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"Wir haben so ein bisschen rebelliert": Bürger Lars Dietrich über seine DDR-Revue

"Wir haben so ein bisschen rebelliert": Bürger Lars Dietrich über seine DDR-Revue

Kaum hat Bürger Lars Dietrich den Hörer aufgelegt, meldet sich der Leipziger Veranstalter des für diesen Freitag geplanten Gastspiels von "Dietrichs Demokratischer Republik" im Felsenkeller.

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DDR-Gemütlichkeit, wie sie Volker Zack, Bürger Lars Dietrich und Tanja Wenzel (von links) erlebt haben. Mathias Schlung (ganz rechts) ist hingegen in Göttingen aufgewachsen.

Quelle: Robert Jentzsch

"Aus produktionstechnischen Gründen" - was meistens auf einen dürftigen Vorverkauf hindeutet - werde die DDR-Revue des Rappers und Entertainers kurzfristig verschoben. Als Nachholtermin ist nun immerhin ein geschichtsträchtiges Datum anvisiert: der 9. Oktober. Ursprünglich 2012 für das Theater Wechselbad der Gefühle in Dresden entwickelt, lässt der 42-Jährige in der Show an der Seite namhafter Schauspieler den Alltag im realexistierenden Sozialismus auferstehen.

Was können Nachgeborene und Westdeutsche aus "Dietrichs Demokratischer Republik" lernen?

Zum Beispiel, welche große Rolle der Abschnittsbevollmächtigte spielte. Als ich die Idee zu dem Stück hatte und über die Charaktere nachdachte, war Volker Zack der erste, der mir für die Besetzung des ABV einfiel. Der ABV, der in meinem Wohnbezirk regierte und sein Unwesen trieb, war genau so ein Typ wie er. Kleiner Mann mit kleiner Uniform, aber einem sehr großen Mundwerk. Und einem großen Drang nach Autorität. Nach Respekt, den er anderen einflößen wollte. Wir bringen da sehr lustige Alltagssituationen auf die Bühne.

Was passiert denn?

Ich sitze im Wohnzimmer und gucke heimlich Westen. Da klingelt die Nachbarin, weil sie mitgucken möchte. Aber ich schicke sie weg. Als es noch mal klingelt, lass ich den Fernseher einfach laufen. Vor der Tür steht diesmal jedoch der ABV. Das ist immer ein Brüller.

Wobei eine solche Situation seinerzeit vielleicht nicht immer lustig war. Fürchten Sie den Vorwurf der Ostalgie?

Nein. Denn der DDR-Alltag bestand ja die ganze Zeit daraus, aufzupassen, was man sagt und macht. Der ABV als unsere Staatsgewalt hat unseren Alltag nicht gerade versüßt, und das zeigen wir. Würden wir einen normalen Ostalgie-Klamauk machen, wäre Herr Zack gar nicht dabei. Wie Tanja Wenzel, die die Nachbarin spielt, und ich ist er in der DDR geboren - und gegenüber ostalgischer Verklärung sehr kritisch eingestellt. Wir stellen den Alltag von DDR-Bürgern dar, die vielleicht versucht haben, so wenig wie möglich anzuecken, und daher nicht so viel Stress mit der Stasi hatten, die aber nicht unbedingt angepasst waren. Wir haben ja trotzdem so ein bisschen rebelliert. Schon, wenn wir Westfernsehen guckten. Und ich hab damals auch den Hiphop für mich entdeckt.

Haben Sie in den 80ern an einer der DDR-Breakdance-Meisterschaften in Leipzig teilgenommen?

Nee, komischerweise war für uns immer Dresden der Hort für Hiphop im Osten. Da hat man auch die ganzen Leipziger getroffen. In Radebeul gab's ja diese Rap-Contests in der Tonhalle. Auf DT64 rief Lutz Schramm alle Hiphopper des Landes auf, sich da einzufinden und Party zu machen: miteinander und nicht gegeneinander dem Hiphop zu frönen. Das war echt toll, es war so ein bisschen mein Woodstock. Mehrere Tausend Kids aus dem Osten, bunt angezogen, individuell gestylt. Wir übernachteten draußen in Zelten. Schade, dass die DDR-Hiphop-Szene nach der Wende komplett zersprungen ist. DDR-Hiphop hatte einen ganz eigenen Klang.

