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Wunderbar bekloppt

„Hape Kerkelings Kein Pardon. Das Musical“ feiert Premiere an Leipzigs Musikalischer Komödie Wunderbar bekloppt

An Leipzigs Musikalischer Komödie feierte am Samstag Thomas Hermanns „Hape Kerkelings Kein Pardon. Das Musical“ Premiere. Der 54.jährige Quatsch-Comedy-Erfinder führte selbst Regie und machte aus dem Kult-Film von 1993 eine durchgeknallten Musiktheater-Bilderbogen, den das Publikum stehend feierte.

TV-Macher-Panoptikum: Andreas Rainer als Regisseur Bertram, Michael Raschle als Einheizer Walter, Benjamin Sommerfeld als Glückshase Peter Schlönzke, Nora Lentner als Karin und Sabine Töpfer als Doris.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Es ist kompliziert. Ein Tanz auf schmalem Grat, darunter ein Abgrund mit doppeltem Boden. Wie immer, wenn etwas Kult ist. Und „Kein Pardon“, Hape Kerkelings filmische Liebeserklärung an die glitzernde Scheinwelt des Fernsehen, ist zweifelsohne Kult: kein Meisterwerk, aber für die Fans das größte. Dem muss Rechnung tragen, wer derlei von der Leinwand oder der Mattscheibe ins Theater holt. Wie Thomas Hermanns es 2009 als Autor und Regisseur im Düsseldorfer Capitol-Theater getan hat und nun wieder in der Musikalischen Komödie. Am Samstagabend war ausverkaufte Premiere. Lauthals sowie gern im Stehen bejubelt.

Dabei ist es wirklich sehr kompliziert. Denn der Fan will den Gegenstand seiner kultischen Verehrung wiedererkennen, will seine Dialoge zum Mitsprechen, will die Fummel sehen, die sich ihm in die Netzhaut gebrannt haben, geliebte Gesten, Gesichter, Kulissen – und doch verbietet es sich, sein Heil in der Kopie zu suchen. Erstens könnte der geneigte „Kein Pardon“-Fan dann ja gleich das Original streamen. Und zweitens haben wir es hier in der MuKo mit einer anderen Gattung zu tun. Denn Thomas Hermanns „Hape Kerkelings Kein Pardon. Das Musical“ will genau das sein: ein Musical.

Da wird es schon wieder kompliziert: Obschon im Film Musik, vornweg der Show-Gassenhauer „Witzischkeit kennt keine Grenzen“, eine nicht unerhebliche Rolle spielt, reicht das für ein Musical nicht. Da müssen neue Songs rein, Balladen, Ensembles, Show-Nummern. Und auch in dieser Beziehung macht diese MuKo-Produktion vieles goldrichtig: Was Achim Hagemann für den Film komponierte, kommt vor, was Thomas Zaufke an zusätzlichen Titeln ersann, funktioniert. Wild zusammengeklaut ist es, gern aus Riffs und Intros von Titeln, die jeder so unauslöschlich im Ohr hat wie die Bilder von „Kein Pardon“. In der Ouvertüre huschen „Biene Maja“ und „Musik ist Trumpf“ vorbei, Charpentiers Te Deum, in den 90ern noch als Eurovisions-Hymne in aller Ohren, kommt zu seinem Recht. Im Titelsong „Das Leben kennt kein Pardon“ geben sich Nebenstränge von „Imagine“ und „Wochenend’ und Sonnenschein“ die Ehre, „My Way“ irrlichtert durch den Tonsatz, alles gekonnt zusammengeschraubt unter eingängigen Musical-Melodien gehobener Konfektion. Im Grunde gilt für alle Musik dieses gut zweieinhalbstündigen Abends: gut gemacht.

