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Zauberhaft: Horst Bormann ist gehörlos - und tritt seit 50 Jahren als Pantomime auf

Zauberhaft: Horst Bormann ist gehörlos - und tritt seit 50 Jahren als Pantomime auf

Der Stadtverband der Hörgeschädigten hat heute Abend in der Villa Davignon eine besondere Veranstaltung auf dem Schirm. Gewidmet ist sie einem Leipziger. Und der bestreitet sie auch noch selbst: Horst Bormann.

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Horst Bormann

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Mit "Pantomime & Zauber" - seinem Lebenselixier. Seit 50 Jahren steht er damit nunmehr auf der Bühne.

Geboren 1946, erkrankte er mit neun Monaten an Gehirnhautentzündung - und ertaubte. "Als Kind besuchte ich die Gehörlosenschule ,Samuel Heinicke'", erzählt er. "Wir lernten Lesen, Schreiben, Rechnen. Gebärden oder das Fingeralphabet lernten wir nicht." In der AG Theater an der Schule gefiel es ihm daher besonders gut. "Ohne Worte lernten wir Märchen und Geschichten kennen und spielten sie."

Chemiegraf und später Repro-Fotograf hat er dann zwar gelernt. Aber seine stille Liebe - das blieb nun mal die Pantomime. Beim Gehörlosenverband der Stadt gab es damals solch eine Gruppe, die nahm ihn 1962 auf. Schon 1963 durfte er bei einem Kulturfestival im damaligen Karl-Marx-Stadt ein Solo hinlegen. Er mimte einen "Fußballzuschauer." Und wie! Zweiter Preis. Und dann kam das, was man gemeinhin eine steile Karriere nennt. National wie international heimste er Preise ein. Allein 1965 führten ihn Auftritte in die CSSR, in die Sowjetunion, nach Polen, Bulgarien, ja sogar nach Ägypten. Seiner Heimatstadt blieb er verbunden - vor allem die kleinen Leidensgefährten hatten es ihm angetan.

An der Heinicke-Schule übernahm er eine Kinderpantomimegruppe. Er zeigte den Jüngsten, wie man mit dieser Kunst Charakter, menschliche Leidenschaften und Gefühle vermitteln kann - und stärkte nicht zuletzt so ihr Selbstvertrauen. Rein privat sollte es ab 1970 auch jemanden geben, der ihm fortan zur Seite stand: Er lernte seine spätere Frau Marianne, gehörlos wie er, kennen. Heirat 1972, 1976 kam Sohn Olaf zur Welt - mit kerngesunden Ohren. Doch wen wundert's, wenn da auch eine kleine Pantomime heranwuchs? Später sollten Vater und Sohn so manches Mal gemeinsam auf der Bühne stehen.

Als Bormann, inzwischen anerkannter Volkskünstler, sein 20-jähriges Bühnenjubiläum 1983 beging, verwirklichte er mit einem ebenso renommierten und gehörlosen Leipziger Kollegen, mit Zauberkünstler Edgar Schade, eine Idee: Beide traten im Doppelpack auf. Magie und Pantomime. Fortan ein Erfolgsduo. Das es 1986 sogar schaffte, - weil es nicht immer leicht war "nur" vor Hörenden zu spielen - ein Internationales Magiefestival der Gehörlosen aus der Taufe zu heben. "Natürlich kamen seinerzeit nur Ostkünstler", erzählt Bormann. Eine logische Folge war beim 1990er Festival die Gründung eines Magieweltverbandes. In dessen Vorstand der Deutsche, der Leipziger, sprich der Bormann, ganz vorn mitmischte. Schlicht, um diese großen Veranstaltungen besser organisieren zu können, hob er in den Folgejahren zudem einen Verein "Gehörlosen-Magie-Club Leipzig" aus der Taufe.

Um die jeweils Besten der hierzulande hexenden Zunft zu dem alle zwei Jahre stattfindenden Internationalen Event zu delegieren, kam Bormann zudem auf den Trichter, dafür im Vorfeld jeweils ein deutsches Festival einzuführen. In diesem Jahr war's im August im bayrischen Marktredwitz. Die Sieger (zu denen der Perfektionist aus Leipzig freilich wieder einmal selbst gehört) fliegen nun 2014 zum Weltausscheid nach Chicago (USA).

Irgendwann hatte es Bormann - angesichts opulenter Fernsehpreisverleihungen - übrigens auch mal gewurmt, dass stets nur das Lebenswerk hörender Künstler gewürdigt wird. "Wo doch auch Taube Großes leisten!" 2008 lobten der Förderverein der Gehörlosen der neuen Bundesländer und "sein" Club kurzerhand einen eigenen Preis aus: die "Goldene Krone". Und auch, wenn er diese nach einstimmigem Beschluss der nationalen Jury damals gleich als erster aufbekam, so vergisst er doch niemals, wie alles anfing. Als Bube. In der Heinicke-Schule. Wann immer es ihm möglich ist, pilgert er heute noch hin - zieht in Schulferien-Workshops den hörbehinderten Nachwuchs mit seiner Kunst in den Bann.

Villa Davignon, Friedrich-Ebert-Straße 77: "Pantomime & Zauber", Horst Bormann. Beginn 18 Uhr; Tickets an der Abendkasse zu acht Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.09.2013

Angelika Raulien

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