kamera mit. Obwohl er das Material eigentlich längst beisammen hatte, das er im Auftrag der sächsischen Staatskanzlei für einen Image-Film brauchte. „Aber man weiß ja nie“, sagte er.

Also hielt er drauf, als der Moderator Spax den Gewinner verkündete – „The Saxonz!“ – und als die Tänzer aus Chemnitz, Dresden und Leipzig jubelnd die Tanzfläche stürmten. 15 euphorische Sekunden, die jetzt den Anfang von Lindas knapp fünfminütigem Video „Life is a Dance“ bilden. Ursprünglich gedacht, um dem Freistaat Sachsen im Rahmen der Kampagne „So geht sächsisch“ ein jugendliches Image zu geben, sorgt der Clip seit Ende 2015 darüber hinaus weltweit vor allem unter Hiphoppern und Filmleuten für Furore.

Denn so spektakulär hat selten eine Regisseur die urbane Subkultur in Szene gesetzt, für die in den 80er Jahren das Marketing-Wort „Breakdance“ erfunden wurde. Sie selbst nennen sich „B-Boys“, und der Filmemacher hat mit schnellen Schnitten montiert, wie sie ihre Körper inmitten mal prominenter, mal idyllischer, mal charmant heruntergekommener Schauplätze Sachsens verrenken. Vom Wendeltreppengeländer des Turms auf der Bistumshöhe hüpft einer von ihnen geradewegs vor das Festspielhaus Hellerau. Eine rasend schnelle Kamerafahrt später vollführt ein anderer die Akrobatik auf einem frisch gemähten Weizenfeld weiter. Was für seine Hände irgendwie schmerzhaft gewesen sein muss.

Begegnung mit einem Leitbullen

Es ist stets ein neuer Tänzer, der die letzte Pose seines Vorgängers kurz übernimmt und sich sogleich anderweitig verbiegt. Von der Görlitzer Altstadtbrücke geht die virtuelle Reise zum Zwinger, zur Frauenkirche, zur Albrechtsburg, unter der romantischen Rakotzbrücke in Kromlau hindurch an den ausrangierten Kohlebaggern des Bergbau-Technik-Parks im Neuseenland vorbei zum Chemnitzer Karl-Marx-Monument, auf die Vineta im Störmthaler See, vor das Völkerschlachtdenkmal und in die Arena am Panometer. Der Dreh führte die Saxonz nach ganz unten: ins Freiberger Besucherbergwerk. Und nach ganz oben: auf drei Gipfel des Elbsandsteingebirges. Eine Dronen-Kamera filmte die risiko­reiche Akrobatik.

„Das war definitiv der Höhepunkt des Projekts“, erinnert sich das Leipziger Crew-Mitglied Holger Köhler, unter seinesgleichen besser als Killian bekannt. Als sich die Truppe früh um vier aus dem Bett quälte, um das passende Filmlicht zu erwischen, war noch gar nicht abgemacht, dass sie die beiden Herkulessäulen und die Nonne tatsächlich besteigen würden. Und weil das Licht dann doch erst bei Sonnenuntergang den Vorstellungen des Regisseurs entsprach, blieb ihnen unverhofft Zeit, darüber nachzudenken. Den Tag vertrieben sie sich mit einem spontanen Dreh auf einer Weide – was offenbar nicht ausschließlich auf Gegenliebe stieß.

André Hepke alias Lowphat, der zweite Leipziger unter den Saxonz, positionierte sich zum Tanz vor eine Kuhherde – und das ging auch ungefähr acht Drehversuche lang gut. Aber irgendwann störte sich der Leitbulle doch an den urbanen Eindringlingen. Er zog die ganze Herde hinter sich her. Regisseur Linda hechtete unter einem Elektrozaun hindurch, Lowphat darüber. Kurz dahinter schnaubte der wütende Stier.

Nicht zuletzt solche Erlebnisse schweißten Tänzer und Filmteam, die sich vorher kaum kannten, während der zweiwöchigen Dreharbeiten zu einer Einheit, erzählt der Dresdner Philip Lehmann, 28, der sich als B-Boy den Namen Lehmi gibt. „Der Film zeigt nicht unbedingt die spektakulärsten Bewegungen“ – da habe schon der meist vollkommen ungeeignete Untergrund Grenzen gesetzt. „Doch er transportiert die Emotionen, die wir beim Dreh verspürt haben.“ Die tägliche Herausforderung und die Freiheit, die Regisseur Linda ihnen und ihren Ideen ließ.

