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Wayne Marshall dirigiert gemäßigte US-Moderne im Großen Concert

Amerikanische Botschaften Wayne Marshall dirigiert gemäßigte US-Moderne im Großen Concert

US-Komponisten des 20. Jahrhunderts stehen in dieser Woche auf dem Programm der Großen Concerte des Gewandhausorchesters: Wayne Marshall dirigiert Coplands „Salón México)“, Wynton Marsalis’ Concerto in D und Bernsteins Zweite: „The Age of Anxiety“.

Der Dirigent Wayne Marshall.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Natürlich ist es Zufall, dass im ersten Großen Concert des Gewandhausorchesters nach den Erschütterungen der US-Wahl ein reines USA-Programm ansteht. Aber es passt alles einfach zu gut: Seit Mittwoch steht fest, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wird, gestern und heute dirigiert Wayne Marshall die zweite Sinfonie des überzeugten Linken Leonard Bernstein (1918–1990), die überdies den sprechenden Namen „The Age of Anxiety“ trägt – „Das Zeitalter der Angst“.

Um Moral geht es in dem Langgedicht Wystan H. Audens, nach dem Bernstein seine Sinfonie – eigentlich ein Klavierkonzert – modellierte. Darum, wie man sich und seine Persönlichkeit, Werte, die Integrität behauptet gegenüber einer Welt aus den Fugen, die auf Mitläufertum setzt. Eine große Botschaft für eine gute halbe Stunde Musik. Und wenn überhaupt etwas von ihr ankommen soll, funktioniert dies nur, wenn die Interpreten ganz auf die Musik setzen. Denn wenig nur geht sicherer am Hörer vorbei als der erhobene Zeigefinger.

Genau in diesem Sinne treten Wayne Marshall am Pult des Gewandhausorchesters und der fabelhafte Benyamin Nuss am Steinway an dieses Schlüsselwerk neuerer US-Musik heran. Verhalten, ängstlich fast lässt Marshall die Klarinetten des Beginns aus der Stille treten. Tastend erkundet Nuss im Prolog das Skalenmaterial, aus dem Bernstein den ziemlich anspruchsvollen Klavierpart schichtet. Weit spannen sich Bögen, die ein konzertantes Gewölbe tragen, in dem romantische Reflexe gleichberechtigt neben avancierter Neutönerei stehen Jazzoides neben Choral-Strukturen, Folkloristisches neben höchster Komplexität. Dieses Material von allen Enden der Musikgeschichte zwingen Marshall, Nuss und das satt und rund klingende Gewandhausorchester in sinnlicher Selbstverständlichkeit zusammen zu einem unentrinnbar emotionalen Ganzen, das durchaus auf Augenhöhe mit der Musik Gustav Mahlers anzusiedeln ist.

In diese Richtung zielte wohl auch Wynton Marsalis (Jahrgang 1961) bei seinem im letzten Jahr in London uraufgeführten Concerto in D für Violine und Orchester. Mehr noch als der große Bernstein steht Marsalis, der Lordsiegelwahrer des akademischen und eklektischen Jazz, für angewandtes Grenzgängertum. Und sein kompositorisches Schaffen ist mittlerweile im Begriff, seinen ebenfalls sehr fruchtbaren Bemühungen ums Improvisierte den Rang abzulaufen.

Tatsächlich kennt der Einfallsreichtum dieses genialen Rundum-Musikers keine Grenzen. Was ebenfalls für seine Geschicklichkeit und Findigkeit im Umgang mit dem richtig großen Orchesterapparat gilt. Allerdings steht ihm im Falle des Violinkonzerts diese Überfülle der Ideen, Gedanken und Einfälle auch ein wenig im Weg. So beeindruckend, so mitreißend, so bewegend, so brillant, so witzig auch jeder einzelne Takt dieses gewaltigen Viersätzers im Einzelnen sein mag – übers Ganze macht sich bei diesem postmodern polystilistischen Tableau doch ein gewisser Hang zur philharmonischen Geschwätzigkeit breit, den das Gewandhausorchester mit sicht- und hörbarer Freude und Bräsigkeit bedient.

All das konterkariert indes die Solistin und Widmungsträgerin Nicola Benedetti, die mit Marsalis gemeinsam den so virtuosen wie dankbaren Solo-Part entwickelte, mit angenehmer Zurückhaltung an der Grenze zur Kühle. Selbst die riesige Kadenz, die zwischen zweitem und drittem Satz in einen schmerzhaft schreienden Blues mündet, musiziert sie eher nach innen. Dass sie dabei nicht unter die Räder des Riesenorchesters gerät, ist Marshall zu danken, der die silbrigen Gespinste von Benedettis Stradivari sicher und unbeschadet durchs Tutti-Getümmel trägt.

Am Anfang dieses schillernden Konzertes steht Aaron Copland (1900–1990), den Bernstein „meinen ersten Freund in New York, meinen Meister, mein Vorbild, meinen Weisen, meinen Therapeuten, meinen Führer, meinen Berater, meinen älteren Bruder, meinen geliebten Freund“, nannte. Sein „Sálon México“ ist ein bemerkenswert herb klingender Kneipen-Reflex, der sich, wunderbar markant und klar gespielt vom Gewandhausorchester, ebenso wirkungsvoll gegen alle Klischees von der weichgespülten US-Musik stemmt. Und das ist die schlechteste Botschaft nicht aus diesem ausführlich akklamierten ersten Großen Concert nach der Wahl des Donald Trump.

Von Peter Korfmacher

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