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Willkür in Zeiten des Kalten Krieges: Josef Haslingers Roman „Jáchymov“ erscheint

Willkür in Zeiten des Kalten Krieges: Josef Haslingers Roman „Jáchymov“ erscheint

An diesem Freitag erscheint Josef Haslingers Roman „Jáchymov“. Darin spürt der österreichische Schriftsteller, der seit 1996 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt, dem Schicksal des tschechischen Eishockey-Stars Bohumil Modrý nach, der 1950 verhaftet und zur Zwangsarbeit in die Uranminen von Jáchymov geschickt wurde.

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Letzter Triumph: 1949 wird Torhüter Bohumil Modrý mit der Eishockey-Nationalmannschaft als Weltmeister gefeiert. Ein Jahr später kommt er ins Gefängnis.

Quelle: CTK dpa

Leipzig. 1963 starb er an den Folgen der Verstrahlung. Dies ist auch eine Geschichte Europas – spannend erzählt mit Empathie und Haltung.

Als die Eishockey-Nationalmannschaft im Winter 1949 als Weltmeister aus Stockholm zurückkehrte, wurden die Spieler am Prager Bahnhof wie Staatsgäste empfangen. Mit Reden, Glückwünschen, Sekt. „Man musste den Eindruck haben, die Regierung liebte diese Eishockeymannschaft“, schreibt Haslinger. Doch sie liebte nur die Siege, um die Überlegenheit der Gesellschaftsordnung zu demonstrieren. Seit der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei 1948 gab Stalin den Ton an.

Vor wenigen Wochen noch hatten die Spieler des LTC Prag sich beim Spengler Cup in Davos die Köpfe heiß geredet, ob sie emigrieren sollten. Angebote britischer oder kanadischer Profi-Mannschaften lockten. Auf der anderen Seite drohten Repressalien für die Familien daheim. Es war ein „innerer Kampf zwischen Emigration und der Liebe zur Heimat“.

Torhüter Modrý, ein international begehrter Star, wollte nicht wegbleiben, abhauen. Er wollte mit seiner Familie ins kanadische Ottawa – mit einem Ausreisevisum für zwei Jahre. Es wurde ihm verwehrt. Da verließ er die Mannschaft und suchte sich Arbeit als Bauingenieur. Es hat ihn nicht gerettet.

In seinem neuem Roman „Jáchymov“ wirft Josef Haslinger einen gegenwärtigen Blick auf die Vergangenheit. Entlang der historischen Fakten, orientiert an Verhörprotokollen, Akten, Briefen und den Erinnerungen der Tocher des Torhüters, gelingt ihm packende Literatur, die  aufklärt und aufarbeitet – auch die Instrumentalisierung des Sports. Dazu lässt er einen Verleger, Anselm Findeisen, auf jene Tochter treffen. Blanka Modrý, eine Schauspielerin, kennt Haslinger tatsächlich. Im Roman lässt er sie in der fiktiven Figur der „Tänzerin“ auftreten, die an einem Manuskript schreibt, zu dem Findeisen sie ermuntert, sogar drängt, seit die beiden sich zufällig im Grandhotel von Jáchymov kennengelernt haben.

In dem ehemaligen k.u.k-Kurort St. Joachimsthal auf der tschechischen Seite des Erzgebirges, 20 Kilometer von Karlovy Vary entfernt, will Findeisen seinen Morbus Bechterew behandeln lassen, eine rheumatische Erkrankung, die die Gelenke versteifen lässt, den aufrechten Gang zur Tortur macht. Er sucht also dort Heilung, wo Modrý 60 Jahre zuvor in den Uranminen krank gemacht wurde. Dieses Wissen verändert den Blick: „Aus einem Heilbad mit Grandhotel war ein System von Konzentrationslagern geworden, mit dem ein kommunistischer Staat dem großen Bruder den Gefallen getan hatte, für dessen unermesslichen Hunger nach Uran einen Teil der eigenen Bevölkerung zu opfern.“ Hier waren die Arbeitslager für erst russische, dann deutsche Kriegsgefangene und ab 1949 für tschechische und slowakische Strafgefangene – neben Kriminellen aller Art, Nazikollaborateuren und Faschisten die besten Köpfe des Landes: Priester, Philosophen, Sportler. „Wer nach 1948 durch eigenständiges Denken auffiel, kam ins Gefängnis.“ So wurde Jáchymov zum Synonym „für die brutale Behandlung politisch Andersdenkender“, sagt Haslinger in einem Interview. In dieser Symbolhaftigkeit scheint es vergleichbar mit dem deutschen Bautzen.

London 1950. Die Eiskunstlauf-Weltmeisterin Alena Vrzánová hatte gerade um politisches Asyl gebeten. Kurz darauf begann die Eishockey-WM. Doch die Nationalmannschaft durfte unter einem Vorwand nicht fliegen, stattdessen wurde sie beim Wut-Gelage in einem Gasthaus verhaftet. Völlig überrumpelt. „Die Grausamkeit, die auf sie zukam, konnten sich alle nicht vorstellen“, schreibt Haslinger, der die Ereignisse jener Tage rekonstruiert und damit das gesellschaftliche Klima, in dem die Mannschaft „bei der sich neu ausbreitenden Mode der Unterwürfigkeit nicht mitmachen zu müssen meinte“.

Gut ein halbes Jahr später lautete die Anklage auf Hochverrat, Spionage und Störung der sozialistischen Staatsordnung. Bohumil Modrý wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. „Die Frage, wer wen denunziert hat, steht bei den Überlebenden der Eishockey-Nationalmannschaft von 1950 bis heute im Raum. Sie ist ein Teil ihres Lebens geworden.“

Haslinger erzählt auf mehreren Ebenen. Da ist zum einen Verleger Findeisen, der durch die Kur und die Begegnung mit der Tänzerin auch in die eigene Vergangenheit eintaucht. Als Ostberliner kam er wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis, wurde 1973 freigekauft und floh aus dem „Umfeld von ideologiegesteuerten Menschen“ aus Westberlin nach Wien. Dort lebt seit 1972 auch die Tänzerin. Ihr Manuskript ist es, das mit Fakten und poetischen Sequenzen zum Spiegel der Biographien wird.

Haslinger überlässt es Findeisen zu sagen, warum er dieses Buch geschrieben hat: „Gerade hier, wo man gerne im Windschatten der Geschichte gelebt hat, müssen solche Geschichten erzählt werden. Damit die Leute Europa verstehen lernen.“ Darauf antwortet die Tänzerin: „Mir geht es nicht um Europa, mir geht es um meinen Vater.“ Und seinem Wiener Arzt, der von all dem gar nichts ahnte, sagt Findeisen: „Die einen wollten es nicht wahrhaben und die anderen haben solche Berichte gerne benutzt, um nicht vor der eigenen Tür kehren zu müssen.“ Haslinger stellt sich dieser osteuropäischen Vergangenheit literarisch, indem er sich auch als Aufklärer versteht und nicht scheut, Chronist zu sein.

Josef Haslinger liest aus „Jáchymov“ am 14. September, 20 Uhr, im Leipziger Haus des Buches, Gerichtsweg 28

Josef Haslinger: Jáchymov. Roman.S. Fischer Verlag;272 Seiten,19,95 Euro

Janina Fleischer

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