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„Wir sind die Guten...“ – Autor Hubert Seipel über Putin und die deutschen Medien

Am 25. Februar bei der LVZ „Wir sind die Guten...“ – Autor Hubert Seipel über Putin und die deutschen Medien

Vom KGB-Residenten in Dresden zum mächtigsten Mann Russlands. „Der hat mich interessiert“, antwortet Hubert Seipel (65) auf die Frage, warum er ein Buch über Wladimir Putin geschrieben hat. Mit „Putin – Innenansichten der Macht“ kommt Seipel am 25. Februar nach Leipzig und stellt sich im Hause der LVZ einer Diskussion.

Hubert Seipel: „Putin wird als das Übel schlechthin dämonisiert.“
 

Quelle: dpa

Leipzig. Vom KGB-Residenten in Dresden zum mächtigsten Mann Russlands. „Der hat mich interessiert“, antwortet Hubert Seipel (65) auf die Frage, warum er ein Buch über Wladimir Putin geschrieben hat. Nun gut, große Politiker, zumal wenn sie eine Großmacht führen, sind für Journalisten immer interessant. Worum ging es genau? Seipel: „Ich wollte wissen, wie er tickt – politisch.“ Über eine Doku für die ARD kam Seipel 2008 an Putin heran und hat ihn danach über mehrere Jahre immer wieder begleitet, beobachtet und interviewt – zuletzt im Juli 2015. Die Essenz hat er zwischen zwei Buchdeckel gepresst: „Putin – Innenansichten der Macht“. Damit kommt Seipel am 25. Februar nach Leipzig und stellt sich im Hause der LVZ einer Diskussion. Wir sprachen im Vorfeld mit ihm.

Herr Seipel, wie tickt denn Putin nun? Ist er der große Böse, den der Westen in ihm gemeinhin immer sieht?

Putin wird als das Übel schlechthin dämonisiert. Er vertritt als Präsident die politischen Interessen Russlands, und die unterscheiden sich nun mal von den Interessen des Westens. Nach den chaotischen Jahren mit Jelzin nicht gerade ein einfacher Job. Politisch betrachtet, ist Putin einerseits sehr sicherheitsorientiert. Andererseits versucht er, den Russen wieder eine Identität zu geben – eine schwierige Balance zwischen Patriotismus und Nationalismus. Putins Credo: 70 Jahre Sowjetunion – das war nicht die ganze Geschichte Russlands. Da war viel mehr, auch die Zarenzeit, und deshalb gibt es auch wieder Ausstellungen über die Romanows oder eine Stärkung der russisch-orthodoxen Kirche. Und was uns angeht: Der Mann hat eine große Affinität zu Deutschland – aus seiner Dresdner Zeit. Und er spricht richtig gut deutsch.

Als Putin an die Macht kam, war Russland in einer ganz schwierigen Lage. Wirtschaftskriminelle hatten das Land ausgeplündert und dabei den Präsidenten, Jelzin, quasi zu einer Marionette degradiert. Hat Putin für Russland so etwas wie das Primat der Politik zurückerobert, so etwas wie Staatlichkeit überhaupt wieder hergestellt?

Keine Frage, das ist so. Unter Jelzin herrschte Raubtierkapitalismus. Namen wie Beresowski oder Abramowitsch stehen für die Neureichen Russlands. Sie bereicherten sich maßlos, wurden über Nacht Milliardäre, während die Masse der Russen jeden Tag neu ums Überleben kämpfte. Der Oligarch Michail Chordokowski brachte es damals auf die Formel: „Unser Kompass ist der Profit.“

Die Oligarchen waren es aber auch, die zusammen mit Jelzin Putin an die Macht brachten. Hatten sie ihn unterschätzt?

Sie hatten gedacht, er sei lediglich ein Verwaltungsfachmann, eine Art graue Maus, ein Mann, der effizient in ihrem Sinne arbeiten und für sie die gewinnbringende Privatisierung von Staatsbetrieben weiter vorantreiben würde. Mit anderen Worten: Keine Gefahr.

Sie haben sich geirrt, Putin hat relativ schnell Exempel statuiert. Chordokowski verschwand 2003 für zehn Jahre im Gefängnis. Spielte beim Durchgreifen à la Putin eine Rolle, dass er vom Geheimdienst kam?

Auch. Was hat er gemacht, als er an die Macht kam? Es lief wie im wirklichen Leben: Er hat sich mit Leuten umgeben, die er kannte, auf die er sich verlassen konnte. Die kamen zum Teil vom KGB, wie zum Beispiel Sergej Iwanow, der auch bei der Auslandsaufklärung war und heute Chef der Präsidialadministration ist. Aber Putin holte auch Fachleute aus der Verwaltung, die er aus seiner Zeit als stellvertretender Bürgermeister in Petersburg kannte, nachdem er 1990 seinen Job beim Geheimdienst quittiert hatte.

