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„Was bleibt nach dem Tode?“ – Reinhard Fißler von Stern Combo Meissen ist tot

Nach langem Kampf gegen die Krankheit ALS „Was bleibt nach dem Tode?“ – Reinhard Fißler von Stern Combo Meissen ist tot

„Was bleibt nach dem Tode, wenn der Name nicht bleibt?“ – Worte aus dem Lied „Der Kampf um den Südpol“, von Stern Combo Meissen. Auf einer suggestiven Bassphrase faszinierte die beseelte Stimme Reinhard Fißlers. Jetzt ist der Sänger mit 67 gestorben. Lange hatte er gegen die Krankheit ALS gekämpft.

Kämpfte lange tapfer gegen die Krankheit ALS: Reinhard Fißler (li) mit Larry B. von Stern Combo Meissen)
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Berlin.  „Was bleibt nach dem Tode, wenn der Name nicht bleibt?“ Worte aus dem Lied „Der Kampf um den Südpol“, mit dem die Stern Combo Meissen 1976 ein exemplarisches Stück des ostdeutschen „Weltall-Erde-Mensch“-Rocks ablieferte. Auf einer suggestiven Bassphrase faszinierte die beseelte Stimme Reinhard Fißlers. Es war die Zeit des Kunstrock, des ganz großen musikalisches Ansatzes.

Im Osten, wo deutsche Texte Pflicht waren, wurde dazu eine besondere Poetik erfunden, die sich an die zentralen Menschheitsfragen wagte. Sicher, diese literarisch-philosophischen Höhenflüge resultierten aus der Banalität des Alltags: Wo die Realität nicht kritisch reflektiert werden durfte, wurde eben grüblerisch der Weltgeist befragt. Klare Worte wurden nicht gerne gehört, also mussten fantasievolle Metaphern her. Gleichwohl hat der realsozialistische Druck aus musikalischer Kreativität wunderschöne Songdiamanten geformt.

Der eigentliche Ostrock entfaltete sich in der zweite Hälfte der 70er als weitgehend eigenständiger Seitenstrang der Popular-Musik-Geschichte. Mit der NDW und der Entdeckung deutscher Rock-Texte auch im Westen veränderten sich plötzlich die Bedingungen. Die verkopften Band-Dinos des Ostens sahen sich zu radikalen Verjüngungskuren genötigt. Reinhard Fißler, der vollbärtige, langhaarige Musikerphilosoph, der heute mühelos als urbaner Hipster durchgehen würde, musste einem Jüngeren weichen: Glattrasiert und hochtoupiert war Pflicht. Stern Meißens neuer Sänger Ralf Schmidt alias IC Falkenberg wurde in der zweiten Hälfte der Achtziger tatsächlich zum größten Popstar des Ostens. Nach dem einigermaßen rüden Rauswurf bewies Fißler, dass er noch viel wandlungsfähiger als die Kollegen war. In einem Trio mit DJ (!) tingelte er durch die Diskos, mit der Fißler-Gang machte er heißen Funk. Zwei Jahre lang hatte er viel zu tun mit der angesagtesten Spaß-Band das Ostens, Reggae Play aus Magdeburg.

Nach dem Umbruch wurde bald klar, woran sich die Ossis am liebsten erinnern: Die großen Bands fanden sich wieder in ihren Siebziger-Besetzungen zusammen. Fißler verzieh die unfaire Behandlung und die Sterne aus Meißen gingen noch mal gemeinsam auf Tour. Lange konnte er die Früchte dieses Neuanfanges aber nicht genießen. Um das Jahr 2000 zeigten sich die ersten Anzeichen von ALS, einer unheilbar fortschreitenden Lähmung aller Muskeln bis zum Tode.

Wer Glück im Unglück und ein Kämpferherz hat, kann diesen Prozess lange strecken. Der Physiker Stephen Hawking ist das bekannteste Beispiel. Fißler leistet 16 Jahre Widerstand. In den letzten Jahren komplett ans Bett gefesselt, unfähig zu irgendeiner Bewegung, konnte er dank einer speziellen Software und eisernem Willen mit den Augen eine Tastatur ansteuern, schrieb Texte und sogar Noten. Wenn er die in virtuelle Instrumente lud, produzierte er Musik. Mit seinem Zustand ging er souverän und humorvoll um. Wenn ihm ein schönes Lied gelungen sei, schrieb er in seiner Web-Kolumne, „… dann klopfe ich mir mit Hilfe eines Pflegers auf die Schulter, so unter dem Motto: „Ev’rybody clap my hands!“

Nun hat ihn die Krankheit doch gekriegt. Am frühen Samstagmorgen ist er in einem Berliner Krankenhaus gestorben. 67 Jahre ist er alt geworden. Was bleibt nach dem Tode? Bei manchen Menschen sehr viel.

Von Lars Schmidt

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