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Zärtlicher Zweifler: portugiesischer Nobelpreisträger José Saramago gestorben

Zärtlicher Zweifler: portugiesischer Nobelpreisträger José Saramago gestorben

Im August erscheint sein Roman „Die Reise des Elefanten“ auf Deutsch, gewidmet seiner Frau Pilar del Río, „die nicht zugelassen hat, dass ich sterbe“. Bis Freitag hielt die Kraft.

Leipzig. In seinem Haus auf der spanischen Kanaren-Insel Lanzarote ist José Saramago an Leukämie gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.

Vor kurzem hat er nach vielen Jahren den deutschen Verlag gewechselt. Dem voraus gingen „Unstimmigkeiten“, wie sie typisch sind im Umgang mit dem zornigen Kritiker gesellschaftlicher Um- und Zustände. In seinem Internetblog polemisierte er gegen den globalisierten Kapitalismus, Bush und Banken. Der Rowohlt Verlag wollte dieses Tagebuch nur in bereinigter Form drucken. Im September wird es nun bei Hoffmann und Campe erscheinen, wie auch der Roman „Die Reise des Elefanten“. Darin erzählt er von Salomon, der im 16. Jahrhundert von Lissabon an den Wiener Hof gebracht wird. Wie stets porträtiert der Autor Menschen und Gesellschaft, demaskiert sie in einer Verknüpfung von Realität und Fiktion.

Die Verwandlung literarischer Fiktion in soziale Phantasie bestimmt das Werk Saramagos. In seinem wohl wichtigsten Roman „Die Stadt der Blinden“ (1995) macht er die Epidemie in einem diktatorischen Regime zum Gleichnis der Apokalypse; die Gemeinschaft versagt, das Scheitern ist individuell.

Saramago betritt die literarische Bühne 1966 mit „Os poemas possíveis“ (Die möglichen Gedichte). Der internationale Durchbruch gelingt ihm mit Romanen wie „Hoffnung im Alentejo“ (’80), „Das Memorial“ (’82) oder „Das Todesjahr des Ricardo Reis“ (’84). Es folgen Meisterwerke wie „Die Geschichte der Belagerung von Lissabon“ (’89), „Alle Namen“ (’97), „Der Doppelgänger“ (’02) oder „Eine Zeit ohne Tod“ (’05). Darin amüsiert er zunächst mit der Hilflosigkeit gott- und gesetzestreuer Erfüllungsgehilfen, bevor es ernst wird. Der Traum des Einzelnen wird zur Katastrophe, wenn er sich für alle erfüllt.

1998 erhält Saramago als erster Portugiese den Nobelpreis für Literatur. Mit seiner Person ist neben der Erwartung üppiger Prosa die Hoffnung verbunden auf die Kraft der Worte, die Offenbarungen der Parabeln und Allegorien. Einordnungen als ewiger Pessimist begegnet er mit der ihm eigenen Ironie: „Ich bin kein Pessimist, sondern bloß ein gut informierter Optimist“. Optimist, lenkt er ein, könne eigentlich nur sein, „wer gefühllos, dumm oder Millionär ist.“ Allerdings sei er „persönlich durch und durch glücklich“.

Einblick in sein Leben gewährt er in den „Kleine Erinnerungen“. Sinnlich, voller Wärme erzählt er von den Zufällen, die zu Freundschaften, Abenteuern, seinen Büchern führten. Nichts kann jemals wieder werden, wie es war. Zu wissen wie es war, hilft zu verstehen.

1922 in der Ortschaft Azinhaga nahe Lissabon als Sohn eines Landarbeiters geboren, lernte Saramago zunächst Maschinenschlosser. Später arbeitete er als technischer Zeichner, Angestellter in der Sozialbehörde, in einem Verlag und als Journalist. Der poetische Rhythmus der Landschaft hat ihn ebenso geprägt wie das karge Heim der Großeltern. Über seinen Großvater sagte er: „Der klügste Mann, den ich je getroffen habe, konnte weder lesen noch schreiben.“ Es ist ein Bekenntnis zu den sozialen Wurzeln seines Werks – seines Lebens. Die Bücher sind Plädoyers für die Freiheit. Wenn er, Mitglied der Kommunistischen Partei, sich zu politischen Frage zu Wort meldete, gab es häufig Proteste. Als die katholische Kirche sein Buch „Das Evangelium nach Jesus Christus“ (’91) für blasphemisch erklärte und ihm die Regierung die Teilnahme am Europäischen Literaturpreis verweigerte, zogen er und seine Frau auf die Insel Lanzarote. Auch das haben ihm einige Landsleute übelgenommen.

Längst ist José Saramago ein Autor von Weltrang, einer der weltweit meistgelesenen Autoren portugiesischer Sprache. Seine Stimme wird fehlen, sein Erbe liegt vor uns.

Im Herbst 2011 soll Saramagos jüngster Roman „Chaim“ auf Deutsch erscheinen.

Janina Fleischer

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