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Wege zur Wahrheit: Journalisten und Autoren diskutieren in Leipzig über Fake News

Konferenz Wege zur Wahrheit: Journalisten und Autoren diskutieren in Leipzig über Fake News

Mit der Wahrheit ist es eine schwierige Sache, ganz besonders im Krieg. Aber Fake News, Desinformation und Propaganda sind auch in zivilen Gesellschaften ein Problem. Über Fakten und Fiktionen sowie die Rolle von Journalisten veranstaltete das in Leipzig ansässige Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit eine erhellende Konferenz.

Vera Lengsfeld im Gespräch mit Henrik Kaufholz.

Quelle: jkl

Leipzig. Gleich zwei Konferenzen fanden diese Woche im Hôtel de Pologne in der Hainstraße statt. In den 5. Stock luden sowohl das in Leipzig ansässige Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) als auch die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer. Zwar irrte sich wohl niemand in der Tür, thematische Überschneidungen waren jedoch zumindest denkbar. Um Fake News, um die Verteidigung der Wahrheit in einer Ära des Postfaktischen ging es beim ECPMF, mithin um klar erkennbare Falschmeldungen bis zu komplexen Theoriegebäuden wie der Vorstellung, dass eine Lobby den Klimawandel als menschengemachtes Phänomen inszeniert, um die Menschheit in Schach zu halten. Womit wir bei Vera Lengsfeld wären, die als Medienkritikerin geladen war und die erwartete Stimmung in die unter dem Titel „Defending the truth in a post-truth era“ auf Englisch durchgeführte Konferenz mit Fachleuten und Journalisten bringt.

„Jeder, der genug Geld hat, kann Lügen platzieren“

Zuvor wirft erst einmal Lutz Kinkel, Ex-Leiter des Berliner Büros von Stern.de, seit 1. Mai neuer Geschäftsführer des ECPMF, einen kurzen Blick aufs Thema: Lügen seien integraler Bestandteil der menschlichen Natur, machten den Menschen aber auch verletzlich – heute insbesondere im Bereich der Medien zu erleben: „Jeder, der genug Geld hat, kann Lügen platzieren – für politische und wirtschaftliche Zwecke. Big Data öffnet die Türen zu Betrug und Täuschung und zerstört die Glaubwürdigkeit der Medien. Darum sind wir hier“, sagt er.

Auch Martin Hoffmann, Journalist und ECPMF-Mitarbeiter, ist deswegen hier. Er verweist auf die Zahl der gewaltsamen Übergriffe auf Journalisten in Deutschland, auch befeuert von dem „Lügenpresse“-Schlachtruf der Demonstranten von Pegida und Co.: 2015 waren es mindestens 43, im vergangenen Jahr 19 und in diesem erst 2. Eine positive Entwicklung immerhin, was laut Hoffmann allerdings auch daran liegt, das derzeit weniger demonstriert werde. Der Claim „Lügenpresse“ habe ein Echo im neuen der „Fake News“. „Das ist aber definitiv nicht dasselbe.“ Das eine sei ein unberechtigter Vorwurf gegen einen ganzen Berufsstand, während es sich bei dem anderen um gezielte Desinformation handele. Er habe ein Problem mit dem Titel der Konferenz, sagte er. Für ihn gehe es vor allem darum, die Wahrheit zu suchen, weniger darum, sie zu verteidigen. „Damit werden wir Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.“ Die Mission des Journalisten müsse darin bestehen, die Fakten zu suchen und sie in einen Zusammenhang zu stellen.

Ein Credo, das sicher auch Vera Lengsfeld für sich in Anspruch nimmt. Die DDR-Bürgerrechtlerin war bis 2005 Bundestagsabgeordnete, erst für Bündnis 90/Grüne, ab 1996 für die CDU. Seitdem arbeitet sie als freischaffende Autorin, wirft kritische, bisweilen auch schrille Blicke auf die Medienlandschaft. Ihre These in einem Satz: „In der DDR war man von den Westmedien abhängig, heute braucht man das Internet, um die Medien-Hoaxe zu erkennen.“

