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Wenn Literatur auf Digitalisierung trifft

Literarischer Herbst Wenn Literatur auf Digitalisierung trifft

Mit einer maßvoll kontroversen, dabei anregenden Debatte über Fluch und Segen der Digitalisierung hat am Dienstagabend der 20. Leipziger Literarische Herbst begonnen. Noch bis 1. November wird auf fast 40 Veranstaltungen gelesen und diskutiert. Der Auftakt im Alten Rathaus zeigte, wie kultiviert ein Gespräch sein kann.

Zur Eröffnung des Leipziger Literarischen Herbst im Alten Rathaus: Jan Philipp Albrecht, Eva Leipprand, Olaf Zimmermann und André Wilkens (v.l.).

Quelle: Dirk Knofe,

Leipzig. Auf ihr Stammpublikum können sich die Veranstalter verlassen. Das rückt kurz vor Beginn einfach ein paar Reihen nach vorn in den nicht komplett besetzten Bereich der geladenen Gäste – und schon erwärmt sich die Atmosphäre zum Familiären. Es ist nicht der eine prominente Schriftsteller, nicht die eine bedeutende Preisträgerin, die diesen 20. Leipziger Literarischen Herbst eröffnen. Es ist eine Gesprächsrunde zum Thema Digitalisierung. Vielleicht war das gewagt, auf jeden Fall war es gut am Dienstagabend im Festsaal des Alten Rathauses.

Das Vergnügen am Denken führt zur Forderung nach einem Recht auf Denkräume. Im Analogen, versteht sich. Wird hier ein neues Manifest formuliert? Das bestünde im Moment, so wirkt die Stimmung, wohl vor allem aus Fragen. Gestellt auch von Friedenspreisträgerin Carolin Emcke beispielsweise in ihrem aktuellen Buch „Gegen den Hass“. Sie wird am Donnerstag im Alten Rathaus zu erleben sein.

Zum Auftakt freute sich Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke über den Literarischen Herbst als „kleine Schwester“ wie auch „schönes Gegengewicht“ zur Leipziger Buchmesse mit ihrem Lesefest „Leipzig liest“ – nicht zuletzt als weitere Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Dafür steht programmatisch der „philosophische Mentor“ dieses 20. Jahrgangs: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) nämlich, der „in Leipzig das Denken lernte“ und mit der von ihm erfundenen Rechenmaschine als „digitaler Pionier“ durchgeht.

Die „Fallstricke der Digitalisierung“ mitzudenken, gehört für Jennicke zu den „kulturpolitische Herausforderungen“ und führt zum Thema des Abends: „Analog ist das neue Bio“. Ausgehend vom gleichnamigen Buch des Politikwissenschaftlers und Schriftstellers André Wilkens, aus dem Schauspielerin Steffi Böttger eine Passage liest, diskutieren der Verfasser, die Schriftstellerin und Politikerin Eva Leipprand und der Politiker Jan Philipp Albrecht, moderiert von Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.

Freude an der Auseinandersetzung

Ein Gewinn ist schon die Zusammensetzung der Runde, deren Beteiligte, geboren zwischen 1947 und 1982, einerseits unterschiedliche Herangehensweisen und Erfahrungen einbringen, andererseits den Ausgangspunkt teilen: kritische Aufgeschlossenheit. Zur gebotenen Kompetenz kommt eine Freude am Denken und an der Auseinandersetzung sowie ein Bewusstsein für die Verantwortung als Interessenvertreter.

Eva Leipprand, einst Stadträtin für Bündnis 90/Die Grünen in Augsburg, beschäftigt sich als Bundesvorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller auch mit der Frage: Wie bestimmen wir die Qualität von Texten in einer digitalen Welt? Denn mit den Möglichkeiten – zu publizieren und zu kommunizieren – wachsen nicht nur Gefahren, etwa der Urheberrechtsverletzung, sondern wächst auch eine Überforderung im Urteilen oder Entscheiden. Olaf Zimmermann hinterfragt die Wirkung von Informationsgewinn und Zeitersparnis, er sorgt sich um Gleichbehandlung und Solidarprinzip in digitalen Sphären. Jan Philipp Albrecht stellt als Grüner Europaabgeordneter die Selbstbestimmung des Individuums wie auch der Gesellschaft als Kollektiv in den Mittelpunkt.

Höre nicht auf deinen Kühlschrank

„Mir macht Denken Spaß“, sagt André Wilkens. „Warum soll mein Kühlschrank das übernehmen oder mein Auto? Es wird so kommen, dass man sich das Denken abgewöhnt“, fürchtet er. Auch deshalb plädiert Leipprand für „Bereiche, in denen wir analog denken“. Sie hat 1987 gegen die Volkszählung protestiert. Heute, glaubt sie, „sind wir nicht mehr in der Lage zu erkennen, wer der Feind ist und was genau wir tun.“ Überdies sei sie nicht nur Verbraucherin, sondern auch Bürgerin. Womöglich ist es mehr ein Wunsch, jedenfalls sieht Wilkens einen Trend zum Analogen, vielleicht gebe es sogar mal eine analoge Partei? Diese Frage bleibt hier so offen wie die nach einem öffentlich-rechtlichen Internet.

„Echte Verantwortung gibt es nur, wo es wirkliches Antworten gibt“, hat Festival-Projektleiterin Regine Möbius zur Begrüßung den Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965) zitiert. „Antworten worauf?“, fragt Buber.„Auf das, was einem widerfährt, was man zu sehen, zu hören, zu spüren bekommt. Jede konkrete Stunde mit ihrem Welt- und Schicksalsgehalt, die der Person zugeteilt wird, ist dem Aufmerkenden Sprache.“ Möbius erhofft sich das Formulieren von Denkmodellen und Haltungen sowie Diskussionen über Verantwortung. So kann es weitergehen.

Noch bis 1. November wird auf fast 40 Veranstaltungen gelesen und diskutiert, das komplette Programm unter www.leipziger-literarischer-herbst.de

Von Janina Fleischer

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