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Wechselbad im neuen Stück der Pfeffermühle

Leipziger Kabarett-Premiere Wechselbad im neuen Stück der Pfeffermühle

Die neue Produktion „D Saster“ des Leipziger Kabaretts Die Pfeffermühle liefert in der ersten Halbzeit starke Pointen, in der zweiten schwinden die satirischen Kräfte. Irgendwie logisch, dass einem bei der Premiere am Donnerstag Parallelen zum fast zeitgleichen, denkwürdigen Fußballspiel von Borussia Dortmund einfallen.

Starkes Trio: Matthias Avemarg, Frank Sieckel und Gislén Engelmann (v. l.).

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Ein Desaster ist es nicht. Aber etwas Tragisches schwingt mit: Die laufenden Angestellten von Borussia Dortmund haben am fortgeschrittenen Donnerstag in Liverpool nach einstündiger Europa-League-Gala mit einem Mal vergessen, wie ihr Beruf konsequent auszuüben ist. Und man muss sie ja nicht herbeiquälen, die Parallelen zwischen zwei Abendfüllungen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben. Im Fall des Pfeffermühlen-Neuzugangs „D Saster“ jedoch drängt sich die Ähnlichkeit zwischen Spielverlauf hier und Spielverlauf da unweigerlich auf...

Die Entsprechung der sehr frühen BVB-Tore im Kessel an der Anfield Road stellen im Keller an der Katharinenstraße die ersten Szenen. Eine Collage aus hilfloser Politiker-Rhetorik, kerniges Titellied über Verdrehung von Gerechtigkeit und Menschenverstand – dann geht’s ins Detail und dahin, wo es weh tut: Gislén Engelmann und Frank Sieckel als Polizisten, die mühsam ihre nicht nur physische Nähe zu Demonstranten aus dem neonazistischen Lager zu vertuschen suchen; Matthias Avemarg in der Rolle des vom rechtsradikalen Mob bedrohten Masut, der – um Schutz flehend – am pragmatisch-formalen Denken von Joachim Gaucks Vorzimmerdame scheitert.

Mit Schwärze und Boshaftigkeit stürmen die Pfeffermüller in den Strafraum des Kabarettfeldes, in dem so häufig der politisch-satirische Anspruch umgesäbelt wird. Jovial lächelnd verramscht eine Moderatorin in ihrer TV-Sendung Flüchtlinge als Sklaven oder Attentäter gegen missliebige Nachbarn, beim Wohltätigkeitsball berauscht sich ein Paar an der Zugehörigkeit zum Promizirkel.

Und nichts offenbart die in scheinbarer Harmlosigkeit versteckte Gefahr von Manipulation einer Menge besser als das Engelmann-Solo: Die Stabsunteroffizierin bekommt auf ein „Hiphip“ ein „Hurra“, auf „Zicke-zacke“ ein „Hoi! Hoi! Hoi!“ – und auf „Sieg!“ von einer Zuschauerin tatsächlich ein argloses „Heil!“. Erschreckend wie erhellend und stellvertretend für die Grundhaltung der Produktion bis hierher: Wenn auch die grobe Provokation ausbleibt, setzt man doch hier und da die Solidarität mit denen aufs Spiel, die Eintritt bezahlt haben. Wozu auch die Watschen gehört, die sich Volk und Gewählte gemeinsam abholen dürfen auf dem Weg von euphorischer Willkommenskultur bis zum Erstarken der AfD.

Auch spielerisch haut das klassische Nummern-Schema hin: Sieckels Bühnenpräsenz allein macht schon eine Menge aus, aber auch die Leichtigkeit und Wandelbarkeit Avemargs. Gislén Engelmann (re)agiert in manchen Situationen noch gebremst, doch Erfahrung und Sicherheit sind unverkennbar bei der Frau, die bis 1994 zum Ensemble am Schauspiel Leipzig gehörte, danach im kurzlebigen Theater Naundörfchen auftrat und nach vielen Jahren auswärtiger Engagements endlich wieder ein Heimspiel gibt. Sicher ein Gewinn für das Haus von Geschäftsführer Dieter Richter.

Die Borussia führt da mit zwei Toren, und die Müller liefern mit starken Texten von elf Schreibern in der Regie Sieckels und Avemargs die vielleicht beste erste Halbzeit aller derzeit laufenden Leipziger Kabarett-Produktionen – auch wenn das Carpendale-Medley eine Kürzung vertragen und generell eine Perücke weniger gut tun würde.

Dann vergessen alle Beteiligten, wie man Fußball respektive Kabarett erfolgreich zu Ende spielt. In Liverpool schleicht sich der Schlendrian ein, in Leipzig der Ulk – als spreche man hier dem Publikum, das positiv angespannt zugehört hat, das Durchhaltevermögen ab.

Die „Virus“-Nummer vom fehlgesteuerten Ehemann ebnet den Schwenk hin zum Schwank, fatal abgerundet vom „Rosamunde“-Schlager, in den die Zuschauerreihen zur fraglos guten Handarbeit von Hartmut Schwarze (Piano) und Steffen Reichelt (Drums) einstimmen. Beim Lobbyisten-Blues flackert der letzte Wille zur Satire auf. Mit Beginn der „Elternführerschein“-Nummer entweicht neben dem Baby-Bäuerchen das verbliebene Lüftchen Kabarett. Kurz vor Abpfiff doubeln die Herren die Starköche Johann Lafer und Horst Lichter, ein fades Hartz-IV-Menü zubereitend. Um im Bild zu bleiben: Wo erst deftige Würze überzeugt hat, dominiert nun der Zucker. Wackelpudding auf Rumpsteak. Schade.

Dortmund fliegt mit 3:4 raus. Die Pfeffermüller verlassen immerhin das Feld mit einem Unentschieden bei Vorteilen aus Hälfte eins sowie lang anhaltendem Applaus. Also – nein, bei weitem kein Desaster. Aber ein bisschen tragisch ist das schon.

Nächste Vorstellungen 20. und 21. April, 20 Uhr, Kartentelefon 0341 9603196.

Von Mark Daniel

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