„Talkshows sind offenbar nicht meine Stärke“

Nun ist das mit den Hoaxen (Falschmeldungen, Schwindel) so eine Sache, wie im Gespräch mit dem dänischen Journalisten Henrik Kaufholz vom ECPMF deutlich wird. Kaufholz verweist auf einen Auftritt Lengsfelds im Dezember 2016 bei „Maischberger“, in dem sie über einen durchaus kritikwürdigen „Stern“-Artikel zum Thema Sachsen sagte, dass an ihm „nichts, aber auch wirklich nichts“ stimme. Ärgerlich für Lengsfeld, dass alle von ihr angeführten Fehler in dem Artikel gar nicht vorkommen. „Talkshows sind offenbar nicht meine Stärke“, sagt sie. Im Eiltempo geht es durch die Themen Flüchtlinge, Kriminalitätsstatistik, Klimawandel. Letzteren gebe es, seit es die Erde gibt, der Mensch könne das Klima nur lokal beeinflussen, so Lengsfeld. Die These von der vor allem durch den Menschen verursachten Erwärmung sei in der Wissenschaft sehr umstritten. „Das sind alternative Fakten“, ruft einer der Konferenzteilnehmer. Tatsächlich ist die große Mehrheit der Wissenschaftler davon überzeugt, dass Treibhausgase erheblichen Anteil an der Klimaerwärmung haben. Lengsfeld bleibt bei ihrer Meinung: „Die These vom Klimawandel ist eine Methode, die Bevölkerung im Griff zu halten.“

Es folgen mehrere, leider viel zu kurze Vorträge. Sie zeigen, wie wichtig fundierte Medienkritik ist – und wie sehr es dabei auf Recherche ankommt: Vaidas Saldžiunas vom litauischen Nachrichtenportal Delfi berichtet von den Bemühungen in seiner Heimat, die Machenschaften vorwiegend russischer Trolle einzudämmen. Was nach einer „Herr der Ringe“-Konstellation klingt, funktioniere ziemlich gut, sagt er. „Elfen“ nennen sich private Aktivisten, die das Treiben der Trolle sabotieren.

Die in Berlin lebende Journalistin Karolin Schwarz stellt ihr Projekt Hoaxmap.org vor, ein Internetportal, das seit Februar 2016 hunderte Gerüchte und deren Widerlegungen im Zusammenhang mit Geflüchteten in Deutschland, der Schweiz und Österreich dokumentiert. Eine Mammutaufgabe, die zwei Leute in ihrer Freizeit machen. „Wir haben keine Hobbys“, sagt Schwarz.

Die Wahrheit am Boden und der Wahrheit der Militärs

Das dürfte auch für die Niederländerin Eline Westra gelten, die für die britische Non-Profit-Organisation Airwars.org arbeitet. Akribisch recherchiert sie die Zahl der Todesopfer durch Luftschläge der US-geführten Koalition in Syrien und dem Irak sowie der russischen Streitkräfte in Syrien. Eine wichtige Arbeit, weil das Thema Gewalt und Tod in Syrien hierzulande eher einseitig mit Russland verknüpft wird. Airwars.org listete für die Koalition, Stand Donnerstag, insgesamt 22448 Luftschläge mit mindestens 3962 Todesopfern. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Wahrheit am Boden und der Wahrheit der Militärs. Wir nehmen die Perspektive der Zivilisten ein“, so Westra.

Leon Menkshi, Journalist in Residence beim ECPMF, berichtet von beängstigenden Zuständen in seiner Heimat, dem EU-Beitrittskandidaten Albanien. Acht Jahre arbeitete er als TV-Nachrichtenredakteur, dann ging er. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Die Regierung kontrolliere die Medien. Es werde fast nur berichtet, was der Ministerpräsident und seine Minister machen. Journalismus in Albanien? „Nicht existent.“

Die Geschichte des Ibrahim Qaschusch

Der unter anderem für den „Guardian“ schreibende britische Journalist James Harkin macht auf ein fatales journalistisches Vakuum in Syrien aufmerksam, das durch so genannte Medienaktivisten ausgefüllt werde. „Da gehen Millionen Dollars rein, Journalismus unterstützt dort niemand. Die Gefahr ist: Wir finanzieren Leute, die uns die Wahrheit erzählen, die wir hören wollen.“ Er selbst hat eine fast unglaubliche Geschichte recherchiert, die des Sängers und Poeten Ibrahim Qaschusch, der als „Nachtigall der Revolution“ in Syrien, als Symbolfigur des Aufstands gegen Machthaber Assad gefeiert wurde. Im Juli 2011 wurde er bestialisch ermordet, von Schergen Assads, wie nahelegt wurde. Schriftstellerverbände protestierten. Eine Symphonie wurde ihm zu Ehren komponiert. Der Fall taucht im Bericht des US-Außenministeriums auf. Kleines Problem an der Story: Sie stimmt nicht, wie Harkin recherchierte. Der Mann, der die Qaschusch zugeschriebenen Lieder sang, lebt. Es ist der heute im Exil lebende syrische Oppositions-Aktivist Abdel Rahman Farhood.

Von Jürgen Kleindienst

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