Und doch ist es auch hier ein wenig kompliziert. Denn während die großen Nummern, die alles auffahren, was die MuKo zu bieten hat, das wunderbare Orchester, den schon in der Ouvertüre hemmungslos seine Vokalisen schmachtenden Chor (Orchestrierung: Damian Omansen), kein Auge trocken lassen, hapert es bei kleiner besetzten Songs mit der Balance. Die Stimmen sind zu laut abgemischt, beinahe giftig. Und dass da beispielsweise mitunter ein E-Gitarren-Klang im Graben von Wichtigkeit ist, lässt sich allenfalls ahnen. Das mag daran liegen, dass der musikalische Hausherr Stefan Klingele wunderbar üppige Orchester-Tableaus aufspannt, der kleinen Form aber nicht über den Weg zu trauen scheint. Und so lässt er solide kapellmeisternd manche Rakete ungezündet im Karton liegen. Das ist doppelt schade. Denn gesanglich gibt es nichts zu meckern bei dieser Produktion. Ob Gäste, Ensemblemitglieder oder Chor: Ob Benjamin Sommerfeld als jungenhafter Peter Schlönzke auf den Spuren Hape Kerkelings, Julia Waldmayer als Ulla, Hilde Schumacher als Mutter Hilde oder Hans-Georg Pachmann als Oppa und Anne-Kathrin Fischer als Omma Hilma, Nora Lentner als Karin oder Cusch Jung als Heinz-Schenk-Wiedergänger Heinz Wäscher und überreife Schlager-Diva Uschi Blum – jeder liefert mindestens ein Kabinettstückchen ab.

Dabei gibt es bei der Musicalisierung eines Kultfilms nichts Kompliziertes als die Besetzung. Am kompliziertesten ist es natürlich bei Peter Schlönzke, den Hape Kerkeling unsterblich machte, und bei Heinz Wäscher, dem Heinz Schenk die eigene Ikone zu Füßen legte. Natürlich muss man beide wiederkennen, und ebenso natürlich dürfen weder Kopie noch Parodie dabei herauskommen. Sommerfeld, der eher wie Markus Lanz aussieht, macht seine Sache fabelhaft – aber Cusch Jung macht die seine noch besser. Ihm gelingt das darstellerische Kunststück, den eitlen, verwöhnten, egomanischen Moderator als Kotzbrocken zu zeichnen, den man gleichwohl liebhaben muss. Ein Komödiant mit einer Träne im Knopfloch, ein Tragöde, der sich hinterrücks ins Fäustchen lacht – und unverzichtbar für den überraschenden Schluss, mit dem Thomas Hermanns sich vom Film emanzipiert.

Hermanns hat natürlich nicht nur als Autor, sondern auch als Regisseur dieser Produktion die allerkomplizierteste Aufgabe – der er sich mit unwiderstehlichem Charme entledigt. Sauber erzählt er die Geschichte von Peter Schlönzke, der davon träumt, ins Fernsehen zu kommen, kometenhaft aufsteigt, tief fällt und eine Format erfindet, das heute so erfolgreich ist, wie es vor einem Vierteljahrhundert der Show-Gemischtwarenladen war. Hermanns liebt das Fernsehen, liebt die große Show, die übertriebene Geste im Glitzer-Fummel (Kostüme: Mario Rechlin) vor angeberischer Laubsäge-Kulisse (Bühne: Hans Kudlich). Und weil er sie liebt, diese Fernseh-Welt, deren Produkt und Protagonist er selbst ist, kann er sie so wunderbar bekloppt auf die Schippe nehmen. Er kann das Panoptikum der Gestörten zeichnen, die in dieser Scheinwelt leben (wunderbar: Nora Lentner, Andreas Rainer, Michael Raschle und Sabine Töpfer als degenerierte Sumpfblüten auf der dunklen Seite der Scheinwerfer). Er kann Spargel-Stangen und Gürksken, Flammen und Hundefutter-Dosen tanzen lassen (Choreographie: Natalie Holtom). Kann albern sein und kindisch, anarchisch und kitschig, überdreht und pathetisch, zotig und sentimental, banal und bizarr.

Und dann ist es auf einmal kein bisschen kompliziert mehr: Thomas Hermanns „Hape Kerkelings Kein Pardon. Das Musical“ ist eine bunte Liebeserklärung an das Fernsehen seiner Jugend, unserer Jugend, unserer Eltern. Es ist große Show mit großem Herz und verwegen vielen kleinen Witzen – weswegen es auch bei denen funktioniert, die nicht mehr mit Hape Kerkeling aufgewachsen sind und schon gar nicht mit Heinz Schenk.

Dennoch bleibt es für manche kompliziert. Zur Pause schon verabschiedet sich ein älterer Herr unter herzhaften Flüchen und mit der empörten Analyse „Nein – was aus diesem Haus geworden ist.“ Und auch am Ende gibt es noch Inseln sauertöpfischer Minen inmitten stehender Jubler. Aber so ist das eben mit dem Kult. Man muss Antennen dafür haben.

Also wenn das nicht Kult wird ...

Vorstellungen 7., 12., 13., 14., 19., 20., 21., 30. Mai, 2., 3., 14., 15. Juni; Karten (15–39 Euro) unter anderem in den LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 sowie an der Abend- oder Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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