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Wiederentdeckung der Leipziger "Roten Spatzen": Nazis als Clowns

Wiederentdeckung der Leipziger "Roten Spatzen": Nazis als Clowns

Seit dem Mauerfall gilt Leipzig als deutsche Kabaretthauptstadt. Schon vor der Friedlichen Revolution, ab den 1960er Jahren, pulste das satirische Leben kräftig.

Leipzig. Dass aber ein Leipziger Kabarett neben Hans Reimanns literarisch orientierter "Retorte" ab Ende der 1920er Jahre für Furore sorgte, ist kaum bekannt: Die der SPD verpflichteten "Roten Spatzen" traten zwischen 1927 und '33 auf - bis zum Verbot durch die Nazis.

Die Pose hat eine Menge Clowneskes: Im satirischen Gestus von US-Schauspieler und Regisseur Charlie Chaplin ("Der große Diktator") praktiziert ein Uniformierter mit scheinbar Gleichgesinnten den Hitlergruß - die überzogene körperliche Strammheit macht den Unernst leicht erkennbar. Ein Bild als Pointe. Es stammt ebenso aus den frühen 1930er Jahren wie das Gruppenfoto, auf dem einer der Kabarettisten die Hakenkreuzbinde trägt - geschminkt als Clown.

Dass die Geschichte der Roten Spatzen eine relativ kurze ist, liegt in erster Linie an ihrer Spezialität, die Nationalsozialisten der Lächerlichkeit preis zu geben. Unter Hitler war jede Kunstform unerwünscht, in der Potenzial lauerte, das Gefüge der Machthaber in Frage zu stellen. Die Spatzen gehörten in der Region zu den bedeutendsten Kabaretts, die mit antimilitaristischen und antifaschistischen Programmen durch das Land tourten - neben der "Roten Rotte" aus Zeitz und den "Roten Ratten" aus Dresden.

Historisch wertvolles Material über die Leipziger Gruppe erreichte im vergangenen Jahr Bernd-Lutz Lange. Der Autor, Gründungsmitglied der Academixer, erhielt einen dicken Umschlag von Karen Richter. Die in Rostock lebende Tochter des ehemaligen Spatzen-Mitglieds Erich Töpfer (1907-1987) hatte Lange bei einer Lesung in Warnemünde getroffen, von der Gruppe erzählt - und ihm kurz darauf einen Umschlag fertig gemacht mit allen noch vorhandenen Unterlagen: Fotos, Zeitungskritiken, Notizen, Programm-Manuskripten. "Mein Vater sprach immer voller Stolz von ,seinem Kabarett' und so habe ich ein gutes Gefühl, das Wenige, das noch da ist, in kompetente Hände zu geben", schreibt sie.

Proletarisches Kabarett - die Untertitelung machte die künstlerische Stoßrichtung klar. In Kurzszenen und Liedern beleuchtete die Gruppe die Situation der Arbeiterklasse, zog den aufkommenden Nationalsozialismus durch den Kakao und bezog klare Position gegen alles Militaristische. In Wahlperioden hatten die Spatzen Hochkonjunktur, um für die Ziele von SPD und ihren Verbänden zu werben.

Zum regelrechten Ritual wurde das stets gleiche Entrée, das manche Bühnen noch heute als Ur-Mittel der Eröffnung praktizieren: Zur "Spatzenmarseillaise" lugt an vier Stellen des geschlossenen Vorhangs nacheinander ein Darstellerkopf hervor - bis ein Schuss ertönt und die Vögel auseinander flattern.

Den "Tanz der Arbeit" vollführte ein Spieler zu eingespielten Maschinengeräuschen; ein Sklave der Maloche, der am Ende ausgepumpt zu Boden fällt. Im Chanson "Die rote Melodie" beschwört ein Sprecher die Bataillone gefallener Soldaten aus ihren Gräbern. Offenbar besonders gefeiert wurde eine weitere Antikriegs-Nummer, von Kurt Tucholsky stammend: In "Kopf ab zum Gebet" warnen die Skelette dreier gefallener Soldaten des Ersten Weltkriegs ihre Nachkommen, kein ähnliches zweifelhaftes Heldentum wie sie anzusteuern. Eine lockere Unterhaltungsnummer voll Mutterwitz hingegen lieferten sie mit "Der brave Soldat Schwejk im Himmel", und Gelächter erntete auch eine Verulkung der Ufa-Wochenschau.

