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Wie ein mährisches Dorf in der Galerie für Zeitgenössische Kunst rekonstruiert wird

Wie ein mährisches Dorf in der Galerie für Zeitgenössische Kunst rekonstruiert wird

Zastávka ist ein Ort nahe Brno, Folgeereignis des längst wieder aufgegebenen Steinkohlebergbaus, gesichtslos, zentrumslos, mit 2500 Einwohnern für ein Dorf aber relativ groß.

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Grundriss eines Ortes: Katerina Šedá: "At Sixes and Sevens (von Links nach Schräg)".

Quelle: Sebastian SchröderGfZK

Das Beste hier sei, sagen Bewohner, dass man schnell woanders hin komme. Eine Kultursteppe also, im zentralsten Europa gelegen. Gerhard Gundermann, der Baggerfahrer mit Gitarre, besang einst einen ähnlichen Kohle(nicht)ort: Es ist Sonntag in Schwarze Pumpe. Titel und gesamter Liedtext sind identisch.

 Junge Leute, per Zufall in solch eine Ödnis hineingeboren, gehen entweder weg (überwiegend) oder arrangieren sich mit den Verhältnissen (minderheitlich). Eine Ausnahme sind die fünf Mädchen und ein Junge, alle 14 Jahre alt, die sich in einer Email an die Künstlerin Kateržina Šedá wandten. Zu den gar nicht mehr so unüblichen Eigenschaften des heutigen globalen Kunstbetriebes gehört es, dass die Tschechin von Taiwan eingeladen wurde, deren Pavillon auf der nächsten Biennale in Venedig zu bespielen, und somit der mährische Ort vielleicht zum internationalen Artefakt werden kann.

 Zunächst aber liegt der Grundriss des Dorfes über dem des GfZK-Neubaus. Gemeinsam mit den sechs Schülern hat Šedá eine Topografie erarbeitet, die real und fiktiv zugleich ist. In kräftigen schwarzen Strichen, wie von einem gewaltigen Marker, sind auf dem frisch erneuerten Fußboden der Galerie Straßenzüge erkennbar, an den teils verschiebbaren Wänden Fassaden, Schilder, Bäume. Man muss sich zum Betrachten blaue Füßlinge aus Plastikfolie überstreifen wie ein Klempner, der in seinen Arbeitsbotten die Kundenwohnung betritt, um eine Verstopfung des Klos zu beheben. Das schafft eine Aura spezifischer Art. Obwohl auch Kateržina Šedá den Ort Zastávka mit derartigen Überziehern betreten hat, beschreibt sie ihr Vorgehen so, dass sie sich als Fremde wie zu Hause benommen habe. Ein dokumentarisches Video zeigt, wie sie über Gartenmauern klettert und Wohnungen durchquert, aber zumeist freundlich und hilfreich aufgenommen wird.

 Aus der Spurensicherung wird ein Eingreifen, vorerst noch wenig zielgerichtet. Statistiken zur Zusammensetzung der Bevölkerung (neben Tschechen, Ukrainern oder Slowenen einen einzigen Rom ausweisend), verschieden große Puppen, gleich aussehend, und Tische, auf denen Strickwaren die Landmarken darstellen, ergänzen die grafischen Darstellungen an Boden und Wänden. Der Weg durch den verwinkelten Grundriss des Bauwerkes ist durch Stationen der unaufgeregten Geografie Zastávkas markiert. "Hier wohnt der Schuldirektor", "Highline" oder "Glotzstraße und das Flüchtlingslager" (an der Wand eine Burka-Frau) heißen sie. Oder "Hier gibt's nichts".

 Das gesellschaftlich-künstlerische Vorhaben von Kateržina Šedá ist eingebunden in das Projekt "Responsible Subjekts - Über die Gestaltung von kollektiven Handlungen" der GfZK. Arbeiten des Engländers James Langdon und der Polin Joanna Warsza sollen folgen. Ob den Problemen von Zastávka allein mit künstlerisch-beschreibenden Mitteln Alternativen entgegensetzt werden können, ist aus der gegenwärtigen Ausstellung noch nicht ablesbar. Wichtigster Effekt ist eventuell, dass Barbora, Tereza, Georgi, Milena, Kristýna und Lucie sich ernst genommen fühlen in ihrem Anliegen und in der Folge selbst etwas anstoßen können. Oder sie gehen nach dem Abitur nach Brünn, Prag, Leipzig oder London, studieren Kunst und träumen von einer Biennale-Teilnahme mit sozialkritischen Werken. Jens Kassner

Kateržina Šedá: At Sixes and Sevens (von Links nach Schräg); bis 12. Januar 2014, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr; Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.10.2013

Jens Kassner

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