Aus der innenpolitischen Stärkung erwuchs auch außenpolitisch ein neues Selbstbewusstsein. Erst Mittwoch gab die Nato bekannt, dass sie ihre Truppenpräsenz in Osteuropa ausweiten will – als „Signal“ an Russland. Putin hat schon 2007 in seiner „Brandrede“ in München die Nato-Osterweiterung scharf kritisiert.

Das war eine Warnung – und nicht die erste, die wir nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollten, wie Außenminister Steinmeier später einmal eingeräumt hat. Erst mal muss man feststellen, dass die Nato das wohl mächtigste Militärbündnis ist und keine Heilsarmee. Und deshalb ist das auch eine Kernfrage des neuen Ost-West-Konflikts. Es gibt keinen schriftlichen Vertrag über die Nichtausdehnung der Nato, aber es hat mündliche Zusagen und Absprachen gegeben, das schreibe ich auch in meinem Buch.

Zum Beispiel?

In einem Vermerk des Auswärtigen Amtes über ein Gespräch von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit seinem russischen Kollegen Eduard Schewardnadse vom 10. Februar 1990 heißt es: „BM (Bundesminister): Uns sei bewusst, dass die Zugehörigkeit eines vereinten Deutschlands zur Nato komplizierte Fragen aufwerfe. Für uns stehe aber fest: Die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen.“ Am 9. Februar 1990 erklärte US-Außenminister James Baker im Katharinensaal des Kremls: Die Nato werde ihren Einflussbereich „nicht einen Inch weiter nach Osten ausdehnen“.

Nato-Osterweiterung, Raketenschild in Polen zur Abwehr des Irans und dann noch die Ukraine. Da war das Maß bei Putin voll.

Der ehemalige amerikanische Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski hat bereits 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ präzise den Plan beschrieben, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken – und vor allem die Ukraine – herausgebrochen werden müssen aus dem Einflussbereich Russlands, damit Moskau geopolitisch geschwächt wird. Das Rezept Brzezinskis war eindeutig: Erst die EU-Mitgliedschaft und dann die Nato-Mitgliedschaft für die Ukraine. Dass Putin beziehungsweise Russland das als endgültige Aufkündigung der offiziell verkündeten strategischen Partnerschaft mit dem Westen nach dem Ende der Sowjetunion ansah, kann man sich vorstellen.

Wie sehen Sie Putins Rolle im Syrien-Konflikt?

Ohne ihn wird es nicht gehen. Wir waren in Genf 2012 schon einmal ganz dicht an einer Lösung. Damals schaffte es der UN-Vermittler Kofi Annan, für einen kurzen Moment, alle Beteiligten auf einen Kompromiss einzuschwören. Eine gemeinsame Übergangsregierung mit Assad, der dann nach einer bestimmten Zeit zurücktreten würde. Dann aber bestand Hillary Clinton darauf, dass Assad sofort weg müsse, und die Gespräche scheiterten. Damals hatten wir 60 000 Tote in Syrien, heute sind es 260 000 Tote und Millionen Flüchtlinge, die auch auf dem Weg nach Europa sind. Das Ganze ist eine komplizierte Sache: Bei dem Konflikt geht ja auch um einen Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran, um den Kampf von Sunniten gegen Schiiten…

Russland verfolgt in dem Konflikt auch eigene Interessen?

Keine Frage. Welcher Politiker tut dies nicht? Alle verfolgen dort eigene Interessen.

Aber Putin kommt in den deutschen Medien am schlechtesten weg. Er bombardiert die falschen Leute, so der Vorwurf, er hält am Diktator Assad fest und ist auch ansonsten uneinsichtig. Warum hat Putin in Deutschland so eine schlechte Presse?

Seitdem es Krieg gibt, ist immer der andere schuld daran. Das ist nicht erst seit dem Kalten Krieg so. Wir sind die Guten, die anderen die Bösen. In dieser Heftigkeit würden wir nie gegen Obama angehen – ob wegen des Drohnenkriegs in Afghanistan, der NSA-Affäre oder des alltäglichen Rassismus, den es in Amerika gibt. Es ist Teil unseres politischen Erbes aus den Hoch-Zeiten des Ost-West-Konflikts. Diese Haltung haben wir quasi mit der Muttermilch eingesogen. Und dann haben wir Journalisten eine spezielle Grundhaltung, und die ist natürlich immer korrekt. Wir sind durchaus sehr von uns überzeugt und entwickeln dabei oft so eine Attitüde, als ob wir Ärzte wären und unsere Leser Kranke seien. Denen verordnen wir dann gern auch gleich das richtige Rezept. Manchmal ist es besser, nur das darzustellen, was ich belegen kann. Leser oder Fernsehzuschauer sind nicht doof und können sich durchaus selbst eine Meinung bilden.

Am 25. Februar ist Seipel um 19 Uhr zu Gast in der LVZ-Kuppel in Leipzig, Petersteinweg 19, und stellt sich Fragen von Chefredakteur Jan Emendörfer. Tickets für 19,90 Euro (mit Abo für 17,90) gibt es in allen LVZ-Geschäftsstellen und unter der Tickethotline: 0800 2181050

Von Jan Emendörfer

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