Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -7 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Wie der wunderbare Hagen Rether in Leipzig einen Crashkurs in Sozialkunde gibt

Kabarett im Schauspielhaus Wie der wunderbare Hagen Rether in Leipzig einen Crashkurs in Sozialkunde gibt

Letztlich ist wurscht, ob es sich überhaupt noch um Kabarett handelt. Hagen Rether überzeichnet die Wirklichkeit nicht, er stellt sie einfach dar. Akribisch recherchiert, analytisch, scharfzüngig. Man könnte das Ganze auch als einen Crashkurs in Sozialkunde bezeichnen. Sein Auftritt im Leipziger Schauspiel am Mittwochabend war seit Monaten ausverkauft.

Schlaf der Gerechten: Hagen Rether im Schauspielhaus

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Dass hinterher ja niemand behauptet, es habe keiner gewarnt. „Das ist doch nicht lustig“, hat Hagen Rether am Mittwochabend im seit Monaten ausverkauften Leipziger Schauspiel die Lacher des Publikums von Anfang an kommentiert. „Das ist gruselig“. Und es ist ernsthaft merkwürdig und zugleich wunderbar, dass 650 Menschen Geld bezahlen, um sich das dreieinhalb Stunden lang anzutun.

Kabarett wird manchmal eine kathartische Wirkung zugeschrieben. Die Mächtigen kriegen ihr Fett weg, die Ohnmächtigen lassen lauthals lachend Dampf ab, und tags darauf machen alle wie gehabt weiter. Nicht so bei Rether. Er lässt keinen Druck aus dem Ventil, eher vergrößert er die Beklemmung und das schlechte Gewissen. Göttliche Vergebung sei unwahrscheinlich, führt er, bekanntermaßen Atheist, irgendwann aus. „Denn wir wissen genau, was wir tun.“ Information ist längst kein knappes Gut mehr.

Rether hat Recht: Selbst wenn er die Zuschauer mit Witz und Charme sehr oft zum Lachen bringt, ist es tatsächlich selten lustig, was er sagt. Über Konzerne wie Ferrero, Nestlé, Monsanto und deren multinationale Opfer etwa. Über Männerbünde wie den ADAC, die Fifa, die katholische Kirche und die Mafia. Über den Stress, dem sich eine Gesellschaft unterordnet, deren letztes Tabu die Langeweile sei. „Mit 17 Abitur – warum? Damit man ab 60 mit Stöcken durch den Wald läuft?“ Die Alten seien depressiv, weil man sie unterfordere, die Jungen, weil sie überfordert würden. „Ich verstehe das nicht, warum bauen wir die Gesellschaft so scheiße? Haben Sie schon Winterreifen?“

Sind acht Milliarden Euro viel Geld?

Der 46-Jährige überzeichnet die Wirklichkeit nicht, er stellt sie einfach dar. Ordnet Ungereimtheiten der Gegenwart und rückt Verhältnismäßigkeiten zurecht. Auf acht Milliarden Euro veranschlagt die Bundesregierung dieses Jahr die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen, die Rether klugerweise Heimatvertriebene nennt. Viel Geld? „So viel geben wir jährlich für Haustiere aus“, aber nicht nur das. „Für acht Milliarden hat Seehofer den Strom in Bayern unter die Erde verlegen lassen, das merken wir gar nicht.“ Allein das Erzbistum Paderborn besitze vier Milliarden Euro, 36 Milliarden koste der Afghanistan-Einsatz, „haben Sie nur einen Cappuccino weniger getrunken?“ 50 Milliarden Euro Steuereinnahmen fehlten aufgrund von Schwarzarbeit. „480 Milliarden Euro für die Bankenrettung – es hieß, die Banken seien too big to fail.“ Zu groß, um zu scheitern. „Für mich sind eine Million Flüchtlinge too big to fail.“

„Uns fliegen gerade 600 Jahre Kolonialismus um die Ohren“, stellt Rether fest. „Haben wir ernsthaft geglaubt, das vertanzt sich? Glauben wir, die merken nicht, wie wir sie verachten?“ Auf Terror mit Bombardierungen zu reagieren, sei „wie mit einem Hammer nachts eine Stechmücke zu jagen“. Am Morgen ist das Schlafzimmer demoliert, die Mücke kümmert das wenig. „Der Terror ist nicht staatsgefährdend“, erklärt Rether, „der Umgang damit könnte es aber werden“. Man müsse die Nerven behalten, „sonst gewinnen die Doofen“.

Ob es sich noch um Kabarett handelt, ist wurscht. Einen Rether-Abend kann man trotz ausufernder Länge genauso als Crashkurs bezeichnen: in Sozialkunde; akribisch recherchiert, analytisch und bei aller Ruhe im Vortrag hervorragend scharfzüngig. Seit mehr als einem Jahrzehnt überschreibt er sein Bühnenprogramm mit „Liebe“, momentan ist es die „Liebe 5“. Er verspürt zurzeit offenbar eine unerwartete Zuneigung. „Wenn die Merkel so weitermacht“, sagt er und wartet ein paar Sekunden, „wähle ich sie.“

Eine unerwartete Liebe

Wobei es ohnehin Rethers Alleinstellungsmerkmal als politischer Kabarettist hierzulande ist, dass er nicht in erster Linie „die da oben“ abwatschen will, die „blöden Politiker, Banker und Journalisten“. Er fordert Selbstverantwortung ein: „Ist Merkel schuld, dass wir bei Amazon einkaufen?“ Wenn Rether von „Bio-Produkten und Fair Trade“ spricht, dann ohne ironischen Unterton. „Ja, was denn sonst?“, fragt er. „Pestizide und unfair?“ Es sei ihm klar, dass sich das eine alleinerziehende Mutter nur schwer leisten könne, die ab dem 20. eines Monats nicht wisse, wie sie die nächsten zehn Tage über die Runden kommt. „Die meine ich auch nicht. Ich meine zum Beispiel Leute, die Geld für Theaterkarten haben.“

Die Pointe sitzt. Und gleich die nächste Provokation: „Sind Sie auch so froh wie ich, dass Sie zu den Guten gehören?“ Seine neue CD sei bei Amazon übrigens fünf Euro teurer als nachher am Verkaufsstand. Und bei den Bananen, die er, der Veganer, während seiner Auftritte traditionell genüsslich verspeist, handle es sich um Bio-Obst, per Flugzeug mit Rapsöl-Antrieb eingeflogen. Auch die Disziplin der Selbstironie beherrscht er also.

Kurz vor halb zwölf spielt er dann doch noch Klavier. „Over The Rainbow“ und schließlich „Schlaf, Kindlein, schlaf“. Wenn Rether alles richtig gemacht hat, wird es allerdings eine eher unruhige Nacht. Davor gewarnt hat er immerhin.

Von Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr