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Wenn Ameisen ins Grübeln geraten: Sandro Porcu in der Galerie Potemka

Wenn Ameisen ins Grübeln geraten: Sandro Porcu in der Galerie Potemka

Ganz ungeniert pinkelt der dunkel gekleidete Mann an die Galeriewand. Richy heißt der Typ, der sich derart daneben benimmt. Er ist aus Silikon, aber Hose und Jacke sind echt.

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Schwankendes Kreuz, liegender Junge, wundersame Subversion: Sandro Porcu in der Leipziger Galerie Potemka.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es sind solche hyperrealistischen Plastiken, mit denen Sandro Porcu bekannt wurde. Die meisten dieser Helden passen nicht so richtig ins kultivierte Kunstambiente. Einer von ihnen sitzt auf der Parkbank, ein unendlicher Strahl ergießt sich aus der erhobenen Bierflasche in seinen Rachen. Ein anderer reckt sich, um das gelegentlich von der Decke tropfende Wasser mit dem Mund aufzufangen.

In der Galerie Potemka sitzt ein Bettler auf dem Boden, vor sich die Blechdose für Almosen. Die anderen Figuren sind nur auf Fotografien anwesend. Doch der Künstler ist ohnehin nicht starr festgelegt auf diese Ausdrucksweise. Eine seiner hier gezeigten Skulpturen ist nur wenige Millimeter groß. Die vergoldete Ameise hat die Pose von Rodins berühmten Denker eingenommen, entzieht sich also der für diese Tiere üblichen Schwarmintelligenz per Individualismus. Deutlich größer ist ein Holzkreuz, obwohl es sich nur um ein Modell handelt. In der fertigen Version soll es sieben Meter hoch werden. Das Kreuz ist in Schwanken geraten, findet aber immer wieder in die labile Senkrechte zurück. Ob es was mit dem gewünschten Idealstandort auf dem Petersplatz wird, erscheint aber fraglich.

Viele Jahre hatte der gebürtige Italiener sein Atelier in der Spinnerei. Doch seit 2011 ist er in Kirschau ansässig, einem früheren Industrieort in der Oberlausitz. Im Vergleich zu Leipzig ist die Galerien- und Künstlerdichte in dieser Region ausgesprochen spärlich. Doch gerade das kann in Porcus Strategie passen, die Mechanismen des Kunstbetriebes subversiv zu unterlaufen. Immerhin hat er dort schon den ersten Kunstpreis der Gemeinde erhalten, der vielleicht extra für ihn geschaffen wurde. Und er hat Sponsoren gefunden. So soll auf einem Berghang die gewaltige Skulptur eines liegenden Jungen entstehen, der ganz entspannt die Hände hinter dem Kopf verschränkt und auf einer Blume rumkaut. Was in der Ausstellung als lebensgroßer Entwurf zart wirkt, bekommt dann eventuell einen Zug ins Monströse. Außerdem entsteht in Kirschau ein Platz für Trikick - Fußball mit drei Mannschaften. Ein erstes Spiel zwischen tschechischen, polnischen und deutschen Teams hat es bereits gegeben.

Auch wenn der Migrant so Leben in die von rapider Abwanderung gezeichnete Gegend bringt, ist er, wie die Ausstellung zeigt, für Leipzig nicht ganz verloren. Nicht alle Mitbringsel sind wirklich nett. Da gibt es einen faschistisch veranlagten Korkenzieher ebenso wie einen von Krücken gehörnten Männerkopf. Doch die eigentliche Message Sandro Porcus ist ganz optimistisch: Kopf hoch! Anders als mit erhobenem Haupt kann man die Neonschrift "Head Up" unter der Galeriedecke ohnehin nicht lesen.

iSandro Porcu - Head Up; Galerie Potemka, Aurelienstraße 41; bis 15. Februar, Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.01.2014

Jens Kassner

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