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„Wir müssen tierisch aufpassen“

Broilers auf Tour – Frontmann im Interview „Wir müssen tierisch aufpassen“

Die Düsseldorfer Band Broilers entspringt der Oi!- und Punkrock-Szene. Gerade feiern Sammy Amara und Kollegen ihr neues Werk „(sic!)“, das auf Platz eins in den Albumcharts steht, sowie 25-jähriges Bandbestehen. Vor dem Leipziger Konzert sprachen wir mit dem Frontmann (36).

Schon ein Vierteljahrhundert Bandgeschichte: die Broilers.

Quelle: Christian Thiele

Leipzig. Die Düsseldorfer Band Broilers entspringt der Oi!- und Punkrock-Szene. Gerade feiern Sammy Amara und Kollegen ihr neues Werk „(sic!)“, das auf Platz eins in den Albumcharts steht, sowie 25-jähriges Bandbestehen – Amara war gerade mal zwölf, als es mit den Broilers losging. Vor dem Leipziger Konzert sprachen wir mit dem Frontmann.

Eure drei exklusiven Clubshows, das „Warm up“ zur großen Tour, führten euch neben eurer Heimat Düsseldorf und dem wohl unvermeidlichen Berlin auch nach Leipzig. Auch zur großen Tour kommt ihr in die Arena zurück. Woraus besteht eure besondere Beziehung zu dieser Stadt?

Leipzig war immer ausgesprochen gut zu uns. Das liegt hauptsächlich am Conne Island. Das war der erste Laden, der uns eine Chance gegeben und uns von Anfang an wie Freunde behandelt hat. Wir waren Support-Band der Oi-Band Springtoifel. Kleine Großmäuler, die hier aus Düsseldorf ankommen, aber die waren alle so nett zu uns. Wir haben so oft hier gespielt in Leipzig, im Conne Island natürlich, dann später in immer größeren Hallen. Die ganze Gang hier, die Locals, haben das immer mitgemacht: Und so wurde Leipzig, wie wir gern sagen, unsere zweite Heimat.

Ihr schwitzt zusammen mit 500 Leuten in einem verrauchten Club, oder 10 000 Leute singen in einer Arena eure Lieder: Welche Konzerte machen mehr Spaß?

Das macht beides mega viel Spaß. Du hast bei kleinen Läden zwangsweise eine große Intensität und Nähe. Bei großen Hallen musst du dich schon etwas mehr strecken, damit du das erzeugen kannst. Ich habe das Gefühl, dass uns das auch immer wieder gelingt, aber die kleinen Läden sind Selbstläufer, da ist die Luft schon so aufgeladen, bevor es überhaupt losgeht. Das fühlt sich super an. Und es fühlt sich toll an, dass wir diese Möglichkeit haben: kleine Shows spielen, große Shows und Festivals. Alles unterschiedlich, aber unterschiedlich geil.

Mit eurer letzten Platte „Noir“ habt ihr ausgelotet, wie weit der Broilers-Sound in Richtung Pop gehen kann. Hat es Spaß gemacht, jetzt auf „(sic!)“ die Verstärker wieder deutlich mehr aufzudrehen?

Genau das ist es. Ich fände es langweilig, dieselbe Platte noch einmal aufzunehmen, das kickt mich nicht. Wenn andere Bands das machen – okay, aber für uns ist das nichts. Wir haben überlegt, was machen wir? Sollen wir ein Konzept auspacken? Und dann haben wir entschieden: Nein, wir probieren einfach mal. Wenn du dich im Pop bewiesen hast, hast du dann auch Bock, wieder das Gegenteil zu machen. Das hat sich super angefühlt und sehr natürlich. Die Zeit, in der wir leben, ist eine sehr angespannte, da kann man sehr schnell wütend werden. Und da passt dieses Musik-Korsett einfach besser dazu.

Müsste ich dich labeln, würde ich wohl sagen: erfolgreicher Rheinländer Punkrocker mit Hang zu Pathos und Pomade.

(lacht, nickt)

Es gibt Leute, die dich in andere Schubladen stecken. Du beschreibst die Erfahrungen mit Alltagsrassismus von Leuten, die zufällig ein wenig dunklere Haut haben, eindrucksvoll im Song „Wurzeln“: Muss ich annehmen, dass diese Erlebnisse in den letzten zwei, drei Jahren mehr geworden sind?

Es kommt sehr auf die Gegend an, in der ich bin. Umso ländlicher es wird, umso mehr Rassismus spüre ich. Auch versteckten Rassismus, der gar keiner sein soll: Dieser Spruch „Sie sprechen aber ein gutes Deutsch.“ Das klingt vielleicht im ersten Moment wie ein Kompliment, ist es aber nicht.

