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Webern, Wagner und Strawinsky mit dem designierten Gewandhauskapellmeister

Andris Nelsons im Großen Concert Webern, Wagner und Strawinsky mit dem designierten Gewandhauskapellmeister

Nach dem Entdeckerkonzert hat der designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons, 37, sich mit Anton von Weberns fragilem Opus 6, Richard Wagners melancholischen Wesendonck-Liedern und Igor Strawinskys archaischem „Sacre“ auch in den Großen Concerten des Gewandhausorchesters den Leipzigern vorgestellt.

Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester,

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Natürlich ist es kein Zufall, dass der amtierende und der kommende Gewandhauskapellmeister sich nach ihrer jeweiligen Vertragsunterzeichnung mit dem selben Werk als Designierte am Pult ihres Orchesters zurückmeldeten: Wie Riccardo Chailly im September 2002 entschied sich auch Andris Nelsons für die Großen Concerte dieser Woche für eine Ikone vom Beginn der Moderne: Igor Strawinskys (1882–1971) heute vor 103 Jahren unter Skandal-Getöse in Paris uraufgeführt. In diesem Werk kann und muss ein Dirigent alles zeigen, seine Inspirationskraft in Sachen Rhythmus und Klang, Sinnlichkeit und Struktur.

Über die verfügen beide. Dennoch ist es interessant,wie unterschiedlich große Dirigenten sich an die Ersteigung eine solche Steilwand machen: Chailly als Planer, der im Basislager jeden Karabinerhaken penibelst auf seine Funktionstüchtigkeit untersucht, Nelsons als kreativer Kletterer, der noch in der Wand entscheidet, wohin es als nächstes geht.

Sein Ergebnis ist in den Großen Concerten dieser Woche auf weiten Strecken ungeheuer eindrucksvoll – und es ist immer wieder ein bisschen anders. Im Entdeckerkonzert am Mittwoch beispielsweise hat er das Orchester kommen lassen, trotz einiger Klappereien dafür gesorgt, dass jeder sicher am Abgrund vorbeikommt und mit bemerkenswert ökonomischem Schlag der gemeinsamen Unternehmung eine Form gegeben und ein Ziel. Nun, im Konzert und nach einer weiteren Probe, sind die Klappereien nicht verschwunden, sondern werden von anderen Akteuren verursacht. Und Nelsons ermutigt seine Musiker mit auffallend größeren Bewegungen zu noch mehr Eigeninitiative. Was für unentrinnbar intensive Momente gut ist.

Im „Sacre“ hat so ziemlich jeder mal ein Solo. Viele davon sind, beginnend mit der eröffnenden Fagott-Zumutung, berüchtigte Angst-Stellen. Im Gewandhaus kann davon keine Rede sein. Vom Fagott bis zum Englischhorn, von der Flöte bis zum Waldhorn, von der Trompete bis zur Pauke, der Klarinette über die Oboe zur Posaune: Hier musizieren sich Weltklasse-Musiker die Seele aus dem Leib. Sie tun es mit großer Klanggeste und sicherem Gespür für die melodische Kraft der Zellen, aus denen Strawinsky seine „Szenen aus dem heidnischen Russland“ türmte. Sie tun es in den bedrohlich pulsenden leisen Passagen mit verstörender Intensität und in den Eruptionen mit unbändiger Kraft. Aber sie tun es auf weiten Strecken eher als Solisten.

Das nimmt dem Werk die Mitte: Zwischen den Gewaltausbrüchen und den pulsierenden Flächen trügerischer Ruhe fehlen die Übergangszustände – was der sinfonischen Architektur des Frühlings-Opfers zwar ein wenig die Logik raubt, als imaginäres Ballett aber grandios funktioniert. Und so bricht nach dem knochentrockenen letzten Hieb der Streicher und des Blechs im selbstredend ausverkauften Saal ein Jubel los, der hinter dem Opfertanz der armen Jungfrau kaum zurückbleibt, deren Leben Strawinsky da dem Lenz zum Geschenk machte.

