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Wie rechtsradikal ist Neofolk? Podiumsdiskussion kurz vor dem Wave-Gotik-Treffen

Wie rechtsradikal ist Neofolk? Podiumsdiskussion kurz vor dem Wave-Gotik-Treffen

Als Außenstehender muss man die gemeinten Bands mit der Lupe unter den mehr als 200 Künstlern suchen, die von Freitag bis Montag beim 22. Wave-Gotik-Treffen auftreten.

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Alte Debatte, neu geführt: Alexander Nym, Robert Dobschütz, Jürgen Kasek, Frank Schubert und Miro Jennerjahn (von links) Montagabend in Halle D.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Doch auch dieses Jahr sind offenbar wieder zwei Gruppen dabei, die sich rechtsradikaler Ideologie nicht völlig verschließen. Vorsichtig ausgedrückt. Dem Genre Neofolk, einer kleinen Schublade im riesigen Gothic-Wandschrank, haftet ein zweifelhafter Ruch an, seit die umstrittene englische Band Death In June die Sparte in den 80ern mitbegründete und sich totalitärer Gedankenspiele und einiger Nazi-Symbole bediente. 2000 auch auf dem WGT.

2013 halten offensichtlich die italienische Formation Camerata Mediolanense sowie die Dresdner Band Darkwood die Neofolk-Fahne mit ihren anrüchigen Emblemen hoch. Wie in der Gattung üblich schwurbeln ihre Texte hochtrabend umständlich - ohne klares Bekenntnis einerseits oder eindeutige Distanzierung andererseits. "Das Projekt Darkwood wurde aus der Notwende heraus geboren, der Liebe zu unserer Heimat Ausdruck zu verleihen", ist auf der Darkwood-Internetseite zu lesen.

Musik in der Grauzone - und als Jürgen Kasek, Sprecher der Leipziger Bündnisgrünen, am Montagabend in Halle D des Werk 2 als Moderator von seinen Podiumsgästen wissen wollte, wo sich in dieser Nebellandschaft eine Grenze ziehen lässt, erntete er erwartungsgemäß keine eindeutige Antwort. "Polizei, Politik oder gar der Verfassungsschutz werden das nicht regeln", stellt Frank Schubert vom Forum für kritische Rechtsextremismusforschung fest. Nur eine gesellschaftliche Auseinandersetzung - "oder noch besser: eine Debatte in der Szene" - könne definieren, wo Heimatliebe in volkstümelnden Fremdenhass umschlage.

Unter den WGT-Organisatoren, von denen sich am Montag keiner zu Wort meldete, finden die Diskutanten allerdings keine Verbündeten, um diese alte Debatte weiterzuführen. "Was ich nicht diskutiere, das existiert nicht", sei deren Motto, mutmaßt Robert Dobschütz von der Leipziger Internetzeitung. Schubert zufolge wird Nicht-Szenegängern darüber hinaus "reflexhaft" die Kompetenz abgesprochen, grenzwertige Neofolk-Gepflogenheiten richtig zu bewerten.

Wie der Publizist Alexander Nym beobachtet hat, führen zwar regelmäßige Skandälchen zu einer "politischen Selbstverortung" in der Schwarzen Szene. Einige offenbarten sich dann als rechts, andere forderten - wie die Initiative "Schwarz statt Braun" - die Ausgrenzung solcher Tendenzen. "Die größte Gruppe aber sagt: Politik ist mir egal. Wenn mir die Musik gefällt, höre ich sie." Miro Jennerjahn, sächsischer Landtagsabgeordneter der Bündnisgrünen, findet dagegen, dass man es sich mit solcher als Toleranz verkaufter Gleichgültigkeit zu einfach mache. "Wer mit einer Uniform rumläuft, die an die SS erinnert, kann nicht beanspruchen, dass das unpolitisch sei."

Als vor vier Jahren die Schwarze Sonne der SS-Ausbildungsstätte Wewelsburg auf der WGT-Obsorgekarte, die Festivalpass und Zeltplatz kombiniert, abgebildet war, verteidigten sich die Organisatoren mit dem Argument, dass es sich um ein mittelalterliches Symbol handle. Von einer "Rückeroberung" heidnischer Zeichen ist in der Szene immer wieder die Rede. "Aber warum eigentlich?", fragt Schubert. Und warum müssen Darkwood ausgerechnet Franz Stassens posthum zu ihrem Grafiker küren? Einen Künstler, den Hitler zum Professor berief und in die "Gottbegnadeten-Liste" aufnahm, wie Jennerjahn recherchiert hat.

Vermutlich, weil Neofolk auch eine intellektuelle Spinnerei der Neuen Rechten ist und in deren elitärem Selbstverständnis vom "Dorfnazi" gar nicht entschlüsselt werden soll, "der am Wochenende seinen Rechtsrock grölt" (Schubert). Gewaltbereitschaft strahlen Neofolk-Konzerte selten aus, "Politik wird nicht direkt angegangen", so Jennerjahn, vielmehr sei eine Werteverschiebung das Ziel.

Wenn es sich bei den Neofolkern aber um einen "inzestiösen Kreis" mit wenig Breitenwirkung handelt, wie ein Zuschauer schlussfolgert und wie Nym angesichts "gerade mal dreistelliger Auflagen" einschlägiger Pressungen bestätigt, lohnt sich dann die ganze Aufregung? Trotzdem, da ist sich die Runde einig, wolle man Veranstalter wie die des Wave-Gotik-Treffens weiter nerven, sich für zwielichtige Bands im Aufgebot zu rechtfertigen. "Und bevor jemand unbedarft in ein vermeintlich harmloses Folk-Konzert stolpert, soll er informiert werden, was für Botschaften mitschwingen", findet Dobschütz.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.05.2013

Mathias Wöbking

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