Jede Zeile auf „Wurzeln“ habe ich genau so erlebt. Ich selber habe mich nie als „Ausländer“ wahrgenommen. Aber bestimmte Leute wollen mir immer erklären, ich sei trotzdem Ausländer, weil mein Vater woanders her kommt und ich schwarze Haare habe. Das nervt. Leider habe ich ausgerechnet in Leipzig ein blödes Erlebnis zur letzten Platte gehabt, was natürlich in jeder Stadt passieren kann. Ich kenne den Stadtteil Connewitz einigermaßen, weil ich häufiger hier bin. Hier gibt es so etwas nicht oder ich habe es hier nie erfahren. Aber als ich dann mal in der Leipziger Innenstadt war, habe ich ganz blöde Sprüche von diversen älteren Pärchen bekommen, ähnlich wie in München. Aber ich weiß auch vor allem von Leipzig, dass es hier viele Menschen gibt, die das Maul aufmachen und überhaupt keine Lust darauf haben, das zu erleben, was unsere Großeltern erlebt haben. Das finde ich toll.

In Eurem Song „Keine Hymnen heute“ heißt es, dass man das Kratzen der Platte, bevor sie sprang, hören konnte. Auch in „Als das alles begann“ singst du darüber, dass wir alles gewusst haben, aber nichts getan: An welcher Stelle sind wir falsch abgebogen?

Ich glaube, das Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 definitiv einen Anstoß geliefert hat. Ich habe ihn immer einen der „Architekten der neuen Rechtsscheiße“ genannt, und das ist so. Wir sind jetzt mittendrin, wir sind nicht an den Anfängen. Wir müssen tierisch aufpassen, dass wir uns zusammenreißen und uns jetzt ganz praktisch diese Frage beantworten: Was hätten wir anstelle unserer Großeltern gemacht?

Was soll man tun? Das Maul aufmachen?

Ja, klar. Da geht es aber auch um Kleinigkeiten: Empathie, offene Arme, Menschen willkommen heißen und nicht zurückweisen. Sich selber reflektieren. Das Gefühl „Fuck, mir geht es gerade mega schlecht“ ist ja vollkommen okay, das kannst du haben. Aber man muss immer auch an die Menschen denken, denen es definitiv beschissener geht, über deren Köpfen Bomben explodieren. In Deutschland zu rufen „Hier gibt es keine Meinungsfreiheit“ ist eine Frechheit. Wenn jemand bei Facebook schreibt, hier gäbe es die nicht, kannst du eigentlich nur darunter schreiben: „Merkste selber, oder?“. (zitiert gedanklich:) „Broilers, die Lakaien der linken Lügenpresse, von Merkel schön bezahlt.“ (lacht)

Apropos was tun: Ihr als Broilers habt euch ja nie davor gescheut, euch klar vor allem gegen rechts zu positionieren, auf „(sic!)“ legt ihr noch einmal eine Schippe drauf. Inwiefern denkst du, stehen Künstler ihrem Publikum gegenüber in der Pflicht, sich in der aktuellen Lage klar zu äußern – vielleicht gerade auch solche, die das nicht automatisch mit ihrer Kunst tun?

Ich denke schon, dass man Haltung zeigen sollte. Ich weiß, warum Helene Fischer das nicht tut, weil sie damit natürlich polarisieren würde und dementsprechend weniger Platten verkaufen. Ich finde das nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich. Wie gesagt, wir sind an einem Punkt angekommen, wo man aufpassen und etwas tun muss. Vielleicht kann man es sich auch noch eine kleine Weile anschauen, aber wenn es noch schlimmer wird, erwarte ich auch von der Madame, dass sie ihr Maul aufmacht. Künstler sind auch Menschen, und Menschen haben Meinungen. Unpolitisch können nur Kinder sein. Von Kindern können wir viel lernen, die gehen durch die Welt und kennen keinen Rassismus. Es gibt diese berühmte Szene, wo ein kleiner Junge auf die Frage, ob in seinem Kindergarten auch Ausländer seien, antwortet: Nein, da sind nur Kinder. So einfach ist das. Klare Haltung ist mir immer lieber. Sich aber unter dem Titel „besorgter Bürger“ zu verstecken, da hakt es. Hinter diesem Scheiß-Synonym verbirgt sich oft einfach blöde, ängstliche Fremdenfeindlichkeit. Wenn jemand wirklich Angst hat, dann finde ich es richtig, mit der Person zu reden und ihr die Angst zu nehmen. Oft passiert das schon dadurch, dass man mal einen sogenannten Fremden kennenlernt und feststellt: Der ist ja gar nicht so schlimm, der hat ja gar keinen Krummsäbel dabei. Wenn aber hinter dieser Angst wieder nur Rassismus steckt, gibt es keine Diskussionsgrundlage. Toleranz ist wichtig, aber wer selbstständig den Menschenhass wählt und Menschen ausschließt aufgrund von Merkmalen, die sie nicht selber ausgewählt haben, der darf keine Toleranz erwarten. Du bist für dein Leben verantwortlich und für deine Taten und daran wirst du gemessen .

Auf Eurem neuen Album heißt es: „Das, was wir noch brauchen ist etwas, woran wir glauben.“: Woran glaubst du?

Ich glaube – und das soll nicht selbstverliebt klingen – an mich. Ich glaube an meine Freunde. Ich glaube, dass man sehr viel schaffen kann, wenn man zusammenhält und statt zu hassen ein bisschen mehr liebt. Ich glaube an das Positive: mehr dafür als dagegen.

