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Weltbild im Rahmen des Möglichen

Weltbild im Rahmen des Möglichen

Kinder spielen im Jardin du Luxembourg. Ein Tag wie heute, gestern oder morgen. Gewiss ist lediglich, dass Stalin nicht mehr lebt. Doch auch das nur, bis er mit Schnauzbart und Gewehr im Park auftaucht und auf Maria de' Medici schießt, weil hinter der Statue ein jämmerlicher Mann mit Spitzbart an den Sockel uriniert.

Frühsommer in Paris. Es ist Kalinin, den sein Harndrang ruiniert. Gleich werden sie von hier verschwinden, begleitet vom Gelächter der Geschichte. Zurück bleiben die Freunde Alain, Ramon, Charles und Caliban sowie das Gefühl, in einem Raum ohne Wände zu stehen.

Gut 14 Jahre nach "Die Unwissenheit", ist jetzt Milan Kunderas "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" erschienen. Der vierte Roman, den der 1929 im tschechoslowakischen Brno geborene, seit 1979 in Frankreich lebende Schriftsteller in französischer Sprache geschrieben hat. Und was tut der fast 86-Jährige? Er macht sich lustig. Auf ungemein subtile Art. Gewährsmann seiner Komik ist Hegel, für den zum Komischen "überhaupt die unendliche Wohlgemutheit und Zuversicht" gehört, "durchaus erhaben über seinen eigenen Widerspruch" zu sein. Ein Widerspruch, der sich gleichermaßen aus persönlicher Vergangenheit ergeben kann, wie er in den Zumutungen des Gegenwärtigen liegt.

"Bedeutungslosigkeit", so lässt Kundera Wortführer Ramon sagen, "ist die Essens der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Greueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück. Das erfordert oft Mut, sie unter so dramatischen Umständen zu erkennen und bei ihrem Namen zu nennen." Dabei geht es nicht nur ums Erkennen, "man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben."

Kundera nähert sich mit Ironie. Jenes Mittel, das heutzutage dazu dient, sich zu entziehen, Distanz zu lachen zwischen sich und die Welt, nutzt er, um seine Figuren zu berühren. So passt der Romancier seinen Stimmen Kostüme an, die sie erkennbar machen.

Da ist Alain, als Zehnjähriger verlassen von der Mutter. Erinnern kann er sich an ihren Blick auf seinen Bauchnabel. Nun ist er es, der die Nabel der bauchfrei gekleideten Mädchen betrachtet und - ernsthaft - darüber nachdenkt, wie sie zum Mittelpunkt weiblicher Verlockung werden konnten, zur vierten "goldene Stelle" auf dem "erotischen Körper der Frau". In den Kämpfen der zivilisierten Gesellschaft ist so ein Alain nicht der Rempler, sondern der Angerempelte, ewiger "Entschuldiger". "Es gewinnt der, dem es gelingt, den anderen schuldig zu machen. Es verliert der, der seinen Fehler zugibt." Also Alain.

Kundera eröffnet den siebenteiligen Roman mit Alains Meditation über den Nabel (auch über Schenkel, Busen, Po) und gibt den Rhythmus vor, die Themen, die sich später wiederholen, die Melodie für einen Tagtraumtanz durch eine fast alltägliche Farce.

Ganz in der Nähe des Jardin du Luxembourg stellt Ramon sich mal wieder nicht in die Schlange vor dem Museum, obwohl er die Chagall-Gemälde doch unbedingt sehen will. Stattdessen genießt er Weite und Freiheit des Parks, wo er D'Ardelo begegnet, einem ehemaligen Kollegen. Der kommt gerade vom Arzt und kann der Versuchung nicht widerstehen, Ramon die Tragödie einer schlimmen Krankheit vorzulügen, bevor er ihn zur Cocktailparty lädt.

Ramon nimmt die Einladung an, auch, um seinen Freunden Charles und Caliban einen Job zu verschaffen. Charles, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, Feste für Privatleute zu organisieren, liest gerade "Chruschtschow erinnert sich". Kundera, der Ich-Beobachter, hat es ihm zugesteckt. So gelangt Stalin und dessen Geschichte von den 24 Rebhühnern in den Roman, Kalinin mit seiner Blasenschwäche, auch Molotow und Breschnew. Und Beria, der einen Engel fallen sieht ... Charles will die Schatten der Vergangenheit ins Licht eines Stückes rücken - für Marionetten.

Doch zunächst spielt er mit Caliban auf D'Ardelos Party den Servierer. Ein Jonglieren mit Identitäten ist auch dies, vor allem für Caliban, arbeitsloser "Schauspieler auf der Suche nach seiner verlorenen Mission". Doch nicht das Fest hält die knappen Szenen zusammenhält; Ramon, eine Feder und die Gespräche der Freunde sind es, die alles verbinden in einem Kammerspiel. Zum Welt­bild im Rahmen des Möglichen in einem Frühsommer im Jardin du Luxembourg. Alles kann noch werden. Und doch ist alles da, sogar längst dagewesen.

Doch ist es von Bedeutung? Welcher Lüge soll man glauben? "Wir haben seit langem begriffen, dass es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten", sagt Ramon. "Es gab nur noch einen einzigen möglichen Widerstand: sie nicht ernst zu nehmen. Aber ich stelle fest, dass unsere Witze ihre Macht verloren haben."

Milan Kunderas Heiterkeit ist schlau. Er macht das Lachen zum Echo des Geplappers. Sein Übertreiben bis zur Kenntlichkeit ist ein großes Vergnügen, wenn das Groteske der Tragödie Beine macht. Oder eben Flügel. Aus denen Federn fallen.

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit. Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Hanser Verlag;140 Seiten, 16,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.03.2015
Janina Fleischer

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