... der sich offensichtlich im West-Rap aufgelöst hat. Ihr Regisseur Matthias Kitter ist ja auch ein Wessi. Muss denn der Chef immer aus dem Westen kommen?

Nee, nee, nee, nee. Der Chef bin ja trotzdem noch ich. Ich habe mir Herrn Kitter geholt, weil ich in der "Wochenshow" die Erfahrung gemacht hatte, dass er ein gutes Gefühl für Gags besitzt und das inszenieren kann.

Woher kamen denn Ihre Vorbilder, als Sie als junger Mensch davon träumten, selbst Entertainer zu werden?

Ich hab ja überhaupt ganz viel Fernsehen konsumiert. Und zwar die Peter-Alexander-Show ebenso wie Kessel Buntes. Heinz Erhardt fand ich toll, aber eben auch Herricht und Preil. Für mich war immer klar, dass man als Entertainer singen und tanzen muss. Wie im Kessel Buntes. Das war zu Ostzeiten wahrscheinlich das Ziel: da hinzukommen.

Sie sind mittlerweile mit einigen Oststars aufgetreten. Was bedeutet Ihnen das als einstiger Fan?

Ich genieße das sehr. Mit Frank Schöbel habe ich zum Beispiel "Komm, wir malen eine Sonne" im Fernsehen performt. Das war für mich ein toller Moment. Solche Stars waren für mich in meiner Kindheit jeden Tag präsent. Die dann zu treffen: Da hat man beinahe ein familiäres Gefühl. Und gerade Frank Schöbel ist zudem so natürlich geblieben. Er stellt sich gar nicht über dich. Auch Angelika Mann ist eine herzenstolle und lustige Frau. Ich dachte mir immer nur: Mensch, das ist Lakomys Muse. Es gibt da etwas, das uns Ossis verbindet, eine eigene Sprache, in der man sich unterhält.

So dass ein Gespräch automatisch auf Augenhöhe stattfindet?

Ja, und es macht mich wirklich stolz, wenn die das gut finden, was ich da mache. Die Puhdys etwa hatten durchaus ihren Spaß an unserer gemeinsamen Version von "TV-Show". Das ist jetzt nicht ihre stärkste Nummer - sagen sie selber. Aber genau dieses Lied besitzt für mich eine Geschichte: Ich hab damals zu "TV-Show" Breakdance gemacht. Ost-Breakdance-Musik gab's ja nicht, und West-Platten hat man nicht gekriegt. Also holte ich mir diese Puhdys-Scheibe. Deswegen musste ich diesen Song auch irgendwann verwursten.

In welchem Rahmen tanzten Sie damals?

Ich hatte mir zu DDR-Zeiten vor einer Einstufungskommission die Spielerlaubnis geholt. Wir gründeten eine Hiphop-Formation, deren Programm aus verschiedenen Elementen bestand, unter anderem auch Comedy. Wir traten in Diskotheken auf, bei Betriebsfeiern, auf Stadtfesten und haben dafür auch Geld bekommen. Mein Breakdance öffnete mir aber auch die Türen der Palucca-Schule in Dresden. Und dort absolvierte ich eine Ballettausbildung - mit dem Gedanken im Hinterstübchen, darauf vielleicht mal noch eine Schauspiel-Ausbildung aufzubauen.

Sie haben immer wieder in Dresden gelebt, auch die DDR-Revue ist dort entstanden. Was sagen Sie zu Pegida?

Ich möchte da vorsichtig sein. Das ist ein schwieriges Thema. Ich denke, es hat auch viel mit Angst zu tun. Grundsätzlich find ich's gut, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, wenn man irgendein Problem hat. Aber was da offenbar teilweise gesagt oder gerufen wird und wer sich da alles herumtreibt - das ist, glaub ich, doch mit Vorsicht zu genießen.

"Dietrichs Demokratische Republik" mit Bürger Lars Dietrich, Tanja Wenzel, Volker Zack und Mathias Schlung, verschoben auf den 9. Oktober, 20 Uhr, Felsenkeller (Karl-Heine-Straße 32), 33 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.02.2015
Mathias Wöbking

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