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"Wir sind keine Heilsbringer" - Das Neue Schauspiel Leipzig eröffent im Oktober

"Wir sind keine Heilsbringer" - Das Neue Schauspiel Leipzig eröffent im Oktober

Kabarettist Mathias Tretter (Jahrgang 1972) eröffnet am 9. Oktober das "Neue Schauspiel Leipzig" in der Lützner Straße 29. Das Theater sorgt schon vor der ersten Premiere für Aufregung.

Leipzig. Die Geschichte dieses Theaters beginnt mit einem Missverständnis. Im Neuen Schauspiel Leipzig wolle man den alten Zeiten huldigen, einen Zufluchtsort für all die vom Centraltheater Enttäuschten bieten, munkelt die Szene. Ein Passant hält das Quartett, das zur Zeit die Räume an der Lützner Straße renoviert, gar für enttäuschte Schauspieler aus Sebastian Hartmanns Ensemble und wünscht viel Glück beim eigenen Laden. Mathias Tretter, der vor allem als Solokabarettist bekannt ist, zudem mit dem Ersten Deutschen Zwangsensemble vor zwei Jahren den Lachmessepreis errang, amüsiert das: „Mit dem Namen ist uns ein Schlingensiefscher Streich gelungen, Agitprop im besten Sinne.“ Tatsächlich wolle man ein Off-Theater gründen, das sich in keinster Weise in Relation zum Centraltheater setze, sich schon gar nicht als Alternative verstehe. „Wir sind keine Heilsbringer. Das wäre ja allein schon  von den Dimensionen her anmaßend.“ 120 Zuschauer wird das Neue Schauspiel Leipzig einmal beherbergen.

"Wir haben uns sehr über diese abstruse Interpretation unseres Namens gewundert. Die Reaktion ist aber bezeichnend für die angespannte Stimmung, die in Leipzig offenbar immer noch herrscht, wenn es um das Centraltheater geht", meint Tretter. Er und seine Mitstreiter Dana Tretter, Claudia Rath und Markus Czygan finden, dass Hartmann wichtig für die Stadt ist. "Das Leipziger Theater ist wieder in der Diskussion und dümpelt nicht wie andere Stadttheater vor sich hin. Das kann doch nur gut sein", sagt Tretter. Über künstlerische Positionen ließe sich freilich streiten, einige Inszenierungen erinnerten ihn an einen Abi-Scherz. "Diese Volksbühnen-Ästhetik der 90er hat sich totgelaufen, das verstört mich nicht, ich echauffiere mich nicht einmal darüber. Davon lässt sich höchstens noch ein bürgerliches Publikum um die 50 vergrätzen." Hartmanns Macbeth-Inszenierung zum Beispiel sei eine „Klischeelandschaft für Regietheater und Postdramatik: Nackte, Videoproduktionen, Textversatzstücke, fließende Personenkonstellationen, Einbeziehung der Zuschauer".

"Wir machen Hamlet, aber es kommen auch Shakespeare-Texte vor"

Das Neue Schauspiel Leipzig sieht sich dagegen eher in der Tradition der Klassischen Moderne, versteht Theater als objektives Korrelat der Gegenwart. Tretters Überzeugung: "Kunst ist reine Form, wenn man sie sprengt, muss man eine neue Form finden, sonst bleibt nicht viel übrig.“ Sie wollten Theater zeigen, das experimentell sei, aber nicht "auf dieser Zertrümmerungsschiene" fahre. Oder anders gesagt: "Wir machen Hamlet, aber es kommen auch Shakespeare-Texte vor." Mit einer sehr bildhaften Ästhetik, die angelehnt an Robert Wilson visuelle Tableaus schafft und sie mit eigenkomponierter Musik untermalt, hofft das Quartett, in Leipzigs Theater-Landschaft eine Nische besetzen zu können. Man wolle fünf Tage die Woche spielen, ein Stück vier bis sechs Wochen in Folge zeigen, zudem Gastspiele, Lesungen und Konzerte.

Konkurrenze um die Ecke?

Fürchtet Martin Heering Konkurrenz für sein benachbartes Lofft? "Nein, denn es ist mit einem professionellen Theaterhaus nicht zu vergleichen. Darüber kann auch der ambitionierte Name nicht hinwegtäuschen. Alles, was ich an künstlerischem Anspruch aus der Richtung höre, ist doch nach dem Prinzip Jeder-kann-mitmachen nicht seriös umsetzbar. Insofern ist der Name Täuschung. Ein Marketing-Gag. Und wenn man sich Relevanz nur über den Namen erwirbt, macht mich das ärgerlich. Wir hingegen haben uns eine professionelle Position hart erarbeitet. Das kann man nicht mal eben aus der Hüfte schütteln."

Bis zur ersten Premiere am 9. Oktober – eine Rio-Reiser-Revue – renoviert das Neue-Schauspiel-Quartett eigenhändig die Räume im Hinterhof an der Lützner Straße, die einst eine Druckerei beherbergten, danach einen An- und Verkauf. "Schade, kein A+V mehr", steht noch immer an einem Zettel an der Eingangstür. Über dem Neuen Schauspiel haben Grafiker ihre Ateliers. Das Theaterfoyer atmet den typisch ranzigen Charme von Plagwitz und Lindenau, zusammengewürfelte alte Tische und Stühle mit blauen Schnörkel-Lehnen, eine alte Biertafel. Die Theke fehlt noch.

Mit vereinten Kräften

400 Kilo Farbe haben die Vier bereits von den Wänden gekratzt, Lärmschutzwände eingebaut, die Toiletten hergerichtet. Im 400 Quadratmeter großen Bühnenraum sind Rath und Czygan gerade dabei, die Wand anthrazit-farben zu streichen. Da sie sich die Handwerker sparen, seien die Kosten, die die Gründer komplett selbst tragen, nicht allzu hoch, sagt Tretter. Einen genauen Betrag will er nicht nennen. Für die laufenden Kosten sollen private Sponsoren geworben werden. Wirtschaftsförderung wurde bereits beantragt, im Herbst wird auch bei der Stadt nachgefragt. Nur die geringe Miete ermögliche das Projekt überhaupt. "Im Westen wäre das unbezahlbar, außerdem ist die Theaterszene dort gesättigt", sagt Tretter. Das Quartett kennt sich aus Würzburg, die Tretters sind schon vor zweieinhalb Jahren nach Leipzig gezogen.

Kein Kabarett im neuen Schauspiel

"Als Kabarettist ist es egal, wo ich wohne, ich bin ohnehin 200 Tage im Jahr auf Tour." Im Neuen Schauspiel wird er jedoch nicht als Kabarettist auf der Bühne stehen, da gebe es in Leipzig schon zu viel Konkurrenz. Es reize ihn aber, Regie zu führen. Bei einem ersten Treffen Mitte Mai kamen 40 Leipziger zwischen 17 und 65 Jahren, die beim neuen Theater mitwirken wollen, als Schauspieler, Musiker oder Akteure hinter der Bühne. Im Hof, dessen gammelige Garagen einmal durch einen Freisitz ersetzt werden sollen, haben Tretter und Co. einen Grabstein aus dem 19. Jahrhundert gefunden und stehen gelassen. Wie ein weiterer Agitprop-Scherz, so schnell lässt sich dieses Theater nicht beerdigen.

Kontakt für Künstler: theater_leipzig@web.de

Nina May

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