Zum Ende der Auftritte in Ortsvereinen sangen Kabarettisten wie Zuschauer die "Internationale"; die Spatzen bespielten jedoch auch große Säle wie den Felsenkeller, die Kongreßhalle am Zoo oder das Centraltheater. Beim ersten Gastspiel in Borna am 4. Oktober 1927 vermerkt Erich Töpfer in seinen Aufzeichnungen: "Unser Gepäck bestand aus einem Pappkarton und vier Ledertaschen + 1 Klampfe".

In einem weiteren Heftchen hat der Mitbegründer die Gastspiele ab 1929 aufgeführt; jeder Leipziger Stadtteil wurde abgeklappert, dazu beispielsweise Rochlitz, Burgstädt, Halle, Bautzen, Colditz. Fürs Jahr 1930 stehen 34 Vorstellungen zu Buche, 1932 sind es 88.

Zu Beginn der Laufbahn wurde das zunächst offenbar namenlose Ensemble, das sich ab 8. Mai 1928 Die Roten Spatzen nannte, keineswegs immer bejubelt, wie ein Eintrag Töpfers von 1927 verrät: "Stürmische 7. Aufführung am 11. Dezember in der Kuppelhalle. Wir wurden mit Brot beworfen."

Unter den Namen der über 30 Beteiligten in gut fünf Spatzen-Jahren taucht auch Max Schwimmer auf. Der später so bedeutende Maler und Grafiker (1895-1960) steuerte Zeichnungen bei, die unter anderem in der Leipziger Volkszeitung abgedruckt wurden.

Warum die Gruppe kurzzeitig bereits am 23. März 1932 "laut Notverordnung" verboten wurde, wie Töpfer einträgt, ist unklar; die Sperre hält jedoch nicht lange - noch nicht: Ab 1. April ist der Auftrittskalender voll wie nie zuvor.

Kurioses wie Bestürzendes vereint die letzte Seite der handschriftlichen Auftrittsliste: Die 299. Vorstellung der Spatzen fällt auf den 3. 3. 33. Die letzte Zeile ziert lediglich die stolze "300" - und bleibt frei. Hier endet die Geschichte des proletarischen Leipziger Kabaretts - jegliche Form geistvoller Zeitkritik ließ Joseph Goebbels als Leiter der Reichskulturkammer verbieten, manche Akteure wurden verfolgt.

Erich Töpfer und Mitstreiter blieben verschont. "Mein Vater hat sich den Jahren darauf zu Feierlichkeiten mit ihnen getroffen", berichtet die 1935 geborene Tochter Karen Richter. Um im Zweiten Weltkrieg nicht an die vorderste Front zu müssen, arbeitete der gelernte Maurer für die Organisation Todt, eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe, die vor allem für Baumaßnahmen in den von Deutschland besetzten Gebieten eingesetzt wurde. "Das hat ihn wegen seiner politischen Haltung in einen tiefen Gewissenskonflikt gestürzt", weiß Karen Richter, "er sprach wenig darüber". Nach dem Ende des Irrsinns studierte Töpfer und arbeitete als Bauingenieur.

Die Unterlagen, die ihr Vater hinterließ, hütete Richter wie einen Schatz - unschlüssig, wie bedeutsam die Dokumente sein mochten. "Sehr bedeutsam", betont Kabarettist Bernd-Lutz Lange. Er plant, das Material über die Roten Spatzen dem Stadtgeschichtlichen Museum zu übergeben. Karen Richter ist begeistert, dass die künstlerischen Spuren ihres Vaters und seines Ensemble bewahrt werden. "Er wäre sehr, sehr glücklich darüber."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.12.2013

Mark Daniel

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