Mal angenommen, der Sammy, der 1997 gerade euer Debüt „Fackeln im Sturm“ aufnimmt, würde sich ein Arena- Konzert der Broilers heute anschauen, was würde er sagen?

Ich denke schon, dass er beeindruckt wäre, aber selbstverständlich nicht offen. Damals war ich 17 und wollte ein harter Kerl sein. Da passte es natürlich nicht, dass man etwas, was vermeintlich nach Mainstream stinkt, gut findet. Ich denke aber, dass er insgeheim ein paar Sachen mögen würde. Das sehe ich auch heute bei vielen Skins und Punks, die sagen: Ich gönne der Band das, aber es ist nicht meine Musik. Das ist vollkommen okay. Ich glaube aber, wenn die ein Konzert miterleben, würden sie zumindest sagen: Ja, die meinen es ehrlich.

Wie schaust Du heute auf die Punk- und Oi-Szene? Haben feste Szenen heutzutage überhaupt noch Sinn, wenn auf Festivals der alternative Nachwuchs mittlerweile gleichermaßen zu Punk, Hip Hop und Electro abgeht?

Das hat schon einen Sinn. Die Punk-Szene hat uns viel beigebracht, was auch heute noch hilft: Der Do-it-yourself-Gedanke, der ja nichts anderes sagt als: Du kannst alles schaffen, probiere aus und wenn’s scheiße ist, probiere was Neues. Das finde ich wichtig und wertvoll. Auch die politischen Werte, die aus den Szenen kommen. Es ist schade, wenn Jugendliche auf die Frage „Was hörst du?“ mit „alles Mögliche“ antworten. Lauwarm ist immer langweilig.

Ihr geht ja durchaus konsequent und professionell euren Weg und habt damit großen Erfolg. Gibt es dabei Schattenseiten? Dinge, die als kleine Punk-Combo einfacher waren?

Natürlich ist uns Naivität abhanden gekommen. Je länger du etwas machst, umso professioneller wirst du. Aber zum Glück ist viel Leidenschaft hängengeblieben und auch Aufregung, Sachen auszuprobieren, sich Kindheitsträume zu erfüllen. Klar, wenn ein neues Album erscheint, ist man viel unterwegs. Tage, wo du nur Interviews gibst, gab es damals als kleine Punkband nicht. Da fehlt dir irgendwann auch das zu Hause. Da müssen wir uns gerade wieder daran gewöhnen, dass man hier in seinem U-Boot [gemeint ist der Tourbus] durch die Gegend fährt und dauernd zig Leute um sich herum hat. Das hatten wir ja anderthalb Jahre nicht.

Welche drei Songs würdest du jemandem vorspielen, der noch nie von den Broilers gehört hat?

Unabhängig davon, dass ich gar nicht so gern von mir selbst erzähle, finde ich es manchmal auch super, wenn man die Band nicht kennt, weil ich dann die Chance habe, dass man mich als Menschen schätzt und nicht, weil ich der Broilers-Sänger bin. Ich würde dann natürlich Songs wählen, die mir persönlich viel bedeuten: Das ist zum einen „Irgendwas in mir“ von „(sic!)“, auch wenn ich vielleicht der Einzige bin, der den Song abfeiert. Dann „Zurück in Schwarz“ vom letzten Album und sicher auch „Meine Sache“, einfach weil es wohl der größte Hit der Band ist.

Welche drei deutschen Bands sollte man aktuell unbedingt hören? Außer den Broilers natürlich…

Emscherkurve 77, das sind Freunde von uns und eine unfassbar sympathische Band. Dann die Düsseldorfer Band Massendefekt, die es echt verdient hätte, den nächsten Erfolgs-Schritt zu gehen, das würde mich sehr freuen. Ich bin halt auch irgendwie Jennifer-Rostock-Fan. Das aktuelle Lied „Hengstin“ ist super. Ich finde es richtig, wie sie mit der Sexismus-Debatte umgeht. Die Jenni darf doch selber entscheiden, ob sie Brüste zeigt oder nicht, es sind ihre Brüste.

Und zum Schluss: Die drei wichtigsten (Punk-)Bands ever für dich?

The Clash, ganz klar. Tiger Army. Und im Doppel Social Distortion und Bruce Springsteen. In Bruce steckt sehr viel mehr Punk als man denkt. Er war immer ein politischer Mensch, der Botschaften an die Menschen sendet und sie zum Nachdenken bringt.

Sammy, vielen Dank für das Gespräch.

Danke auch!

Info: Die von Sammy Amara genannten Idole Tiger Army sind beim Arena Konzert als Support mit dabei. Das Konzert in Leipzig steigt am 11. März in der Arena (20 Uhr). Karten gibt es unter anderem für 40,55 Euro im LVZ-Media-Store (Höfe am Brühl, in den LVZ-Geschäftsstellen, unter 0800 2181050 und www.lvz-ticket.de.

Von Karsten Kriesel

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