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"Wir bräuchten Medienerziehung auch für Erwachsene" - 1. Kulturopolitischer Salon

"Wir bräuchten Medienerziehung auch für Erwachsene" - 1. Kulturopolitischer Salon

Beim 1. Kulturpolitischen Salon standen Bildungskonzepte und Medienkonsum im Mittelpunkt. Auf dem Podium saßen unter anderem der Kriminologe Christian Pfeiffer und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.

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Alleingelassen mit der Medienwelt?

Quelle: dpa

Leipzig. Antworten werde es an diesem Abend keine geben, sagt Moderatorin Stefanie Jung zur Begrüßung. Man ahnt es angesichts des Themas. Dieser 1. Kulturpolitische Salon am Montagabend in der Moritzbastei war eingebettet in den 17. Literarischen Herbst.

Künftig soll er zwei Mal jährlich stattfinden. Das Podium ist hochkarätig besetzt, die Veranstaltungstonne nur spärlich. Es fehlen vor allem die, um die es geht unter der Überschrift: "Bildungskonzepte kontra Medienkonsum und Gewalttätigkeit".

Zuerst streicht Christian Pfeiffer die "Gewalttätigkeit", später Olaf Zimmermann das "kontra". Der eine, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, ist immer für gewagte Thesen gut, die er gern aus Prozentzahlen ableitet; der andere, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, argumentiert gesellschaftspolitisch und gerät nur kurz ins Stocken, bevor er resümiert, dass sich das kapitalistische System ändern müsse und wir "ein bisschen utopielos" seien. Damit spielt er an auf eine massive Veränderung der Familienstrukturen, was wiederum mit der veränderten Arbeitswelt, mit Beschleunigung und Überhitzung zusammenhänge. "Das bedeutet, dass die Leute sehr viel arbeiten müssen - oder überhaupt keine Arbeit haben. Und beides ist für die Kinder ganz offensichtlich schädlich." Und zwar ebenso was die Bildung betrifft wie auch die Medienkompetenz.

Ob zu viel Medienkonsum Kinder "dick, krank, dumm und traurig" macht (Pfeiffer), wie das vom Bildungsstand ihrer Eltern abhängt und wie sogenannte bildungsferne Kinder erreicht werden können - darum soll es gehen. Und es gibt, wie gesagt, keine Antworten. Dafür Zahlen und Mängellisten.

Während Zimmermann von Kindern und Jugendlichen spricht, unterscheidet Pfeiffer zwischen den Geschlechtern. Wenn er zum Beispiel vorrechnet, dass es bei den Studienabsolventen mal 64 Prozent Männer und 36 Frauen gegeben habe, es inzwischen 48:52 stehe und angesichts der Zusammensetzung der Erstsemester jetzt schon klar sei: "In fünf Jahren sind wir bei 45 zu 55 Prozent", dann mag das statistisch interessant sein, es bleiben aber Zweifel an der Schlussfolgerung: "Das verkraftet Deutschland nicht angesichts des demographischen Wandels, wo wir um jeden jungen Menschen kämpfen müssen, weil die Mangelware sind."

Pfeiffer tritt also als Anwalt der Jungen auf, die pro Tag knapp 2,5 Stunden Computerspiele spielen, während Mädchen darauf nur 45 Minuten verwenden. Von den Jungen rutschen knapp 8 Prozent in suchtartiges Spielen, was nur 0,8 Prozent der Mädchen passiert. "Je intensiver der Medienkonsum ist, und je brutaler die Inhalt sind, um so schlechter fallen die Noten aus", sagt Pfeiffer.

Warum aber sind die einen so anfällig? Weil die "Dominanz der Stammhalterrolle in der Gesellschaft" aufgeweicht sei, was wiederum zur Folge habe, dass Jungen weniger Zuwendung erfahren - sowohl durch die Eltern als auch in Kindergarten und Grundschule. Und das wirke sich als Verunsicherung massiv aus. "Die zu kurz kommen, die mit Scheidungen der Eltern, Trennungen, mit viel Stress belastet sind, die sind in Gefahr, Verlierer zu werden. Und wer Verlierer ist - irgendwo braucht er seine Streicheleinheiten -, der bekommt die wunderbare Belohnungsstruktur der Computerspiele als Rettungsanker fürs eigene Selbstbewusstsein."

Da der Medienkonsum in den Kinderzimmern auch von der Bildung der Eltern abhängt, plädiert Pfeiffer für Ganztagsschulen, die "nicht Kinderbewahranstalten mit Suppenküche" sind, sondern "wirklich Lust auf Leben wecken". Dies sei aber auch "ein gewisses Armutszeugnis für eine Gesellschaft", findet Zimmermann, wenn es als letzte Chance erscheint, Kinder aus den Familien und Jugendliche aus den Wohngebieten herauszuholen - nachdem in den letzten Jahren "Jugendzentren und Begegnungsstätten zurückgefahren" wurden.

Mit Sibylle Nowak sitzt eine Frau auf dem Podium, die sich damit auskennt. Sie ist Schulleiterin an der Leipziger Clara-Schumann-Grundschule, hat Klavier und Musikpädagogik studiert. Sie sieht ihre Ganztagsschule als "vielfältige und komplexe Lern- und Lebensumgebung", in der die Schüler sich "zu sozialen, mitfühlenden Lebewesen entwickeln können" mit "Leidenschaften neben dem normalen Lehrplan". Dafür werden Theaterpädagogen, Tänzer, bildende Künstler engagiert. "Wir haben im Prinzip überhaupt keinen Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen und einen sehr geringen Medienkonsum." Doch solche Schulen sind Ausnahmen.

Thomas Wagner, als Online-Marketing-Berater der Internetexperte in der Runde ist - wie alle - gegen Verbote und Einseitigkeit. "Zum Beispiel Fußball: Jedes Kind sollte heutzutage mit dem Ball draußen gespielt, sich die Knie aufgeschlagen haben", aber gleichzeitig wissen, wie man sich digital mit der Welt vernetzt.

Dass die Probleme bei den Erwachsenen beginnen, wird Olaf Zimmermann nicht müde zu betonen. Sie leben sowohl die permanente Nutzung vor als auch eine Form der Kommunikation, bei der sich in Foren Hass Bahn bricht. "Wir bräuchten eigentlich auch Medienerziehung für Erwachsene." Und "wir brauchen, um gute Bildungspolitik zu machen, eine Föderalismusreform", damit Geld und Projekte eher gelenkt als blockiert werden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.10.2013

Janina Fleischer

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