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Weltkulturerbe: Naumburg und Hamburg jubeln

Unesco Weltkulturerbe: Naumburg und Hamburg jubeln

Lob für Hamburg, sogar sehr viel Lob gab es vom Welterbekomitee für die Speicherstadt. Naumburg dagegen zitterte in dem Unesco-Krimi, behielt aber die Nerven und bekommt eine zweite Chance. Die Figur der Uta im Naumborger Dom hat die Herzen der Delegierten erobert.

Der Naumburger Dom

Quelle: dpa

Bonn. Es ist die Stunde der Hamburger: Die Debatte der Unesco-Kommission über das nominierte Welterbe Speicherstadt und Kontorhausviertel mit dem berühmten Chilehaus wurde zur Jubel-Arie. Schon in ihren kurzen Statements verteilten die Mitgliedstaaten reihenweise Glückwünsche an Deutschland: „wunderbare Nominierung“ (Finnland), „Stätte von herausragender Bedeutung und außerordentlichem Wert“ (Japan), „Bereicherung des Welterbes“ (Philippinen). Der Beschluss musste gar nicht mehr groß verkündet werden: Hamburg hatte es geschafft.

Der Norden jubelte, als der Osten noch zitterte. Viele Delegierte sprangen spontan auf und gratulierten der Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler. „Wir fühlen uns so gerührt, so erfreut“, sagte sie hinterher im Plenum, nachdem sie ermahnt wurde, endlich das Schlusswort zu sprechen. Für Unesco-Verhältnisse war das schon eine sehr emotionale Äußerung. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier freute sich mit den Hamburgern und gratulierte seinem SPD-Parteifreund, Oberbürgermeister Olaf Scholz, per Twitter.  

Die Begeisterung schlug so hohe Wellen, dass die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Verena Metze-Mangold, die Speicherstadt sogar in eine Reihe mit den Pyramiden und dem Tadsch Mahal stellte. In der allgemeinen Freude ging unter, dass mit der Aufnahme der Speicherstadt auch Warnungen verbunden waren, den historischen Komplex pfleglich zu behandeln. Und Hamburg solle nicht auf die Idee kommen, in der eng gefassten umliegenden Schutzzone massiv baulich einzugreifen.

Naumburg und das Mittelalter

Viele Burgen, über 1000 Jahre alter Weinanbau und eine teils ursprüngliche Landschaft mit Wiesen und Feldern prägen das Bild um die Kleinstädte Naumburg, Bad Kösen und Freyburg (Burgenlandkreis). Die Flüsse Saale und Unstrut schlängeln sich durch romantische Täler und fließen am Blütengrund zusammen. Jahrhunderte alte Bauwerke wie der Naumburger Dom, die Marienkirche in Freyburg oder die Klosteranlage Pforta in Schulpforte sind Zeugnisse des europäischen Hochmittelalters.  Unweit von Naumburg wurde 1999 die rund 3600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra entdeckt. Die Bronzescheibe gilt als die weltweit älteste bekannte konkrete Darstellung des Himmels. 2013 wurde die Himmelsscheibe in das Register „Memory of the World“ der Unesco aufgenommen. Das Original ist in der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen.

Für Naumburg ging der Krimi weiter: Die Chancen für den Dom und die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut in Sachsen-Anhalt standen schlecht, sehr schlecht. Das Gutachten vom Internationalen Denkmalrat ICOMOS hatte man in der Region schon fast als Verriss gewertet: Nicht einzigartig genug, zu wenig Bausubstanz erhalten, keine großartige Unterscheidung zu anderen mittelalterlich geprägten Landschaften. Der Denkmalrat empfahl die Ablehnung - unwiderruflich. Österreich und Rumänien hatten nach einer vergleichbaren Abfuhr schon vor der Sitzung ihre Bewerbung zurückgezogen.

Aber die Region in Deutschlands Osten glaubte an sich, blieb bei dem Antrag und ging das Risiko ein, sich noch einmal öffentlich Kritik auf ganzer Linie einzuhandeln. Die Wende kam völlig überraschend mit dem Redebeitrag von Kroatien: „Der Naumburger Dom ist eine Ikone“, sagte der Vertreter. Diese Bewerbung habe Potenzial. Aus Serbien kam das wohl schönste Kompliment für Naumburg: „Es gibt wunderbare Skulpturen im Naumburger Dom, und die Uta ist die Mona Lisa unter den Skulpturen.“ Und auch der Vertreter Indiens schwelgte mit lyrischer Note: „Wir müssen sagen, dass die Region beispielhaft ist für das Mittelalter. Sie geht zurück auf die Uta von Naumburg - auf die wunderschöne Uta.“

Gemeint ist das Abbild der Markgräfin Uta von Ballenstedt, die im 11. Jahrhundert lebte. „Alle lieben Uta“, konstatierte Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD). „Die Türen zum Unesco-Welterbetitel stehen uns nach dem heutigen Tag wieder offen“ „Ich bin überglücklich, dass es gelungen ist, die Katastrophe der Nichteintragung abzuwenden“, erklärte der Stiftsdirektor der Vereinigten Domstifter Naumburg, Volker Kunde. „Das Kämpfen hat sich gelohnt“, kommentierte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) das Votum.

Stifterfigur Uta von Ballenstedt im Naumburger Dom

Anmutig und geheimnisvoll soll sie gewesen sein, ein Mythos umgibt sie bis heute - Uta von Ballenstedt (vermutlich 1000 bis 1046). Die Skulptur gehört wie die ihres Ehemanns Ekkehard II. (um 985-1046), Markgraf von Meißen, zu den Stifterfiguren im Naumburger Dom. Insgesamt zwölf dieser lebensnahen Statuen stehen sich im Westchor der Kathedrale gegenüber. Experten zählen den Dom St. Peter und Paul zu den bedeutendsten sakralen Kulturdenkmalen des europäischen Hochmittelalters. Die Kirche wurde im 13. Jahrhundert erbaut. 2011 schuf der international bekannte Künstler Neo Rauch aus Leipzig für den Dom drei Kirchenfenster. Der Erbauer der Kathedrale ist bis heute unbekannt. Ihm war 2011 die Ausstellung „Der Naumburger Meister - Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen“ gewidmet. Es kamen knapp 195.000 Besucher. Unter den 500 Exponaten waren 300 Leihgaben von renommierten Museen, so aus dem Louvre in Paris.

Quelle: Wikimedia, Lindensgericht

Naumburg darf nachbessern, und zwar umfassend, mit dem Beistand des Internationalen Denkmalrates. Wenn sie es schaffen, können die Naumburger ihren Antrag im Februar einreichen. Eineinhalb Jahre später könnte er dann wieder beraten werden. Nach 26 Jahren Arbeit ist das eine zweite Chance und sehr viel Arbeit. Trotzdem gab es keine Spur von Müdigkeit. Stattdessen verschickte der Vorsitzende der Bewerbungsinitiative, Ulrich Götz, die SMS: „Dieser Beschluss des Komitees bringt uns auf dem Weg zum Welterbe weit nach vorn. Wir werden (...) den Antrag sehr zügig überarbeiten.“

Zwar wurden bei der Bonner Sitzung des Welterbe-Komitees diesmal zahlreiche Stätten in Asien aufgenommen, und mit Singapur und Jamaika schafften es erstmals zwei neue Länder auf die Liste. Dennoch liegen die Europäer in den Top 5 der Staaten mit den meisten Welterbe-Stätten vorn. Deutschland kommt mit 40 Stätten nun auf Platz fünf.

Elke Silberer, Dorothea Hülsmeier, Franziska Höhnl

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