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Warum der Club einer Künstlergruppe in Plagwitz dicht machen musste

Warum der Club einer Künstlergruppe in Plagwitz dicht machen musste

Der Leipziger Club Nullunendlich musste seine Pforten schließen - eine Geschichte von blauäugigen Mietern und deren Vermietern. Subkultur entspringt dort, wo Menschen mit Leidenschaft, Spucke und einem leichten Sprung in der Schüssel etwas Einmaliges aus dem Boden stampfen.

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Wo nach Ansicht des Vermieters "Atelier" draufstand, war ein Club drin: das Nullunendlich.

Quelle: Nullunendlich

Leipzig. n. So geschehen 2012 in der Markranstädter Straße 4. Das Nullunendlich wuchs von einer Kunstgalerie zu einem Untergrund-Club und machte sich damit nicht nur Freunde. Im Juni wurde den Mietern, einer Künstlergruppe, fristlos gekündigt. Ein Freiraum weniger für die Subkultur und eine Menge Ärger für die Macher.

Leipzig hat sich den Namen "Hypzig" vor einigen Monaten sehr unrühmlich verdient. Stadt und Medien warfen täglich neues Holz in das glühende Hype-Feuer. Es gab hundert Gründe, warum Leipzig das bessere Berlin ist. Viel Lärm um nichts? Nicht ganz, denn Leipzig bietet augenscheinlich viele Freiräume, die besonders die Subkultur effektiv nutzen kann. In Berlin machen es die Kommerzialisierung der Clubszene und die zunehmende Gentrifizierung für Querdenker schwer, siehe Beispiel "Bar 25".

Leipzig dagegen schleppt seit Jahrzehnten Altlasten in Form von unsanierten Gründerzeitbauten und Industriebrachen mit sich herum. Das macht den Charme der Stadt aus, hier gibt es bezahlbaren Freiraum. Aber wie lange noch? Im alten Plagwitzer Industriegebiet zwischen Zchocherscher, Gießer und Markranstädter Straße soll die Kultur der Stadt sich ausleben. "Die Gemengelage von einigen wenigen Gründerzeitbauten, Industriebrachen und einer relativen Nähe zur City ist wie geschaffen für Ansiedlungen aus dem Kulturbereich", so Heinrich Neu vom städtischen Stadtplanungsamt West. Künstler und Andersdenkende seien also willkommen.

Die Künstlergruppe "Many People" aus Lindenau sucht 2011 ein neues Domizil. "Wir wollten ursprünglich unseren alten Kunstraum 'Goldener Bürgersteig' in der Lützner Straße mit anderen Leuten kaufen, wurden aber überboten", so Lars Werner, einer der Mitbegründer. Im Bürgersteig fanden Ausstellungen, aber auch Veranstaltungen statt. Auf der Suche nach einer neuen Galerie wurde die Gruppe in der Markranstädter Straße 4 fündig. "Ein gelebter Raum, ehemals Werkstatt und vieles anderes. Wie geschaffen für uns", erinnert sich Lars Werner. Auf dem Gelände war früher der Club Superkronik - allein die Werkstatt nicht. Diese wurde aber für Ausstellungen benutzt.

Anfang 2012 zieht die Gruppe ein. Der Plan sieht eine Galerie vor, allerdings sollen auch ab und an Konzerte und Veranstaltungen stattfinden. "Das haben wir mit dem damaligen Vermieter vereinbart", erzählt Kiron Guidi, ein weiterer Künstler aus der Gruppe. Allerdings gelten die Absprachen mündlich. Ein Fehler, wie sich später herausstellen wird. Die Gruppe steckt derweil viel Fleiß und Geld in das Nullunendlich, wie der Laden ab sofort heißt. Der Zustand des Gebäudes ist miserabel: "Es hat lange rein geregnet. Einige Kunstwerke sind dabei draufgegangen", sagt Kiron Guidi. Er ist, wie fast alle der Gruppe, Kunststudent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Doch die Galerie macht sich langsam einen Namen als Veranstaltungsort für Abseitiges. Im Nullunendlich spielen Wave-, Punk- oder Elektrobands, die allesamt in den Nischen des Mainstream für Abwechslung sorgen. Das Projekt entwickelt eine ungewollte Eigendynamik. Lars Werner kann es immer noch nicht fassen: "Der Zuspruch hat uns umgehauen!" Doch mit den Warhol'schen 15 Minuten of Fame beginnt sich das Blatt zu wenden. Ein neuer Eigentümer, die Plagwitzer Immobiliengesellschaft, engagiert einen neuen Verwalter, die City-Hausverwaltung-GmbH. Und droht mit massiven Mietpreiserhöhungen.

