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Was so hängen blieb: Spurensuche Backstage in der Leipziger Kulturszene

Was so hängen blieb: Spurensuche Backstage in der Leipziger Kulturszene

Dass diverse Künstler auf der Bühne keine Grenzen kennen, ist bekannt. Was aber erlauben sie sich Backstage? Welche Spuren haben Sternchen und Stars der nationalen und internationalen Rock-, Pop- und Jazzszene, Größen des Kabaretts und Theaterdarsteller an den Wänden oder auf Tischen und Stühlen der Leipziger Kulturszene hinterlassen? Und welche Backstage-Geschichten wissen die Betreiber unterschiedlicher Häuser zu berichten? Eine Spurensuche hinter den Kulissen.

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Moritzbastei-Sprecher Torsten Reitler inmitten der Hinterlassenschaften aus mehr als 13 Jahren, in denen Bands hier gewartet haben.

Quelle: Katharina Schultz

Leipzig. Es geht die Treppe hinab. Erste Station ist der Off-Bereich der Moritzbastei. 1982 eröffnete der Club in der Nähe des Augustusplatzes. Der Raum, in den Torsten Reitler, Sprecher des Studentenclubs, führt, wurde kurz nach der Jahrtausendwende renoviert. Mehr als 13 Jahre später: Wände, Decke, Türen, Lüftung, ja, selbst die Lichtschalter sind fast bis zur Unkenntlichkeit bekritzelt oder beklebt, auch den Spiegel hat es erwischt. "Belly Buttons" prangt ausladend an die Backsteinwand im Durchgang über dem Raum gesprayt. Belly wer? "Das Bedürfnis einer Band, sich zu verewigen, steigt umgekehrt proportional zur Berühmtheit", erklärt Reitler gelassen.

Das berühmteste Tag in dem kleinen, fensterlosen Raum ist mit der zarten Spitze eines Fineliners aufgetragen, in Druckbuchstaben, jeder einzelne nicht größer als ein kleiner Finger: Urheber die Rockband The Hives. Hinterlassen Anfang 2000, kurz vor ihrem großen Durchbruch. Mehrfach dezent markiert, hat sich die Rock- und Bluesband Engerling, die die Jahreszahlen ihrer Auftritte in der Moritzbastei fortsetzt. Zuerst geschehen 1986, zuletzt 2011.

Stellenweise zeigt sich, dass musisches und zeichnerisches Talent gelegentlich zusammenfallen: So hinterließ eine Rockgruppe beispielsweise "ein kleines Bandgemälde". "Allmählich wird es übermalt", bedauert Reitler. "Jeder will halt noch was unterbringen." Trotz manch nicht unbedeutender musikgeschichtlicher Relikte wurde überlegt, den Bereich zu renovieren. "Wir wollten vorher alles fotografieren." Schließlich ließ man doch davon ab: "Es hängen einfach zu viele Erinnerungen dran." Erinnerungen gibt es auch in anderen Formen: So hat Katie Melua ihren Pulli hier vergessen; Sandra Nasic, die Sängerin der Guano Apes, ihren BH; irgendwer anzügliche DVDs.

Stilistische Ähnlichkeiten zur Moritzbastei zeigen sich gut sechs Kilometer entfernt hinter den Kulissen des Ankers in der Renftstraße. Das Motiv Nummer eins: Penisse. Hier und dort mal Brüste oder der ganze Geschlechtsakt; rauchende oder zur Fratze verzogene Gesichter, Herzen, Bierflaschen ... Alles, was Künstlern meist offenbar unter Drogeneinfluss, aus dem Geschäftsführerin Heike Engel keinen Hehl macht, in den Sinn kommt. Autogramme, die sie sichtbar stolz machen, sind das von Ärzte-Schlagzeuger Bela B., von Xavier Naidoo oder Wir sind Helden. Die Band spielte und verewigte sich in dem soziokulturellen Stadtteilzentrum in Möckern 2002, als Vorband von Bananafishbones.