Chailly kombinierte seinen eher sinfonisch als illustrativ gebauten „Sacre“ seinerzeit mit einem Showstück: Ottorino Respighis „Pini di Roma“. Nelsons dagegen tritt mit einem dramaturgisch virtuos gebauten Programm an und stellt dem finalen „Frühlingsopfer“ am Beginn der Großen Concerte das zweite Fanal der großorchestralen Moderne gegenüber: Anton Weberns (1883–1945) bereits 1909 komponierte 6 Stücke für Orchester Opus 6. Hinter beiden sammelten sich Neutöner nachfolgender Generationen, um in eine jeweils andere Zukunft aufzubrechen.

Tatsächlich formulieren diese Orchesterstücke einen radikalen Gegenentwurf zu Strawinskys brutaler Motorik. Zwar ist das Orchester ähnlich fett besetzt. Aber über weite Strecken ist der Satz filigran, zerbrechlich, sparsam bis zur Selbstauslöschung. Meist reichen Solisten sich knappe Impuls an, finden Gruppen zueinander, haben sie ähnliche Funktionen. Umso tiefer treffen die wenigen Ballungen ins Mark. Nur gut zehn Minuten dauert dieses Destillat, das die Musik veränderte. Nirgends in der Musikgeschichte hat es Vorbilder. Zwar gibt es Stellen bei Mahler, auf die Webern zurückzuführen wäre. Aber da sind es eben immer nur Stellen, hier wird eine jede zum autonomen Universum.

Spektakulär ist diese Musik nur insofern, als sie alles Spektakuläre meidet. Das macht sie für die Interpreten noch schwerer – und ausgerechnet hier geht Nelsons unmittelbarer Zugriff aufs Gewandhausorchester restlos auf. Hier stören auch die Ungereimtheiten im Zusammenspiel und bei der Ablösung einzelner Stimmen kaum. Weil es dem kommenden Chef gelingt, die Zellen und Strukturen dieser Klänge so souverän auseinander heraus zu entwickeln, dass sich mit der musikalischen Logik die emotionale wie von selbst ergibt. Diese gewaltigen Miniaturen greifen dem Zuhörer an Kehle und Seele – und werden dabei getragen vom warmen und sinnlichen Klang des Gewandhausorchesters, den Nelsons zärtlich liebkost. Ein Versprechen für eine gemeinsame Zukunft zwischen den höchsten Orchestergipfeln.

Doch zwischen dem mitreißenden Sacre und dem bewegenden Weber klafft im Großen Concert vom Donnerstagabend ein rätselhaftes Loch: Die Wesendonck-Lieder stehen da auf dem Programm, aus der Feder Richard Wagners, in dessen Folge erst sich die Musik bei Strawinsky und Webern (respektive Schönberg) aufspaltete. Programmatisch also eine sehr überzeugende Ansetzung – und herrliche Musik überdies. Allerdings nicht im konkreten Fall. Denn was die Mezzosopranistin Christianne Stotijn da abliefert, ist in jeder Beziehung indiskutabel: ständige Registerbrüche, unruhiges Flattervibrato, eine Intonation jenseits der Schmerzgrenze, kein Bogen nirgends – das ist alles so befremdlich, dass es auch Unruhe ins Orchester bringt, das über weite Strecken ebenfalls nicht zu geschlossenem Klang und musikalischem Fluss findet. Dem Vernehmen nach ist Stotijn unlängst Mutter geworden. Das hilft, die Defizite ihrer Stimme zu erklären. Nicht aber, warum sie dennoch auftritt.

So fällt ein Schatten auf dieses Vor-Antrittkonzert. Der indes nichts daran ändert, dass die Chemie zwischen Andris Nelsons und dem Orchester stimmt. Und wie er da in sympathischer Bescheidenheit und Demut den Jubel im Saal, der ihm fast unangenehm zu sein scheint, an die Musiker weiterreicht, das lässt ihm auch die letzten Herzen des Publikums zufliegen.

Am 2. und 3. Juni dirigiert Andris Nelsons in den Großen Concerten Bruckners Dritte und Ausschnitte aus Wagner-Opern. Auch diese Konzerte sind – natürlich – ausverkauft.

Von Peter Korfmacher

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