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Weihnachtsoratorium der Thomaner

Thomaskirche Weihnachtsoratorium der Thomaner

Für viele ist es der musikalische Höhepunkt der Adventszeit: Das Weihnachtsoratorium der Thomaner und des Gewandhausorchesters in der Leipziger Thomaskirche. Am Freitagabend dirigierte Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz die erste der drei Aufführungen dieses Jahres.

Thomaner und Gewandhausorchester in der Thomaskirche

Quelle: Kempner

Leipzig. Es ist eine einzigartige spirituelle Reise, die der Thomanerchor in dieser Vorweihnachtszeit absolviert: Vor weniger als einer Woche waren die Jungs aus Leipzig noch in Israel unterwegs, im Heiligen Land, haben die Kantaten eins bis drei und sechs von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium an den Ort der Handlung gebracht. Seit gestern nun singen sie es am Ort seiner Entstehung: in der Thomaskirche.

Ein straffes Programm – aber offenhörlich eher inspirierend als anstrengend. Denn bereits die ersten Töne des Eingangschors, die Pracht des „Jauchzet frohlocket“, lässt einen Ruck durch die voll besetzte Kirche gehen. Kraftvoll klingt dieser Knabenchor, berstend vor Energie – dabei fein und elegant ausfedernd, vorbildlich ausartikuliert und dynamisch durchgestaltet. Überdies scheint es Gotthold Schwarz, der seit dem Rücktritt Georg Christoph Billers im Februar und bis zum Antritt eines Nachfolgers interimistisch das Thomaskantorat innehat, gelungen zu sein, den Ensemblegeist dieses grandiosen Knabenchors noch zu stärken.

Da hört jeder auf den Nachbarn, jede Stimme auf die andere, alle gemeinsam aufs ebenso filigran wie virtuos, so beseelt wie historisch informiert musizierende Gewandhausorchester um Konzertmeister Frank-Michael Erben. Und so werden die Prunkchöre „Jauchzet, frohlocket“, Ehre sei Gott“ und „ Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“, die Schwarz rasant angeht bis halsbrecherisch, zu eindrucksvollen Monumenten eines gleichermaßen klaren, kompakten und präzisen wie lebendigen Chorklangs, der sich nicht selbst genügt, sondern in den Dienst der Botschaft tritt, die er verkündet. Und die ersten Choräle, „Wie soll ich dich empfangen“ und „Ach, mein herzliebes Jesulein“, sie sind so innig und wahrhaftig in ihrer ungekünstelten Schönheit, dass sie geeignet scheinen, Fenster in eine andere, eine bessere Welt zu öffnen. Wäre alles so natürlich, so selbstverständlich in seiner musikalischen Überzeugungskraft, dieses Weihnachtsoratorium käme der Vollkommenheit schon ziemlich nah.

Ist es aber nicht. Denn zunehmend mischt Schwarz merkwürdige Manierismen in seine Interpretation. Da wird an den Zeilenenden mancher Choräle der unbedingte Wille zur Originalität überdeutlich, wirken die waghalsigen Bremsmanöver und Generalpausen vor den Schlussakkorden zunehmend aufgesetzt, klemmen schließlich ausgerechnet die Evangelisten-Rezitative wie Fremdkörper im Getriebe.

Das liegt zum einen daran, dass Schwarz, der in den Chören und den meisten Arien so unbeirrt nach vorn drängt, hier jedes Tempo rausnimmt. Das macht für Johannes Chum, der der Partie und den beiden Arien diesmal ohnehin recht angestrengt und fest begegnet, bei den Spitzentönen auch unschön verhärtet, die Sache nicht leichter. Und der wenig überzeugende Umgang mit dem Continuo, das Schwarz in den Rezitativen neben Orgel (Thomasorganist Ullrich Böhme) und Cembalo (Thomaner-Geschäftsführer Stefan Altner) zusätzlich mit einer Laute (Stefan Maass) besetzt, die meist die Pausen nutzt, um dem Cembalo Widerworte zu geben, trägt auch nicht eben zur Klärung der Verhältnisse bei.

Überhaupt lassen die Solisten in diesem Jahr wieder nur bedingt Freude aufkommen. Nur Anke Vondungs warmer, weicher, dabei leichter und beweglicher Alt ist auf dem Niveau unterwegs, das hier eigentlich zu erwarten stünde. Ihr „Bereite dich, Zion“, auch „Schlafe, mein Liebster“ schließen zu den Thomanern auf. Bassist Thomas E. Bauer gestaltet mit den sensationellen Gábor Richter gemeinsam eine fabelhafte Trompeten-Arie („Großer Gott, o starker König“), lässt aber bisweilen seiner Vorliebe für gestalterische Ziererei und Übertreibung freien Lauf. Sopranistin Akiko Ito schließlich kommt auf weiten Stecken ohne Text aus und klingt oben herum fest bis schrill.

Dass man den Arien dennoch meist gern zuhört, liegt vor allem an den Solisten des Gewandhausorchesters, das vom ersten bis zum letzten Ton einen feinen, sensiblen, transparenten, berückend schönen Bach musiziert. Und gemeinsam mit den Thomanern dem Publikum nach dem herrlichen Choral „Nun seid ihr wohl gerochen“ und deutlich unter zwei Stunden hinreichend Veranlassung zu ausführlichem Jubel gibt.

Heute und morgen stehen jeweils um 17 Uhr die anderen beiden Aufführungen in der Thomaskirche an. Beide sind ausverkauft.

Von Peter Korfmacher

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