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Weihnachten im Sommer: Trevor Pinnock dirigiert im Rahmen des Bachfestes am Sonntag das Weihnachtsoratorium

Weihnachten im Sommer: Trevor Pinnock dirigiert im Rahmen des Bachfestes am Sonntag das Weihnachtsoratorium

Trevor Pinnock: Nein, ich musste zunächst ein wenig darüber nachdenken. Denn auf den ersten Blick kam mir die Idee doch absurd vor, im Sommer das Weihnachtsoratorium zu dirigieren.

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Dirigiert im Gewandhaus Bachs Weihnachtsoratorium: Trevor Pinnock.

Quelle: Peer Lindgreen

darüber nachdenken. Denn auf den ersten Blick kam mir die Idee doch absurd vor, im Sommer das Weihnachtsoratorium zu dirigieren.

Und dann?

Waren meine Gedanken zunächst pragmatisch: Als das Bachfest mich das letzte Mal einladen wollte, ging es um die jahreszeitlich unverdächtige h-moll-Messe. Aber die Termine passten nicht. Und mein Wunsch, bei diesem Festival mitzuwirken, war so groß, dass ich mich sehr bemüht habe, mich mit dem Gedanken anzufreunden.

Mit eindeutigem Ergebnis ...

Ja. Denn je mehr man sich mit dieser Idee auseinandersetzt, desto kleiner werden die Zweifel.

Warum?

Nehmen Sie den Beginn, gleich die ersten Töne. Es gibt wenig Musik, die so eng verbunden ist mit einem Anlass. Aber sobald man sich darüber im Klaren ist, dass Bach diese Musik nicht für Weihnachten schrieb, sondern zunächst für eine weltliche Kantate, wird doch klar, dass es sich eher um eine Problem der Hörgewohnheit handelt. Und das immer wieder zu hörende Argument, Bach habe schon bei der Komposition für die weltliche Kantate geistliche Gedanken gehegt, halte ich für lächerlich.

Aber stellt diese Ansicht nicht die Ernsthaftigkeit des Weihnachtsoratoriums grundsätzlich in Frage?

Ich glaube, dass man Bach nicht gerecht wird, wenn man sich mit äußeren Anlässen aufhält. Es ist eher eine Frage seiner Persönlichkeit, die nicht zu trennen ist von seinem Ernst, seinem Humanismus, auch seinem Glauben. Insofern schmälert es Tiefe und Aussage des Weihnachtsoratoriums nicht, dass die Musik zunächst für andere Anlässe komponiert war. Und als Bach die sechs Kantaten, die er für die Weihnachtsfeiertage komponiert hatte, zum "Weihnachtsoratorium" zusammenführte, werden alle Bedenken eigentlich überflüssig.

Warum?

Weil so Bach selbst das Werk vom liturgischen Gebrauch emanzipiert hat. Wenn man es mit dem Kirchenjahr ernst nimmt, kann man das Weihnachtsoratorium niemals am Stück aufführen, weil jede einzelne Kantate nur an jeweils einem Sonntag aufführbar wäre. Aber wir reden hier über eine großartige Musik, die uns eine großartige Geschichte nahebringt. Beides ist nicht nur losgelöst vom Kirchenjahr universal, sondern auch losgelöst vom Glauben.

Also verstehen Sie das Weihnachtsoratorium nicht als ein spezifisch christliches Werk?

Doch, natürlich ist es das. Aber die Welt ist komplizierter geworden. Früher lebte man seinen Glauben, dann reichte das Leben über den Tod heraus, war die Auferstehung gewiss.

Und heute?

Leben die Menschen in einem Supermarkt der Weltanschauungen und Glaubensbekenntnisse. Jeder sucht sich seine Spiritualität zusammen, wie es ihm passt. Aber auch in diesem Umfeld erweist sich immer wieder die Kraft des Weihnachtsoratoriums: Geschichte und Musik erreichen jeden, der Herz und Ohren zu öffnen vermag. Diese Musik vereint Menschen auch da, wo Worte allein sie trennen.

Wie waren denn die ersten Reaktionen der Gewandhaus-Musiker?

Einige waren schon irritiert. Aber wir haben nicht viel darüber diskutieren müssen. Musiker ticken anders. Denn geht es nicht um theologische Feinheiten. Sie lieben Musik, freuen sich, herrliche Musik spielen zu dürfen und wollen sie möglichst gut spielen. Und mit zwei Argumenten habe ich auch die letzten Zweifler überzeugt.

Mit welchen?

Erstens mit den weltlichen Wurzeln der Partitur und zweitens damit, dass es beim Bachfest von Anfang an die Tradition gibt, die Passionen aufzuführen. Die sind mindestens ebenso eng ans Kirchenjahr gebunden wie das Weihnachtsoratorium. Aber sie im Sommer aufzuführen, fand bisher noch niemand bedenklich oder skandalös. Letztlich ist es eine Frage der Gewöhnung.

Die bedenken gehen noch in eine andere Richtung: Gehört das Weihnachtsoratorium nicht eher in die Kirche ?

Wenn wir es gut machen wird das Gewandhaus unsere Kirche.

Sie sind einer der Vorkämpfer der Originalklangbewegung, nun machen Sie Bach mit einem modernen Orchester ...

... das aufführungspraktisch reiche Erfahrungen sammelte in den letzten Jahren. Und: Meine Bach-Sozialisation begann mit Dirigenten wie Karl Richter. Vieles würde man heute so nicht mehr machen. Aber darum war sein Musizieren ja nicht weniger kraftvoll. Es ändert sich vieles im Laufe der Jahre, aber Bachs Musik behält ihre Kraft. Jenseits aller Moden. Musiker aller Zeiten spielten sie so ernsthaft, wie sie konnten. Dem sollte man mit Demut begegnen, nicht mit besserwisserischem Hochmut.

Sonntag, 17 Uhr, Gewandhaus: Trevor Kinnock dirigiert die sechs Kantaten von Johann Sebastian Bachs Weihnachtoratorium. Es spielt das Gewandhausorchester; es singt der Telebrief Choir; Solisten: Malin Christensson, Sopran; Marie-Claude Chappuis, Alt; Daniel Johannsen, Tenor; Johannes Weisser, Bariton; Karten unter Tel. 0341 1270280 oder an der Tageskasse.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.06.2013

Peter Korfmacher

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