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Wenn der Taktstock wippt, holen die Instrumente im Akkordeon Club Leipzig-Nord tief Luft

Wenn der Taktstock wippt, holen die Instrumente im Akkordeon Club Leipzig-Nord tief Luft

Stattliche 1040 Lebensjahre spielten mit, würden alle 13 Mitglieder des Akkordeon Clubs Leipzig-Nord noch einmal gemeinsam auf der Bühne stehen. Doch diese Zeiten sind passé.

Treffen sich donnerstags im Buddehaus zum gemeinsamen Musizieren: die Spieler vom Akkordeon Club Leipzig-Nord mit ihrem künstlerischen Leiter Reinhold Mikutta (rechts).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Mittlerweile greifen die Musikanten nur noch sich selbst zur Freude in die Tasten. Donnerstags erklingt ihr Spiel im ersten Stock des Heinrich-Budde-Hauses in der Lützowstraße 19. Den Takt gibt wie eh und je Reinhold Mikutta vor. Hebt der 84-Jährige das Stöckchen, holen auch die Instrumente tief Luft.

Mit fünf Spielern wurden vor nunmehr bereits 62 Jahren die ersten Stücke einstudiert. Reinhold Mikutta, der künstlerische Leiter des Ensembles, gehörte zu den Gründern des Vereins, der in Spitzenzeiten bis zu 24 Akkordeonisten zählte. Und noch immer hören alle auf sein Kommando. 428 Stücke umfasst inzwischen das Repertoire. "Ich habe viele Lieder erst fürs Akkordeon spielbar gemacht", sagt Mikutta. Die Notenblätter passen längst in keinen Ordner mehr. Ein kleiner Ständer hält die nummerierte und akkurat sortierte Last für die meisten zusammen.

Die Stücke Motor Marsch (Nummer 385), Malaga (299), Ukrainischer Tanz (82), Man soll mit dem Feuer nicht spielen (353) - stehen für diesen Tag auf der Probenliste. Ein gutes Dutzend Lieder soll binnen zwei Stunden erklingen. Zwischen jedem Stück ist Zeit für ein kleines Schwätzchen, ein Schlückchen vom roten Dornfelder oder vom prickelnden Rotkäppchen. Zu feiern gibt es immer was - und sei es nur das Glück, miteinander zu musizieren. "Wir treten zwar nicht mehr vor großem Publikum auf, wie einst. Aber wir freuen uns trotzdem von einem Donnerstag auf den nächsten, denn die Musik ist ein großes Stück unseres gemeinsamen Lebens", bringt es Brigitte Hertel (78) auf den Punkt. Auch wenn es nicht mehr allen leicht falle, die Stufen ins Zimmer 14 zu erklimmen, die Übungsstunde verpasse niemand ohne Not. "Und das will schon was heißen, bei unserem Durchschnittsalter von flotten 80 Lenzen", betont der Dirigent. Horst Trapp, mit 92 der Älteste im Bunde, lasse die Gesundheit gerade nicht mitspielen. Alle anderen aber, von Elfriede Schneider (mit 72 die Jüngste) bis zu Lieselotte Kiebler und Traudi Mikutta (beide 88) schultern ihre Instrumente noch mit Schwung. Dabei bringen Weltmeister, Hohner und Royal Standard locker zehn bis zwölf Kilo auf die Waage. "Wir tun hier eben was für Kopf und Körper", meint Christa Möckel (79) aus Connewitz. Muskelkater bekomme nach mehr als 60 Spieljahren aber keiner mehr, sagt sie. "Es gibt höchstens mal einen blauen Fleck auf dem Oberschenkel", räumt sie ein.

Für Gerhard Till, den einzigen Instrumentalisten im Bunde, ist das kein Problem. Der Liebertwolkwitzer liebt die Musik und hat den Rhythmus im Blut. "Auf Trödelmärkten halt ich immer mal nach brauchbaren Noten Ausschau", erzählt der 76-Jährige, der sich zum 70. nicht nur das Ständchen selber spielte, sondern auch noch ein Saxofon kaufte. "Das hatte ich in einer Annonce entdeckt." Spielen konnte er es da noch nicht. "Ich nahm mir eben für zweieinhalb Jahre einen Lehrer." Mittlerweile gibt's sogar manchmal ein Duett mit Bassistin Helga Dietze (78).

Spiel- und Lebensfreude erfüllen nun schon seit Jahrzehnten das Domizil, das die ältesten Mieter des Buddehauses gern auch künftig zu erschwinglichen Preisen nutzen möchten. Sie seien zwar kein eingetragener Verein mehr, aber immerhin ein Freundesverbund, der auf Bestandsschutz hofft.

Und dann ist Wunschkonzert: "Sie können sich was aussuchen", ermuntert Mikutta und flüstert sogleich: "Sagen Sie mal Oberkrainer!" Im Nu suchen alle Blatt 392 hervor. Dann zählt der Dirigent ein. Musikant und Akkordeonbalg schöpfen noch mal kräftig Luft. Und schon huschen die Augenpaare die vergilbten Notenzeilen entlang, tippen die flinken Finger der rechten Hand die Melodie und die der Linken den Bass. Zackig wippt der Taktstock.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.02.2015

Cornelia Lachmann

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