US-Filmemacher Daniel Zhu hat Ausschnitte in sein viel geklicktes Jahres-Best-of gefügt. Die B-Boy-Legende Jacob „Kujo“ Lyons aus Los Angeles kommentierte das Video überschwänglich: Jetzt wisse er wieder, warum er der Crew als Juror beim internationalen Battle of the Year 2015 so viele Punkte gegeben habe. Wäre es allein nach Kujo gegangen, hätten The Saxonz da im Oktober in Braunschweig sogar noch mehr als Platz zehn erreicht.

Nach zwei nationalen Titelgewinnen in Folge lässt sich ohnehin konstatieren, dass die Sachsen die deutsche Breakdance-Szene momentan dominieren. Dabei existieren die Saxonz gerade mal seit drei Jahren. Im Februar 2013 trafen sich 40 Tänzer in Chemnitz, zunächst lediglich, um eine Art Allianz zu vereinbaren. Alljährlich waren die sächsischen Gruppen beim ostdeutschen Vorausscheid, dem Battle of the East, vorn dabei – nur, um sich dann bei der nationalen Endrunde spätestens im Halbfinale zu verabschieden. „Wir wollten mehr erreichen“, sagt Lehmi, bis zur Saxonz-Gründung Teil der Söhne des Kreises. „Aber in jeder Tanztruppe betrieben zwei Drittel das Ganze als Hobby.“ Der neue Verbund sollte „die Ressourcen und Potenziale bündeln“, so Lehmann.

B-Boys in der Semperoper

„Alle durften mitmachen, keiner wurde ausgeschlossen, das war uns wichtig“, sagt Killian, der aus dem Battalion East zu den Saxonz stieß. Aber nur die ambitioniertesten Tänzer wollten den gestiegenen Anforderungen auf Dauer standhalten: gut zwei Handvoll, die ihre Lebensplanung ganz aufs Breaking ausrichten. Ein Einkommensmix aus kommerziellen Auftritten und Kursen in Schulen und Jugendclubs sichert einigen sogar den kompletten Lebensunterhalt. Darüber hinaus kooperieren die Saxonz in bald drei Projekten mit dem Festspielhaus Hellerau, arbeiten dabei 2016 unter anderem mit der Elbland Philharmonie zusammen und sollen am Tag der deutschen Einheit dieses Jahr sogar in der Semperoper beim offiziellen Festakt des Bundespräsidenten in einer gemeinsamen Choreographie mit dem Semperoper-Ballett auftreten.

„Mit den Saxonz hat sich das Gesamtniveau gehoben“, findet Michael Lippold von den Bautzener Stylejunkies, einer Agentur, die sich zur Aufgabe macht, Sachsens urbane Kultur zu vernetzen und fördern. „Sicher, es gab auch Kritik aus der Szene, weil die Gruppen ihre besten Leute an die Saxonz verloren.“ Aber, unterbricht Lehmann, „Veränderung musste sein, um etwas zu bewegen“.

Über ihren Namen haben sie lange diskutiert. Er drückt ihre Herkunft aus, klar, aber genau genommen auch eine Haltung. „Die meisten Crews teilen mit ihrem Namen mit, was sie sein wollen. Dagegen beschreibt ,The Saxonz’ einfach, wer wir nun mal sind“, erklärt Lehmi. „Es ist an uns, das Etikett mit Inhalt zu füllen.“ Mit Aufsehen erregenden Choreographien beispielsweise, die ihnen Deutsche Meisterschaften bescheren. Und mit einem Videoclip, dessen Botschaft letztlich darin besteht, das Leben nicht auf später zu verschieben. „Das Leben ist ein Tanz, vom Herzschlag im Mutterleib an“, sagt aus dem Off eine englische Stimme, kurz nachdem man die Saxonz dabei beobachten konnte, wie sie über ihren Sieg in Hannover jubeln. „Das ist definitiv unsere Devise“, sagt Lehmi, der Tänzer. „Wir leben im Moment, jeden Tag.“

Sebastian Lindas „Life is a Dance“ und weitere Informationen: www.thesaxonz.com

Von Mathias Wöbking

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