Ulf Graichen, Geschäftsführer der Plagwitzer IG, hat eine andere Sicht auf die Ereignisse: "Nachdem wir das Objekt übernommen hatten, kamen Beschwerden der gewerblichen Mieter in der Straße wegen Verschmutzung vor dem Gebäude." Das habe ihn erstaunt, "da laut Vertrag nur ein Atelier im Objekt sein sollte". Später hätten die Mieter klargestellt, "dass für sie eine Clubnutzung nicht zu leisten wäre, da sie die Kosten für Umbau nicht hätten tragen können. Insofern war die Sache klar".

Die Künstler empfinden den Brief der Verwaltung, der sie im März erreicht, hingegen eher als Drohung: mit Kündigung und Schadenersatzklage. "In der Härte war der Brief schon krass, auch wenn wir natürlich keine Handhabe hatten", so Lars Werner, denn wie der neue Verwalter richtig anbrachte: Konzerte und Partys waren nie im Vertrag vereinbart. "Das war sicher unser Fehler, denn wir haben mit dem ersten Verwalter nur mündliche Absprachen gemacht. Was uns aber ärgert, ist die Art und Weise, wie wir rausgeschmissen wurden", erzählt der Student weiter.

Denn statt auf Dialog setzt der Verwalter auf Konfrontation. Auf Nachfrage ergibt sich zudem das Bild, dass die benachbarten Einrichtungen, das OFF-Center und der Club Elipamanoke, Beschwerde gegen das Nullunendlich eingereicht hatten. Letzterer beziehe sich auf den Konkurrenzschutz, heißt es. "Das konnten wir nicht glauben, immerhin hatten wir immer ein normales Verhältnis zu den Nachbarn, wir kamen uns nie in die Quere", wundert sich Lars Werner.

Die Betreiber des Elipamanoke melden sich in einem Facebook-Post zu Wort: "Wir haben uns über die Monate mit Nullunendlich arrangiert (-) ich persönlich habe die Aktivitäten, die über eine Galerie hinaus liefen, bei vielen unserer Fremdveranstalter verteidigt und sehr oft relativiert, weil: anderes Konzept, anderes Zielpublikum (-). Das hat auch ganz lange funktioniert, bis die Galerie auf den Geschmack gekommen ist, eben auch Techno, Afterhours etc. zu veranstalten."

Weiter schreibt Andy, einer der Betreiber, es gebe keinen Konkurrenzschutz und man habe auch keine Unterlassungsklage gegen das Nullunendlich angestrebt. Die Initiative sei allein vom Verwalter ausgegangen. IG-Geschäftsführer Graichen sagt, er sei nicht generell gegen eine Clubnutzung. "Aber dann müssen die räumlichen Voraussetzungen, etwa Brandschutzbestimmungen, gegeben sein. Das Elipamanoke oder das Täubchenthal, das wir mit aufbauen, zeigen ja, dass es geht".

Inzwischen gibt es bei Facebook einen Mini-Shitstorm. "Am Ende standen wir als die Bösen da, weil wir das Eli angeschwärzt hatten, das ist aber Blödsinn. Wir hatten nur die Infos von der Verwaltung, es fehlte einfach die Kommunikation", beschwichtigt Kiron Guidi. Die Blauäugigkeit der ersten Stunden rächt sich nun. Zu der Klage des Verwalters kommt Ärger mit einem Nachbarn, der zu keinem Kompromiss bereit ist. Das Nullunendlich hatte sogar Hotel-Unterbringungen an Konzertabenden angeboten.

Im Juni wird der Mietvertrag schließlich gekündigt. Ein vorgeschlagener Nachmieter wurde von den Verwaltern nicht akzeptiert, deshalb sitzt die Künstlergruppe auf Mietschulden und zeigt unvermittelt Reue: "Um so einen Club aufzuziehen, braucht es eine Gruppe, die voll dahintersteht. Du kannst als Privatperson keinen Raum mieten. Am Ende war das unser Fehler. Auch, dass wir so spät die Öffentlichkeit informiert haben", resümiert Lars Werner. Man müsse kulturelle Freiräume hart verteidigen, eine Öffentlichkeit schaffen, sich gut vernetzen und das rechtliche Drumherum besser abklären. Harte, ehrliche Worte. So, glauben Kiron Guidi und Lars Werner, können andere von ihrem Beispiel lernen.

Auf ihrer Facebook-Seite steht deshalb auch: "Wir wünschen allen Kulturbetreiber/innen weiterhin viel Glück und die gleiche Herzlichkeit und Unterstützung, die wir überall dort erfahren haben, wo nicht der Gedanke herrscht, in Leipzig Kleinkriegereien für die eigene Ego-Beschau oder Unzulänglichkeit aufmachen zu müssen. Wenn anderen Gleiches widerfährt, meldet euch bei uns, rechtzeitiges Vernetzen hilft - Leipzig soll nullunendlich bleiben ..."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.08.2013

Thilo Streubel

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