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Wenzel vertont in Leipzig Texte Johannes R. Bechers

Hoffnung und Bitterkeit Wenzel vertont in Leipzig Texte Johannes R. Bechers

„Ein bescheuertes Jahr geht zu Ende“, hat Hans-Eckardt Wenzel am Freitagabend in der Schaubühne Lindenfels festgestellt. Aber auch ein solches braucht jemanden, der Sorgen und Nöte in poetische Worte fasst. Jemanden wie Wenzel – der sich auf seiner aktuellen Tour mit Band unter anderem dem Schaffen Johannes R. Bechers widmet.

Auf den Spuren Johannes R. Bechers: Hans-Eckardt Wenzel (Zweiter von links) und Band.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Mit den gesungenen Worten „Halt an meinem Arm Dich fest“ beginnt Hans-Eckardt Wenzel am Freitagabend sein Konzert in der Schaubühne Lindenfels. Der proppenvolle Saal vernimmt kurz darauf die Zeile „Bleibe sanft und rüste Dich nicht auf“. Doch so sanft ist der Mann da vorne gar nicht, der Mann, der unter anderem erklärt, er singe gegen das „Gift der Bitterkeit“ an. „Ein bescheuertes Jahr geht zu Ende“, ruft er in die Menge – Wenzel und Band sind wieder da!

Es ist die bewährte Gruppe, die er schon nach dem zweiten Lied das erste Mal vorstellt, und der Bandleader trägt das gewohnte Matrosen-T-Shirt, welches auch im Publikum in diversen Varianten zu sehen ist, hauptsächlich bei Frauen. Aber das Programm ist neu, zumindest in Teilen, in denen nämlich, in denen Wenzel den Dichter und Politiker Johannes R. Becher (1891 bis 1958) zu Wort kommen lässt.

Manchmal ist Wenzel stinksauer

„Sterne glühn“ steht als Motto über dem Abend, und Sterne wie Herzen glühen auch in einer Zeit der Krisen – dann vielleicht sogar besonders stark in der Hoffnung auf Besserung. „Wir leben in einer Zeit der Krisen“, verkündet Wenzel mit wie immer rauchig-spöttischer Stimme und macht sich über die angeblich aus Krisen erwachsenden Chancen lustig.

Bechers Biografie kommt kurz zur Sprache – Expressionist, Kommunist, Katholik, Exil und Karriere, Gutes und weniger Gutes. Was hat man vom einstigen Kulturminister der DDR im Gedächtnis außer dem Text der Nationalhymne? Im Zweifelsfalle nicht mal den. Wenzel gräbt aus und vertont – das kennt man von ihm. „Manchmal bin ich stinksauer“, sagt der Mann im Ringelshirt, „darüber, dass es manche Texte schon gibt. Ich hätte sie gern selber geschrieben!“

Johannes R. Becher hat ein paar solcher Texte hinterlassen, „Wenn alles Dir zerfällt“, beginnt einer davon. Wenzel trägt ihn vor, „Sterne glühn“ wird dennoch nicht zu einem Becher-Abend. Die Band auf der Bühne verfügt über zu viel eigenes und anderes adaptiertes Material. Sie verbreitet Hoffnung mit Liedern wie „Die Erde ist da für dich und mich“, denn Lieder sind zum Verbreiten von Hoffnung geeignet. Sie verbreitet ebenso Frohsinn wie Fernweh.

Der, der in der Ecke sitzt

Ecki – „Indianername für den, der in der Ecke sitzt“ – reist mit seinen Zuhörern an die Ostsee, in die Karibik und nach Sibirien, und mit seinen gut aufgelegten Kollegen unternimmt er immer wieder Ausritte in alle musikalischen Richtungen – Jazz, Rock, Folk, beim „Sterben in Wien“ sind die fünf sogar eine astreine Gitarrenband.

Wenzel sagt, die ziellose Wut hier und heute richte sich gegen die Falschen, er erzählt, dass auch seine Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtling gewesen sei. Bei Wittenberg habe man sie aufgenommen. Und er fragt: „Werte, haben wir überhaupt Werte? – Ja, die Zahlen!“ Der musizierende Zahlenmystiker wollte einst Mathematiklehrer werden, „war aber für die Bruchrechnung zu schwach“. Nun ist er weiser Clown und lässt die Poesie hochleben sowie den Wein und die Musik, schafft es jedoch selbst nicht, die giftige Bitterkeit von sich fernzuhalten („Fratzen“).

Von Bert Hähne

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