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„Wer nicht singen kann, der schreit“ - Lena bringt die Arena Leipzig zum Kochen

„Wer nicht singen kann, der schreit“ - Lena bringt die Arena Leipzig zum Kochen

Minutenlanger ohrenbetäubender Jubel in der mit rund 5000 Besuchern gut gefüllten Arena Leipzig am Donnerstagabend. Keine Frage: Lena Meyer-Landruth hat auch das Zeug zum abendfüllenden Konzert-Act.

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Lena in der Arena: Die 19-Jährige machte am Donnerstag auf ihrer Deutschlandtour in Leipzig Station.

Quelle: Christian Nitsche

Leipzig. Manchem stimmlichen Defizit zum Trotz.

Für Lisa, Alex, Florian und Eric, alle zwischen 13 und 15 und somit ziemlich typisch fürs Arena-Publikum, ist die Sache sowieso klar: „Natürlich holen wir wieder den Song Contest“, brüllen die vier unisono an der Straßenbahnhaltestelle. Da ist es 22.20 Uhr und noch keine halbe Stunde her, dass Lena ihren vorletzten Abgang und den letzten Zugabenblock eingeleitet hat mit den Worten: „Ich hoffe, eure Erwartungen wurden übertroffen.“

Ja, wurden sie. Nicht so sehr wohl die von Lisa, Alex, Florian und Eric. Die sind Fans, und Fans erwarten immer alles. Bekommen auch immer alles. Denn das, was sie nicht bekommen, das träumen sie sich hinzu. Doch auch der nüchterne Skeptiker muss nach diesen gut zwei Stunden (einschließlich Vorband) konzedieren: Das war eine verdammt gute Show. Und sie war es nicht trotz, sondern wegen Lena Meyer-Landruth.

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Leipzig. Lena war in Leipzig. Am Donnerstagabend begeisterte die sympathische 19-Jährige während ihrer großen Deutschlandtournee mehr als 5000 Zuhörer in der Arena am Sportforum. Schon Stunden vor dem Beginn der Show warteten viele Fans vor den Eingangtoren, um später beste Plätze in Bühnennähe zu erhaschen. Knapp zwei Dutzend Song gab die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010 zum Besten.

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Natürlich wirft ihre Stimme bisweilen Fragen auf. Vor allem in den Balladen. Beispielsweise die nach der Solltonhöhe. Aber selbst dann, wenn Lena minutenlang orientierungslos durchs Unterholz der Intonation irrt, ist da nichts Peinliches. Lena hat die seltene Gabe, selbst ihre Defizite zur Marke zu adeln. Und den meisten ist es sowieso egal. Simon, 11, befindet kurz und bündig: „Hör ich nicht, stört mich nicht.“

Ohnehin geht es in der Arena, wo nach wenigen Minuten zumindest im gestopft vollen vorderen Drittel niemand mehr sitzt, nicht um Intonation, es geht um Party. Und dafür kommen die gekonnt aufgebrezelten, aber im Kern im besten Sinne eher ziemlich altmodischen Titel zwischen Rhythm ’n’ Blues, Soul, Funk und Happy Sixties wie gerufen. Jeder scheint hier jeden Text zu können. Und auch Lenas forsche Aufforderung „Wer nicht singen kann, der schreit“, wird nur allzu gern beherzigt. Schließlich macht der Star des Abends es bisweilen auch nicht anders.

Im Kern ist die Musik schwarz, mit der die Hannoveranerin sich vor dem Tag der Entscheidung, dem Eurovision Song Contest am 14. Mai in Düsseldorf, in den großen Hallen der Republik noch die Performer-Hörner abstößt. Lenas Stimme ist es nicht. Und vielleicht macht dies den Reiz dieses Konzertes aus. Weil sich aus dem Kontrast eine Leerstelle bildet, die Lena mit Persönlichkeit füllt. Nein, das ist kein Zwitschersternchen auf zu großer Bühne. Ganz selbstverständlich beherrscht sie den Raum, den die aufwendige Lichtshow, die grandiose Band nebst Tänzerinnen und Live-Streichern ihr lassen. Und selbst wenn sie nicht singt, ist ihre Bühnenpräsenz gewaltig. „Rampensäue“ nennt man zärtlich solche Künstler, die live das Publikum um den kleinen Finger wickeln, die einfach da sind, denen man den Spaß am eigenen Tun sofort  abkauft. Die auf die Bühne gehören und nicht ins Studio.

Das war bereits das Geheimnis des Erfolgs von 2010: „Satellite“, der Sensations-Siegertitel von Oslo, klang auf CD angenehm schräg, aber irgendwie auch ziemlich unerheblich. Das Mädchen auf der Bühne in Oslo aber, das war eine Granate. Mit „Taken By a Stranger“ verhält es sich ähnlich. Die Studio-Version, technisch gewiss besser gesungen als live, kommt einigermaßen amorph daher, gestaltlos, ein Anti-Ohrwurm sozusagen. Aber in der Arena steckt ungeheuer viel Energie in diesem Song. Energie, die natürlich auch die handverlesene Band in den Saal pumpt, die vor allem aber von Lena ausgeht, die mit schwarzer Jeans und schwarzem Top mit auffallender Unauffälligkeit alle Blicke auf sich zieht. Die noch immer, auch ein Jahr nach Oslo, lange nach der noch immer ziemlich fragwürdig erscheinenden Entscheidung, sie noch einmal für Deutschland in die Grand-Prix-Bütt steigen zu lassen, ihren stärksten Trumpf auszuspielen vermag: den Mädchen-Charme. Fast ist es ein bisschen schade, dass die Stil-Berater ihr die sprachlichen Kanten abgeschliffen haben. Keine „verdammte Axt“ mehr nirgends. Einmal ist das Publikum immerhin „really good drauf“. Ansonsten aber dankt Lena artig und „von ganzem Herzen“ allen Beteiligten für die „gute Zeit“, die sie in Leipzig hat.

Mit der Titelverteidigung wird es, Lisa, Alex, Florian und Eric müssen jetzt ganz tapfer sein, wahrscheinlich dennoch nichts werden. Da spielen andere Kriterien eine Rolle, und es war schon 2010 ein Wunder, dass sich wirklich einmal der beste Song durchgesetzt hat. Aber dass Lena Meyer-Landruth offenkundig auch eine Perspektive jenseits des Wettsingens der EU-Rundfunk-Union hat, ist doch eigentlich viel wichtiger. Oder?

Doch wer weiß, so richtig geglaubt hat es im letzten Jahr bis ganz zum Schluss auch keiner. Und wenn es in diesem Jahr nichts werden sollte, können wir 2012 ja die Kleinstadt-Helden aus dem schönen Osterholz-Scharmbeck in den Ring schicken, Lenas Vorband. Vier charismatische, authentische, ein bisschen schräge Jungs aus dem Norden, die mit der klassischen Kernbesetzung zwei Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug und vier glasklaren, aber charakteristischen Stimmen, einen sehr geradlinigen sauberen, ambitionierten und eigenständigen Indie-Rock machen. Da kocht der Saal schon längst, bevor Lena Meyer-Landruth die Bretter entert, die die Welt bedeuten.

Peter Korfmacher

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