Viele der Kritzeleien und Sprüche bleiben anonym: "Ich kann gar nicht sagen, von wem das ist", gesteht die Leipzigerin. Ein Stück "Anker-Kultur" ist bautechnischen und Brandschutzauflagen zum Opfer gefallen. Um diese einzuhalten, musste etwa eine Wand zugemauert und neu gestrichen werden, ebenso wie die Decke. Die Tür samt ihrer gezeichneten Hingucker wurde bewahrt.

Die üblichen "Höhlenmalereien" von Bands fanden sich auch hinter den Kulissen des Tanzcafés Ilses Erika im Süden Leipzigs, berichtet Mitbetreiber Jörn Drewes. Der "erste Backstage-Raum" war jedoch nur ein Provisorium. Bei Renovierungsarbeiten vor zwei Jahren wurde das zum Teil primitive Gekritzel, Tags und ähnliches unter weißer Farbe versenkt. In dem neuen Raum bleiben allmählich Hinterlassenschaften an den Wänden zurück: "Noch ist nicht so viel zu sehen", sagt Drewes. "Aber man fordert auch nicht dazu auf, das passiert einfach so."

Dass die Hinterlassenschaften vom Künstlertypus und den Gepflogenheiten eines Hauses abhängen, zeigt die Funzel. Der Backstage-Bereich des Kabaretts inmitten der Leipziger Innenstadt kommt weit züchtiger daher als der eines alternativen Clubs wie der Anker. Hier stehen mehrere Garderobenplätze zur Verfügung, Gekrakel an den Wänden - undenkbar. Die Erinnerung an aufgetretene oder zu Besuch gewesene Künstler wird hochgehalten. Nur: Der Kult hat hier System. Schön gerahmt hängt Karl Dall neben Lotti Huber, Götz Alsmann neben Dolly Buster, Georg Kreisler über Olivia Jones. Viele Porträtfotos oder Zeichnungen mehr sind zu finden. Oftmals mit Autogramm und Widmung; nahezu überall in den Gängen, über den Türen hinter den Kulissen und vor allem in der hauseigenen Kneipe.

Die einschneidendste Backstage-Geschichte indes hat ein kleiner Feuerwehrmelder zu erzählen, der seinen Platz auf dem Rand einer Pinnwand gefunden hat. An dem Schreckensdatum überhaupt, dem 11. September, allerdings 2007, erlebte die Funzel "den Alptraum eines jeden Theaters", so Theater-Direktor und Kabarettist Thorsten Wolf. Bei dem Auftritt von Ludger Stratmann explodierte ein Scheinwerfer und 20 000 Liter Löschwasser ergossen sich "sintflutartig" über die Bühne. Einen Großteil des Wassers zogen die Vorhänge im Saal auf; einiges sickerte durch den Boden in die Tiefgarage. Am Tag darauf gehörte die Bühne den Trockenbauern und am Abend wieder Stratmann. "Das kann uns nicht noch mal passieren", so Wolf, "das jetzige Röhrchen im Melder ist stabiler".

Viel zu konzentriert, um sich in irgendeiner Form an den Wänden auszulassen, ist die Art von Künstler, die im Lofft am Lindenauer Markt auftritt. "Das sind keine Rockstars, die machen keine Show", weder auf, noch hinter der Bühne, sagt Lofft-Sprecher Sebastian Göschel über Theaterleute und Tänzer wie Christoph Winkler und Stephanie Thiersch, den Stepptänzer Sebastian Weber oder die deutsch-australische Compagnie Battle Royal, die hier ein und aus gehen. Unbestreitbar: "Sie haben auch ihre Allüren, die der eine mehr, der andere weniger pflegt." Doch: "Hinter der Bühne herrscht eine Atmosphäre der Konzentration. Perfektion erlaubt keinen Alkohol", sagt Göschel.

Entsprechend karg und spurenlos der Backstage-Bereich: Ein vergessener Schuh steht einsam im Regal. Wem er gehört, ist nicht bekannt. Über den Spiegeln haben sich Künstler Aufnahmen von Bühnenszenen gehängt - das schlichte weiß der Tapete dominiert den Raum. Viel Platz, um sich selbst zu sammeln.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.11.2013

Katharina Schultz

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