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Winter-Rundgang in der Leipziger Spinnerei: Eine Auktion als Performance und viele Kunstimporte

Winter-Rundgang in der Leipziger Spinnerei: Eine Auktion als Performance und viele Kunstimporte

Das Anliegen ist ernst. Günther Meyer, jenes aus einer Symbiose des Autors Clemens Meyer mit dem Galeristen Uwe-Carsten Günther hervorgegangenen Zwitterwesen, macht aber eine Gaudi daraus.

Halle 14, eine gemeinnützige Einrichtung, die sich nicht aus dem Verkauf von Kunst finanzieren kann, braucht Geld. Und die ansonsten naturgemäß auf eigenen Gewinn ausgerichteten Privatgalerien des Spinnereigeländes und ihre Stammkünstler haben Grafiken, Zeichnungen, Gemälde gar, gespendet, demonstrieren damit, dass sie das etwas andere Angebot dieses Kunstzentrums zu schätzen wissen.

Politisch völlig unkorrekt mit schottischem Whisky und sächsischen Zigaretten auf dem Podium begrüßt der doppelköpfige Günther Meyer zunächst die "heterosexuell orientierte Randgruppe", um sodann die Werke unters versammelte Volk zu bringen, das die Raumkapazität des Besucherzentrums austestet. Es sind bekannte Namen darunter, die Aufrufpreise liegen deutlich unter den in den jeweiligen Galerien üblichen Dotierungen. Schnäppchen sind also möglich, soweit nicht ein Bieterkampf entbrennt wie gleich bei Nummer 1, einem Aquarell von Hans Aichinger.

Bei den neuen Ausstellungen der Spinnereigalerien fällt auf, dass der Leipzig-Faktor keine vordergründige Rolle spielt. Mit Ausnahmen. Die bedeutendste davon sind die Malereien von Tilo Baumgärtel in der Galerie Kleindienst. Baumgärtel gehört natürlich zu den großen Namen jener Generation von Malern, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts dem Standort internationale Geltung verschafften. Ganz in der Traditionslinie dieser mehrdeutig verschlüsselten Bildsprache stehen auch seine frischen Arbeiten.

Einen Heimkehrer zeigt die Galerie Josef Filipp. Fabian Lehnert hat in Braunschweig studiert, lebt jetzt wieder in Leipzig. Seinen zarten Zeichnungen und Drucke wurden mit kräftigen Malereien von Sten Gutglück kombiniert, der noch an der HGB studiert. Gemeinsam ist beiden die Vorliebe für Tiere, tot oder lebendig.

Dass die Pariser Galerie Estace internationale Kunst zeigt, ist naheliegend. Diesmal ist es der sich Shuck One nennende Franzose, der aus der Street Art kommt. Die ebenfalls in Paris ansässige Galerie Dukan, Neuzugang in der Maisonnette, präsentiert zur Eröffnung Nina Fowler mit Zeichnungen nach Filmstills.

Doch auch andere Galerien setzen diesmal auf Auswärtige. Bei ASPN ist es der Düsseldorfer Jochen Mühlenbrink mit gemalten Augentäuschungen, im Archiv Massiv der Hesse Caspar Hüter mit einem Hurrican im Baumarkt. Der Laden für Nichts hat den Berliner Fabian Fobbe mit farbintensiven Bildern zu Gast. Ebenfalls aus der Hauptstadt kommt Sebastian Neeb, aus der nordsächsischen Provinz Thomas Sommer. Sie treffen in der Maerzgalerie aufeinander. Von Neeb sind humorvolle Objekte zu sehen, von Sommer Schaukästen und Gemälde.

Schließlich gibt es noch eine Provokation, die weder in sexuellen Anzüglichkeiten, noch in politischer Radikalität besteht. Julian Plodek, der auf Burg Giebichenstein studiert hat, malt Bilder in einer strikt konventionellen Manier, die eher in Einrichtungshäusern beheimatet ist. Hier, im Kontext der "großen Kunst", wirkt dieser Versuch der Rückeroberung verlorenen Terrains ziemlich irritiernd.

Zu den Überraschungen gehört, dass ausgerechnet in zwei als besonders umsatzstark geltenden Galerien Werke zu sehen sind, die sich kaum an private Sammler verkaufen lassen. Mehr noch, beide Videoinstallationen sind kapitalismuskritisch. Was vor wenigen Jahren noch als schwerer Ausnahmefehler im Betriebssystem Kunst galt, ist heute offensichtlich selbst marktkompatibel geworden.

Bei Jochen Hempel sucht Bertram Haude nach dem "Hidden God of Material Fulfillment". In der Draufsicht, quasi aus göttlicher Perspektive, zeigt er das Sprudeln eines Kaufhausspringbrunnens, unterlegt mit der dazu passenden Fahrstuhlmusik. Bei Eigen + Art hingegen beschäftigt sich das Berliner Duo Nina Fischer und Maroan el Sani mit der Tsunamikatastrophe in Japan. Da sie die direkte Darstellung ihrer Auswirkungen vermeiden, gewinnen sie dem Drama eine poetische Dimension ab.

Gut 30 000 Euro hat die Benefizauktion in Halle 14 nach dreieinhalb Stunden eingebracht. "Das entspricht genau den Erwartungen", resümiert Sophia Littkopf, Geschäftsführerin der Einrichtung. Den Spitzenwert erreichte ein Gemälde von Steven Black mit 4200 Euro. Doch auch 1200 Euro für eine Fotografie von Ricarda Roggan, telefonisch von einer Bieterin in New York ersteigert, sind bemerkenswert.

Dass am Ende Günther Meyer sogar noch Tisch und Hammer verhökerte, war gar nicht vorgesehen, hilft aber, dass das Kunstzentrum zum Rundgang Anfang Mai eine Ausstellung anbieten kann, die eine Ergänzung zu den kommerziellen und zugleich solidarischen Nachbarn darstellt.

iDetails zu den einzelnen Ausstellungen unter www.spinnereigalerien.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.01.2014

Jens Kassner

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