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Wider jede Vernunft: Tocotronic verausgaben sich und ihre Fans im ausverkauften Conne Island

Wider jede Vernunft: Tocotronic verausgaben sich und ihre Fans im ausverkauften Conne Island

Aus der Gruppe, die in den 90er Jahren wie keine andere das Lebensgefühl der Heranwachsenden in Slogans packte, ist längst eine Art von Anti-Ratgeber-Band geworden.

Leipzig. Dass Tocotronic ihren Fans mit beidem aus der Seele sprechen, zeigte sich auch in der Nacht des 2. Aprils im Conne Island.

Knapp zwei Stunden später wird Dirk von Lowtzow ausnahmsweise in einem viel zu weiten grauen T-Shirt statt im akkurat verschwitzen weißen Hemd auf die Bühne zurückkehren. Er wird den dicht gestapelten Menschen im ausverkauften Saal zurufen, dass eine Refrain-Zeile, die er außerplanmäßig am Ende des Konzerts noch singen mag, „auf euch wahrhaftig zutrifft“.

Zunächst jedoch, so gegen halb zehn, umschmeichelt der Sänger das Publikum damit, dass es sich für ihn gerade „ein bisschen wie Nachhausekommen“ anfühle. Nach fünf Jahren, nach Leipziger Konzerten im Haus Auensee und im Centraltheater, spielen Tocotronic mal wieder im Conne Island – dort, wo ein Fan ordentlich pogen soll. Also kommt die Menge ihrer Tanz-Leidenschaft der wilderen Art pflichtbewusst nach, nachdem Bassist Jan Müller ins Mikrofon einer Hoffnung Ausdruck verliehen hat.

„Dass ihr das karfreitägliche Tanzverbot nicht allzu ernst nehmt“, hat er nämlich gesagt. Reicht ja auch, dass man den Liedlein der Dominique Dillon de Byington im Vorprogramm andächtig gelauscht hat. Die 20-Jährige ist bereits vor fünf Monaten vor Lowtzows Zweitprojekt Phantom Ghost im Schauspielhaus aufgetreten, eine Spur zu theatralisch damals. Jetzt geriert sie sich weniger affektiert, verdeckt die Musik nicht mehr mit Pose, und so ist zu bemerken, wie schön einige ihrer Kompositionen doch klingen.

Schön schrecklich freilich. Vom Zähne-fletschen singt Dillon, und die Überleitung ist gut gelungen, denn Dirk von Lowtzow kündigt kurz darauf zwar ein Liebeslied an, berichtet aber von den grausamen Folgen der Leidenschaft. „Eure Liebe tötet mich, und doch bin ich unersättlich. Weil ihr zur gleichen Zeit die Medizin verschreibt, unersetzlich“, heißt es im Eröffnungsstück des aktuellen Albums „Schall und Wahn“.

Im Laufe des Konzerts werden Tocotronic ab und zu das Lebensgefühl ihrer frühen Platten hervorkramen, als sie eine Hamburger Seitenscheitel-Wuschelkopf-Band in bunten Trainingsjacken waren. Sie werden noch einmal ihren „Masterplan“ von 1995 vorstellen und schließlich in jenem ewig tollen ältesten Tocotronic-Stück, das schon wegen seines Titels „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ einen Eintrag in Kindlers Literaturlexikon verdient, dazu auffordern, „in der so genannten Frühlingszeit“ einem Fremden am Bahnhof Hallo zu sagen. Auch der Teenie-Schmerz des Schlagzeugers Arne Zank hat noch Platz. „Bitte, bitte, bitte gebt mir meinen Verstand zurück“, wird er flehen und sich so slacker-mäßig bewegen, als trüge er die Kassengestell-Hornbrille der frühen Jahre.

Vor allem jedoch stellt sich die Gruppe im Conne Island, wie überhaupt seit ungefähr einem Jahrzehnt, als so etwas wie eine Anti-Ratgeber-Band dar. „Du musst nicht zeigen, was du kannst“, tönt eine Schlüsselaussage, „verschwör dich gegen dich – die Gegner, sie ergeben sich“, geht sie weiter. Bei aller Verschwurbelung, die der jüngeren Tocotronic-Dichtung anhaftet, enthalten die Texte stets griffige  Slogans, die nach 17 Band-Jahren nunmehr drei Pop-Fan-Generationen aus dem Herzen sprechen dürften.

Mit beiläufiger Selbstverständlichkeit werden Glaubenssätze der Gegenwart einfach umgedreht, Phrasen, die in jeder Ecke der Gesellschaft, von Linkspartei bis FDP, von Pur bis Tote Hosen, nachgeplappert werden. „Mach es nicht selbst“, rät die Anti-Ratgeber-Band in der Konzertmitte; in der aktuellen Single dieses Namens verwirft sie die Do-it-yourself-Mentalität alter wie neuer Schule - „Heim- und Netzwerkerei“ - und überhaupt jeden Drang zur Selbstverwirklichung. Der Pop-Poet Lowtzow, der früher „Teil einer Jugendbewegung“ sein wollte, gründet nun eine „Bewegung gegen den Fleiß“ und schlägt „eine Flanke gegen den gesunden Menschenverstand“.

„Du musst nicht du selber sein“, lautet der Anti-Ratschlag in „Imitationen“, „es lebe das Plagiat!“, ruft Lowtzow in den Saal, bevor das Lied beginnt. Eine andere Empfehlung mutet, passend zur Osterzeit, bibelfest an: „Du musst dich doch nicht bemühen, die Bäume werden doch auch von selber grün.“ Und die Zeile „Mein Ruin, das ist mein Ziel“, 2007 gedichtet, habe sich mit der kollabierenden Börse ein Jahr später als prophetisch erwiesen, erklärt der Dichter.

Die Anhänger jauchzen den Widerstand mit, darüber ernsthaft nachzudenken, ist aber eher was für später, für daheim. Vor Ort lässt man sich lieber vom vollen, mitreißenden Klang-Geflecht tragen, den die Band live mittlerweile erzeugt, erst recht, seit mit Rick McPhail ein zweiter Gitarrist dazu gehört. Einige endlos scheinende Instrumental-Passagen, die etwa aus der im Original zweiminütigen guten Idee, für die die Welt noch nicht bereit sei, eine Zehn-Minuten-Lakonie machen, werden zwar eher ertragen als bejubelt. Aber das Ganze bestünde ohne die psychedelischen Zwischensphären allein aus Pogo von  Anfang bis Ende – was Fans der ersten Stunde, die wie die Band auf die 40 zugehen, ja auch nicht mehr so leicht fällt.

„Es ist super, dass es den Club gibt“, freut sich Lowtzow zum Schluss. Und endlich bekräftigt er, welcher Satz „auf euch wahrhaftig zutrifft“: Band und Zuschauer singen zum Abschied „Pure Vernunft darf niemals siegen“ im Chor. Der Sänger, ein Dandy trotz des grauen  T-Shirts, wirft sich in die Menge, lässt sich von ihr tragen. Nach Hause sozusagen. Ein bisschen jedenfalls.

Mathias Wöbking

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